Gudrun Stricker hilft Flüchtlingen bei der Integration
„Weil es uns so verdammt gut geht“

telgte/westbevern -

Die Namen sind auf Papier geschrieben und stecken an der Klingel. Nach dem „Dingdong“ fängt drinnen das Baby an zu schreien, zeitgleich öffnet Ziad die Tür, sein älteres Töchterchen Maria hockt auf seinem Arm und freut sich offensichtlich über den Besuch. Ihr Vater lächelt.

Freitag, 25.03.2016, 06:03 Uhr

Gudrun Stricker mit Mohamad Hossein. Der 22-Jährige kommt aus dem Iran.
Gudrun Stricker mit Mohamad Hossein. Der 22-Jährige kommt aus dem Iran. Foto: Jäger

Seine Frau Suzan lächelt nicht, sie versucht gerade vergeblich, die drei Monate alte Angela zu beruhigen. Die junge Frau ist müde, sehr müde. Das Kind schläft nachts einfach nicht, erklärt sie später. Außerdem hat sie eine Gallen-Operation hinter sich und die Kleine war gerade beim Kinderarzt.

„Vielleicht kommt das vom Impfen“, sagt Gudrun Stricker und zeigt auf Angelas Arm. Ziad und Suzan nicken. Die beiden kommen aus Mossul im Irak . Der IS hat die Stadt eingenommen, weil die Ölraffinerien wichtig für die Terrorgruppe sind. Ziad und Suzan sind zusammen mit Maria geflohen, ihr zweites Kind wurde hier geboren. Ziad sagt stolz: „In Münster, im Franziskus-Hospital.“ Ob sie ihr Baby Angela nach der Kanzlerin benannt haben? Er lächelt nur und nickt. Kann aber auch sein, dass er die Frage nicht richtig verstehen konnte.

Wie genau, auf welchem Weg sie gekommen sind? Es ist schwer, darüber zu reden, wenn man keine gemeinsame Sprache hat. Das weiß auch Gudrun Stricker, doch sie sagt: „Mit Händen und Füßen geht es immer irgendwie.“ Muss es irgendwie gehen.

Das Baby schreit weiter. Stricker lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Die Westbevernerin ist seit ein paar Monaten eine von etwa 130 ehrenamtlichen Betreuern, die sich – organisiert durch den Zib – um Flüchtlinge und Flüchtlingsfamilien kümmert (siehe Artikel unten). Heute hat sie der jungen Familie im Babystress, die außerhalb von Vadrup in der Nathmannsheide untergebracht ist, eine Babywanne vorbeigebracht.

Sie versucht, dass Gestell aufzubauen, fragt Ziad mit einer Handbewegung, ob er einen Hammer oder eine Zange hat. Er bringt einen Hammer. Stricker hämmert und lacht: „Es ist nicht schlecht, wenn man praktisch veranlagt ist.“

Die 15 Monate alte Maria findet das alles spannend. Immer wieder greift sie nach den dunkelblauen Stangen, strahlt und sagt: „Hallo“ und danach „Tschüss“. Papa Ziad lobt seine Tochter, er selbst weiß, wie schwer es ist, Deutsch zu lernen. Weil ihm der Unterricht in Telgte voran gebracht hat, fährt er regelmäßig mit dem Fahrrad und Bus zu den Stunden. „Acht Kilometer, kein Problem“, sagt er.

Er kocht Tee für Gudrun, Suzan reicht der Helferin einen Obstteller. „Ich kann hier immer essen“, sagt sie und schält eine Orange. Als nächstes will sie sich darum kümmern, dass die Familie arabisches Fernsehen empfangen kann und dass ein Briefkasten aufgestellt wird. „Ich organisiere gerne und ganz gut“, sagt Stricker.

