Hilfe aus Telgte
Pflege-Kultur in Rumänien aufgebaut

TELGTE -

Rumänien, die Heimat von Michael Cretu („Enigma“), Peter Maffay und Graf Dracula zählt zu den ärmsten EU-Ländern. Auch über 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks mangelt es an einem modernen Gesundheitssystem.

Montag, 12.01.2015, 06:01 Uhr

Rumänien , die Heimat von Michael Cretu („Enigma“), Peter Maffay und Graf Dracula zählt zu den ärmsten EU-Ländern. Auch über 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks mangelt es an einem modernen Gesundheitssystem. Dabei ist das Thema Überalterung der Gesellschaft auch in Rumänien ein großes. Genau hier setzt ein transnationales Projekt der EU an, das in der Region um die Universitätsstadt Iasi (knapp 400 Kilometer nördlich von Bukarest) stattfindet.

Karin Fischer (Leiterin der C.E.M.M. Caritas-Sozialstation Telgte ) schulte dort mit ihren Kollegen Birgit Schürmann und Bernhold Möllenhoff aus dem Kreis Warendorf 42 rumänische Pflegerinnen und Pfleger speziell für die häusliche Pflege. Eine Woche verbrachte Karin Fischer im rumänischen Suceava an der Moldau, besuchte für zwei Kurse die verarmte Landregion. „In den Dörfern rund um Iasi, nahe der Grenze zur Ukraine, gibt es kein fließendes Wasser, sondern nur Brunnenanlagen. Die Menschen heizen mit Holz. Es fahren Pferdekarren. Oft ist nur ein Raum beheizt und die Pflegebedürftigen liegen am Ofen.“

Für Fischer war es vom Zustand der ärmlichen Infrastruktur eine Zeitreise viele Jahrzehnte zurück. Von der Mission ihrer Arbeit her aber ein ganz wichtiger Blick nach vorn mit großer Nachhaltigkeit. „Wir liefern unser Know-how für die Pflegearbeit vor Ort als Hilfe zur Selbsthilfe“, erläutert Karin Fischer im Gespräch. Das Ziel ist es, nachhaltige und professionelle Strukturen aufzubauen. Denn daran würde es in der Region an der ukrainisch-rumänischen Grenze immer noch mangeln.

„Unser Ziel ist es nicht, rumänische Pflegekräfte nach Deutschland zu holen“, betonte Fischer. Vielmehr reagiert das Projekt auf die Entwicklung der häuslichen Krankenpflege in der Bukowina-Region im Nordosten des Landes. „Die wurde stark ausgebaut und wächst weiter. Und der Bedarf für die Pflege, besonders in den eigenen vier Wänden, wird weiter zunehmen.“

Bei der Hilfsmission traf Fischer mit ihrem Team aber auch auf Probleme. Manche der Menschen dort hatten ungarische Wurzeln, da half auch der Übersetzer nicht. „Da mussten wir halt mit Händen und Füssen kommunizieren.“

Die „Entwicklungshelfer in Sachen Pflege“ veranschaulichten anhand zahlreicher Praxisübungen, wie man zu pflegende Menschen am besten und kraftschonendsten (per Kinästhetik) aus dem Bett oder dem Rollstuhl hievt, sie versorgt und mit zentralen Griffen wieder zurück ins Bett legt. C.E.M.M.-Mitarbeiterin Birgit Schürmann schlüpfte dafür in die Rolle des „Patienten“ und legte sich ins Bett, während Karin Fischer die wichtigsten Handgriffe erläuterte und auch kommunizierte, dass Augenkontakt und warmherzige Gespräche zwischen Patient und Pflegekraft von Bedeutung sind. „Die rumänischen Pflegekräfte waren uns gegenüber zwar sehr aufgeregt, aber herzlich und offen.“

Sehr erschrocken war die Helferin aus Telgte, als sie Patienten mit großen Wunden auf provisorischen Betten aus Beton sah, die sich wund gelegen hatten und Fehlstellungen der Gelenke aufwiesen. „Die Schicksale dort haben mich sehr berührt.“ Fischer empfahl auch Körperlotionen aus Milch und Öl, was auch die armen Bauernfamilien im Haushalt haben. „Die fragten mich dann: Ziegenmilch oder Kuhmilch?“

Im April 2015 kommen die rumänischen Pflegekräfte zum Gegenbesuch nach Münster und Telgte. Im Juli 2015 fährt Karin Fischer wieder eine Woche nach Rumänien. Denn eins ist klar: Dort gibt es noch richtig viel zu tun.

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