Interview mit Ludwig Rüter und Adalbert Hoffmann
Erinnern und mahnen

Telgte -

Auf der Jahreshauptversammlung von „Erinnerung und Mahnung“ hat Ludwig Rüter gestern Abend, bis dato zweiter Vorsitzender, seine Vorstandarbeit im Verein beendet. Der ehemalige Realschulkonrektor hat sich über Jahrzehnte für das Andenken der Juden in Telgte und gegen das Vergessen der Gräueltaten der Nationalsozialisten eingesetzt. Für seine Arbeit zeichneten ihn seine Vereinskollegen gestern mit der Ehrenmitgliedschaft im Vorstand des Vereins auf Lebenszeit aus. Wir sprachen vor der Versammlung mit Ludwig Rüter und dem Vereinsvorsitzenden Adalbert Hoffmann über die Juden in Telgte, Parallelen zu heute und wie nützlich es sein kann, große Geschichte lokal greifbar zu machen.

Dienstag, 25.03.2014, 06:22 Uhr

Fast 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs , wieso muss da noch immer erinnert und gemahnt werden?

Ludwig Rüter : Vieles aus dieser Zeit ist nur ganz langsam aufgearbeitet worden. In Telgte wurden diejenigen, die die Synagoge angesteckt hatten, direkt nach Kriegsende, also noch 1945, gemeldet. Andere Dinge sind dagegen viel langsamer aufgearbeitet worden. Vieles wurde Jahrzehnte gar nicht behandelt. Auch ich habe mich lange mit dem Thema nicht beschäftigt. Erst während meiner Zeit in Telgte hat es im Rahmen der Arbeit mit den Schülern bei mir klick gemacht.

Adalbert Hoffmann : Wir hoffen natürlich auch, dass Menschen noch daraus lernen können. Auch heute gibt es Ausgrenzung, Erniedrigung, Vertreibung und Antisemitismus. Man braucht nur nach Holland oder ganz aktuell nach Frankreich zu schauen. Auch bei uns sind, etwa in der AfD, solche Tendenzen erkennbar. Deshalb sind wir der Meinung, es muss weiter erinnert und gemahnt werden.

Der Verein kümmert sich hauptsächlich um die Geschichte der Juden vor Ort. Viele junge Leute kennen Juden heute nur aus der Bibel und den Berichten zum Nationalsozialismus . . .

Rüter: 1941 gab es die Meldung, Telgte sei judenfrei. Und so ist es bis heute. Nach 400 Jahren jüdischer Gemeinde hier vor Ort. Diese Auswirkungen muss man sich nur einmal vor Augen führen.

Hoffmann: Es ist in der Tat schwierig, junge Leuten zu erreichen. Bei unserer Ausstellung 2012 haben wir aber gesehen, dass die Schulklassen, die uns besucht haben, sehr interessiert waren. Es geht uns auch nicht nur um Juden, es geht, wie eben schon gesagt, um Beachtung von Minderheiten und gegen Ausgrenzung.

Sie haben 1998 den Anstoß zur Gründung des Vereins gegeben, Herr Rüter. Mit 84 Jahren haben sie die NS-Zeit noch miterlebt. War das auch ein Grund?

Rüter: Eigentlich nicht. Ich bin in einer Bauerschaft bei Gladbeck groß geworden. Auch dort wurde eine Synagoge angezündet. Das habe ich aber nicht mitbekommen. Auch in meiner Zeit als Lehrer in Buer habe ich mich damit nicht sonderlich beschäftigt. Erst in Telgte kam ein Thema zum anderen. Ich kann nicht mehr die spannenden Stunden zählen, die ich seit 1980 im Stadtarchiv verbracht habe. Erinnerung und Mahnung haben wir ja erst 1998 gegründet. Davor waren die Schüler der Realschule fast 20 Jahre Erinnerung und Mahnung könnte man sagen. Schon da haben wir gemerkt, wenn man Geschichte vor Ort greifbar macht, dann wird sie noch einmal um ein Vielfaches interessanter. Immer wieder haben sich Schüler gefunden, die immer neue Themen erforscht haben.

Sie sagen das war spannend. Dabei ist das Thema sicher häufig sehr bedrückend gewesen. Können Sie sich da an besondere Situationen erinnern.

Rüter: Also besonders war es vor allem, als Alfred Auerbach 1988 zur 750-Jahr-Feier Telgte erstmals wieder besucht hat. Die Schüler hatten ihm damals Fragen geschickt aber lange keine Antwort bekommen. Er hat uns dann beim Besuch gesagt, dass er die Fragen wochenlang mit sich herumgetragen habe, aber es ihm so schwer gefallen sei, diese zu beantworten. Er hat mit seinen Kindern auch kein Deutsch gesprochen. Er konnte es nicht, weil seine Familie hier in Deutschland ermordet worden war. Der Besuch war für unsere Arbeit ein Schlüsselerlebnis. Besonders traurig wurde es, als wir die Cousine von Alfred Auerbach in den USA ausfindig gemacht hatten. Sie war die zweite Auerbach, die nach dem Krieg Telgte besuchte, das war 1989. Sie brachte einen ganzen Stoß Briefe mit von ihren Eltern, die sie noch aus Telgte geschrieben hatten. Später sind die Eltern nach Hildesheim in ein Judenhaus gegangen und von dort ins Ghetto Warschau deportiert worden; (Rüter schluckt)... das rührt einen dann schon sehr. Es hätten noch Tausende gerettet werden können, aber die Grenzen waren ab 1939 größtenteils dicht.

Dass Länder ihre Grenzen dicht machen wollen, das gibt es auch in der heutigen Zeit. In der Schweiz gab es eine Abstimmung zur Zuwanderung, auch bei uns ist das ein Thema.

Rüter: Genau das ist mir dabei eingefallen. Die Vorkommnisse damals haben tatsächlich Parallelen zu heute.

Was machen Sie mit Ihren Aufzeichnungen aus 35 Jahren?

Rüter: Die meisten habe ich schon dem Stadtarchiv zur Verfügung gestellt. Auch die Briefe werde ich dahin geben. Das ist aber kein abgeschlossenes Thema, im Gegenteil, es wird uns weiter begleiten, denn es tauchen immer neue Fragen auf.

Und der Verein Erinnerung und Mahnung verliert mit Ludwig Rüter . . .

Hoffmann: . . . einen unermüdlichen Impulsgeber mit unglaublichem Wissen.

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