Zwei Deutschlehrer im Interview
„Abschweifen wäre manchmal bildender“

Telgte -

Stefanie Tebben und Gerd Schumacher über Unterrichtsvorgaben, Förderung und den Spaß am Lesen.

Samstag, 07.03.2015, 07:03 Uhr

Stefanie Tebben und Gerd Schumacher in der Bibliothek des Gymnasiums. Die beiden haben unterschiedliche Lesegeschmäcker, sind sich in der Sache aber einig.
Stefanie Tebben und Gerd Schumacher in der Bibliothek des Gymnasiums. Die beiden haben unterschiedliche Lesegeschmäcker, sind sich in der Sache aber einig. Foto: Meyer

Der eine mag sich mit Grauen daran erinnern, was für den anderen das größte Pläsier war. Wer an seinen Deutschunterricht zurückdenkt, denkt zwangsläufig auch an die Bücher, die er zu dieser Zeit gelesen hat oder es zumindest sollte. Goethe, Schiller, Lessing, Kafka, Fontane gab es damals wie heute in deutschen Klassenräumen. Ihre Gedichte vermittelten Versmaße, ihre Romane, Dramen und Lustspiele sorgten je nach Geschmack für Begeisterung oder tiefen Frust. Das ist bis heute so geblieben. Unsere Redaktionsmitglieder Björn Meyer und Yannik Bartling sprachen mit Stefanie Tebben und Gerd Schumacher , Deutschlehrer am MSM-Gymnasium, über Bücher, die Lust, lesen zu wollen und den Frust, lesen zu müssen.

Ist es eine gute Regelung, dass bislang eine ziemlich genaue, zentrale Vorauswahl getroffen wird, was in der Oberstufe gelesen wird?

Tebben: Teils, teils. Es erleichtert den Unterricht, weil die Diskussion mit den Schülern wegfällt. Es ist einfach klar: Das muss jetzt gelesen werden. Allerdings hätte ich, seit das Zentralabitur eingeführt wurde, persönlich in nahezu 100 Prozent der Fälle etwas anderes ausgesucht.

Schumacher: Absolut, manches hatte ich selbst seit der eigenen Schulzeit nicht mehr gelesen, da habe ich die alten Reclam-Hefte aus der Schublade herausgekramt. Jetzt aber wird sich das ändern. Für die Schüler, die im kommenden Schuljahr in die Einführungsphase kommen, gilt ein neues Curriculum. Dafür macht das Ministerium nur noch zwei konkrete Büchervorgaben. Für Grund- und Leistungskurse ist Faust 1 verpflichtend. Zudem müssen wir ein weiteres Drama lesen, das wird dann vermutlich von Brecht sein. Außerdem sind für den Leistungskurs „Der Prozess“ und für den Grundkurs „Die Verwandlung“, beide von Kafka, Pflicht.

Die Verwandlung, ich erinnere mich mit Grausen...

Tebben: Ich habe eben noch im Vorgriff auf unser Gespräch meinen Grundkurs gefragt. Die fanden das super. Weil es in einer Sprache geschrieben ist, die sie verstehen. Dass der Inhalt so absurd ist und sich jemand in ein Insekt verwandelt, stört die Schüler dagegen nicht. Kabale und Liebe dagegen war für sie viel schlimmer. Dabei ist die Story eigentlich trivial, nicht viel anders als GZSZ auf RTL , aber die Sprache ist ihnen einfach fremd.

Eine angehende Abiturientin hat uns gesagt, „Tauben im Gras“ sei ihre liebste Schullektüre, weil sie die Sprache so gut verstehen kann.

Tebben: Dabei habe ich gerade bei diesem Buch gedacht: Das ist eigentlich unzumutbar für Schüler. Sogar für mich fand ich das anfangs sehr schwierig. Ich musste mir in den Ferien wirklich jeden Tag ein paar Seiten vornehmen. Grenz­wertig, vor allem wenn dann auch noch der Gedanke dahinter stehen soll, Leselust zu wecken.

Schumacher: Das ist vielleicht auch nicht die Absicht, zumindest nicht in der Oberstufe. Da geht es nicht mehr um Leselust. Da stehen die Anforderungen des Abiturs im Vordergrund.

Ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, Bücher zu lesen, bei denen schon von Anfang an klar ist, dass die Schüler Probleme mit der Sprache haben werden?

Tebben: Ich finde das schon wichtig, dass jeder Schüler, der Abitur hat, Goethe gelesen habe sollte oder zumindest Vergleichbares. Das gehört nach meinem Verständnis von Bildung einfach dazu. In der Gegenwartsliteratur gäbe es allerdings Werke, die der Lebensrealität der Schüler deutlich näher wären als zum Beispiel „Tauben im Gras“.

Warum nicht einfach zum Beispiel mal Hip-Hop-Texte in den Deutschunterricht einfließen lassen. Das wäre ja Sprache, die viele Schüler berührt.

Schumacher: Ganz einfach, wir haben ein klares Programm, das wir abarbeiten müssen.

Tebben: Wenn man gut geplant hat, kann man sicher mal eine Doppelstunde auf etwas Derartiges verwenden. Aber so richtig vom Weg abzukommen, das lässt der Lehrplan einfach nicht zu.