Das hilft ihr auch bei ihren anderen Schützlingen, die sie ein paar Tage später besucht. Ali öffnet die Tür des kleinen Fachwerkhäuschens mitten in Westbevern-Dorf. Es riecht gut, der junge Mann aus Afghanistan ist gerade dabei, eine Art Gulasch zu kochen. Doch jetzt wird der Topf erst einmal zur Seite geschoben und Teewasser für den Besuch zubereitet. Über ein paar Treppen geht es in Alis Zimmer, das er sich mit Landsmann Nabie teilt. Weil Ali erst 19 Jahre alt ist, hat Gudrun ihm ein günstigeres Ticket für die öffentlichen Verkehrsmittel besorgt, dasselbe möchte sie auch für Nabie tun, sie versucht es ihm zu erklären. Außerdem hat sie gebrauchte Joggingschuhe für ihn dabei. „Ich nehme Nabie mit zum Lauftreff“, sagt sie. Inzwischen ist auch noch Mohamad Hossein hereingekommen. Er setzt sich neben Gudrun und streicht sich die Haare zurück. Sie lacht: „Er war gerade beim Frisör“, sagt sie. Mohamad grinst. Der 22-Jährige kommt aus dem Iran. Er spricht ein bisschen Englisch. So kann er erzählen, dass er früher Handys verkauft und in einer Autowerkstatt gearbeitet hat. Er spielt Fußball bei der SG Telgte und neulich war er mit Gudrun beim Boxtraining in Ostbevern. „Wir versuchen das hinzubekommen, dass sie da mitmachen können“, erzählt Gudrun Stricker. Links von ihr nimmt jetzt Hossein, der zweite Iraner in der Runde, Platz. Er hat einen Arm bei seiner früheren Arbeit verloren, Gudrun wird gleich mit ihm und einem Übersetzer, den er sich selbst organisiert hat, zum Arzt gehen. Gudrun lobt den jungen Mann, sein Deutsch sei schon viel besser geworden. Er lächelt verlegen. Viermal die Woche radeln „die Jungs“, wie Gudrun Stricker die Vier liebevoll nennt, nach Vadrup zum Deutschunterricht. Die Lehrer sind sehr zufrieden.

Jetzt gerade ist die Satellitenschüssel kaputt oder verstellt. „Nur Handy und schlafen“, erzählt Gudrun lachend „das finden sie langweilig.“ Was sie sonst so tun? Ali zählt auf: „Putzen, kochen, einkaufen.“ Sie wechseln sich mit der Hausarbeit ab, sagen sie. Und Mohamad verrät, was er am häufigsten kocht: „Pommes.“

Was sie gerne einmal beruflich machen würden? Das Farsi-Übersetzungsprogramm übers Smartphone gibt den Dolmetscher. Mohamad erklärt mit Händen und Englischbrocken, dass er gerne Automechaniker werden würde, Hossein würde lieber mit Autos handeln. Nabie, der neulich in der Kleiderstube einen besonders schönen Pullover gefunden hat, sagt „Verkäufer“ und zupft an seiner Kleidung. Also: Einzelhändler im Textilbereich. Und Ali? Der Jüngste tippt in sein Smartphone und zeigt anschließend das Display: „Rechtsanwalt“ steht dort.

Ob sie froh sind, dass es Gudrun gibt? Sie alle lachen und sagen „sehr gut“. Ali ergänzt: „Sie ist meine Mutter.“

In Deutschland mögen sie vor allem die freundlichen Menschen, erzählen die Vier noch. „Good People“, sagt Mohamad. Das einzige, was schlecht ist: „Meine Familie nicht da.“

Dann stellen sie sich auf, für ein Gruppenfoto mit Gudrun. Mohamad stylt sich erst noch seine Haare, die anderen lachen darüber. Vier junge Männer eben.

Draußen scheint die Sonne, eigentlich wäre Gudrun Stricker heute gerne in den Garten gegangen, stattdessen fährt sie jetzt mit Hossein zum Orthopäden. Warum tut sie das? Die Antwort kommt ohne ein Zögern. „Weil meine Mutter ein Flüchtling war. Und weil es uns so verdammt gut geht.“

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