Schumacher: Beim Bereich Sprache ist sowas aber auch drin. Allerdings analytisch, weniger literarisch.

Bildung oder Ausbildung, was dominiert den Deutschunterricht?

Schumacher: Natürlich steckt in all den Vorgaben Bildung drin, aber das Abschweifen wäre sicherlich manchmal bildender, als das auf der Straße bleiben. Aber es lässt sich im großen Maßstab nicht machen, es wäre einfach unverantwortlich den Schülern gegenüber, die hier sitzen, um ein bestmögliches Abitur zu machen.

Traurig darüber?

Schumacher: Ich habe schon anders unterrichtet, ja.

Tebben: Es hat mehr Freude gemacht, als man spezieller auf den Kurs eingehen konnte. Zu sehen, wie sind die Schüler drauf, was könnte denen liegen?

Fehlt dadurch nicht auch die Möglichkeit, sich als Lehrer weiterzuentwickeln?

Tebben: Vielleicht, andererseits musste ich durch die Vorgaben schon Bücher lesen, die ich sonst nicht gelesen hätte. „Tauben im Gras“ zum Beispiel habe ich mittlerweile schätzen gelernt. Es wird sogar jedes Mal besser. Außerdem wird ja vom Ministerium schon für etwas Abwechslung gesorgt.

Wie war das in Ihrer eigenen Schülerzeit?

Tebben: Ich hatte auch Deutsch-LK, Abi ´95. Wo warst du da, Gerd?

Schumacher: (lacht) Ja, da hättest du bei mir dein Abi machen können.

Tebben: Ich kann mich daran erinnern, Effi Briest gelesen zu haben. Die Jungs aus der letzten Reihe fanden es schrecklich und haben immer gerufen: „Trivialliteratur“. Und ich fand es toll. Auch „Homo Faber“ fand ich super. Ich habe das aber auch gar nicht zur Diskussion gestellt. Der Lehrer kam mit dem Buch, ich hab es gelesen und fand es super.

Schumacher: Ich kann mich daran kaum noch erinnern. 1979 habe ich Abitur gemacht. Das war spannend, erstes Jahr reformierte Oberstufe mit Kurssystem. Mir hat das viel Spaß gemacht.

Tebben: Ich habe den Unterricht sehr geschätzt, auch wenn er sicher anders war als heute. Aufgrund meiner schönen Schrift hat mich der Lehrer häufig nach vorne geholt und ich musste Tafelbilder anmalen. Das konnte wochenlang so gehen (verzieht das Gesicht).

Schumacher: (lacht laut)

Stöhnen Schüler heute mehr, wenn sie Bücher lesen müssen?

Tebben: Ich glaube, es ist immer ein spezieller Schülertyp, der stöhnt, oder? (schaut zu ihrem Kollegen)

Schumacher: Auch das macht das Zentralabitur leichter, aber ja, es sind immer dieselben.

Tebben: Man weiß eigentlich schon vorher, wer das Buch nicht gelesen haben wird. Das hat sich nicht groß gewandelt. Ich kenne aber, das beobachte ich sehr wohl, immer weniger Schüler, die in ihrer Freizeit lesen.

Schumacher: Da müssen wir weg von der Oberstufe. Leseförderung ist ganz klar eine Aufgabe von uns, die allerdings mit verkürzter Schuldauer nicht einfacher wird, zumal wir ja auch andere Inhalte transportieren müssen. Man bekommt die Kinder aber gerade in der 5. Klasse schon noch. Da lesen sie gerne.

Tebben: Aber sie gehen uns irgendwann in der Pubertät verloren.

Schumacher: Ich habe aber auch schon mal selber in einer achten Klasse über ein Jahr Bücher vorgestellt. Das hat denen wiederum Spaß gemacht. Lesen aber erfordert auch Zeit. Ich vermag da nicht zu sagen, ob eine höhere Stundenzahl in der Schule auch mit dem geringeren Interesse an Büchern zu tun hat.

Tebben: Wir stellen aber immer fest: Diejenigen, die lesen, bei denen lesen auch die Eltern. Das prägt offenbar stark.

Werden die Schüler denn manchmal nicht auch von der Schulliteratur vom Lesen abgeschreckt?

Tebben: Vielleicht, aber es ist auch eine Aufgabe, sich mit Dingen zu beschäftigen, die nicht nur durchweg Freude bringen. Im Studium oder im Beruf, das kommt immer wieder auf einen zu. Es geht darum, Wege zu finden, mit dem Text zu arbeiten und nicht darum, von der ersten Seite Buddenbrooks zu denken: „Super Schinken“. Eine gewisse Frustration auszuhalten ist auch ein Lernziel. Andererseits ist es auch so: Auch als Lehrer darf man ruhig mal sagen, dass einem der Zugang zu einem Buch fehlt.

Was lesen Sie gerade privat?

Tebben: „Schiffbruch mit Tiger“.

Schumacher: „Der Trafikant“, eine wunderbare Geschichte über einen Kioskbesitzer der ins Gespräch mit Sigmund Freud kommt. Könnte man fast auch mal im Unterricht besprechen. . .

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