Erst Erstkommunion, dann Abschiebung
Ein ganzes Dorf ist traurig

Westbevern -

Eine vorgezogene Erstkommunion feierte am Sonntag ein junges Mädchen aus Albanien, das in Telgte lebt. Doch es gab nicht nur Freude über das Ereignis, denn die Familie wird noch in dieser Woche abgeschoben.

Montag, 27.02.2017, 18:02 Uhr

Als Sindi jetzt in Westbevern vorgezogen ihre Erstkommunion feierte, waren ihre Klassenkameraden dabei und begleiteten sie mit Kerzen auf ihrem Weg. Das Mädchen und ihre Familie werden in ihre Heimat Albanien zurückgeschickt. Deshalb war Eile geboten.
Als Sindi jetzt in Westbevern vorgezogen ihre Erstkommunion feierte, waren ihre Klassenkameraden dabei und begleiteten sie mit Kerzen auf ihrem Weg. Das Mädchen und ihre Familie werden in ihre Heimat Albanien zurückgeschickt. Deshalb war Eile geboten. Foto: Ines Ewelt

Als Sindi in ihrem weißen Kleid durch die Kirche schreitet, strahlt sie. Sie passiert das Spalier ihrer Schulkameraden, die sich mit Kerzen versammelt haben, um bei ihrer Erstkommunion dabei zu sein. Eigentlich ein schöner, ein glücklicher Moment. Doch schon übermorgen wird Sindi nicht mehr mit ihren Freunden spielen und am Kommunionunterricht teilnehmen können. Denn Sindi kommt aus Albanien . Dann wird sie mit ihrem kleinen Bruder Santi und den Eltern zurück in ihre Heimat geschickt.

Plötzlich ist die große Politik ganz nah und ganz persönlich: „Sie rückt uns auf den Pelz“, sagt Pfarrer Pottebaum. Er erklärte sich sofort bereit, die Kommunion vorzuziehen. Erst am vergangenen Donnerstag hatte Familie Doci erfahren, dass sie zurückgeschickt wird. Nur eine Woche nach dieser Nachricht wird sie mit dem Bus nach Tirana, der Hauptstadt Albaniens, gebracht. Jeder darf nur einen Koffer dabei haben, mehr nicht. Die Fahrt wird ein paar Tage dauern, die Familie kommt dann bei Sindis Großeltern in einer sehr kleinen Wohnung unter.

Karin Lahsen , die die Familie für Zib seit ihrer Ankunft in Telgte 2015 betreut hat, ist traurig und empört. „Es regt mich auf!“, sagt sie. Für sie fühlt sich das an wie ein Schlag ins Gesicht. Nicht nur sie selbst, ganz viele Leute, hatten sich um die Docis gekümmert.

Die Docis hatten ihre Heimat Albanien verlassen, weil es dort keine Arbeit und keine Zukunft für ihre Kinder gab. Marjana und Kastriot wussten, dass die Abschiebung drohte, doch mit ihren Kindern Santi und Sindi taten sie alles, um hier Fuß zu fassen, um eine Chance auf ein besseres Leben zu haben. Die neunjährige Sindi spricht längst fließend Deutsch, sie wurde zur Klassensprecherin gewählt. Wenn sie jetzt zurück nach Albanien geht, wird sie – genau wir ihr siebenjähriger Bruder – erst einmal in keine Schule gehen. Die Einschulung im laufenden Schuljahr sei dort nicht möglich, sagt Lahsen.

Vater Kastriot arbeitete am Anfang auf dem Bauhof, dann fand er einen Job beim Aufzugsunternehmen Ammann und Rottkord. Dort will man ihn unbedingt behalten und verzweifelt fast an der deutschen Bürokratie, die das so unglaublich schwer macht. Und ausgerechnet jetzt, wo alle Bemühungen fruchten, kommt die Abschiebung. Weil die Pässe der Familie, die im Behörden-Wirrwarr verschwunden waren, wieder auftauchten und es keinen behördlichen Grund mehr gibt, dass sie hierbleiben dürfen.

Als Sindi von der Abschiebung erfuhr und davon, dass sie deshalb ihre Kommunion jetzt schon feiern würde, „war sie leichenblass“, erzählt Karin Lahsen. „Sie wollte das alles doch so gern mit den anderen zusammen erleben.“ Da wusste das Mädchen aber auch noch nicht, dass die Katechetinnen schnell die anderen Eltern und Kinder mobilisieren würden, mit einer Kerze zur Messe zu kommen. „Du wirst eine Prinzessin sein“, hatte Lahsen versucht, das Kommunionkind zu trösten. Eine Nachbarin kümmerte sich darum, dass das Mädchen ein schönes Kleid bekam.

Und so wurde es tatsächlich für Sindi und ihre Familie ein schöner Tag. „Es war ein bisschen Balsam für die Seele“, versucht Lahsen den Zwiespalt der Gefühle zu erklären.

Sie, Sindis Klassenkameraden und ihre Lehrer, die Freunde der Familie, der Arbeitgeber ihres Vaters aus Westbevern und viele, viele mehr sind traurig. Aber sie blicken auch nach vorne und tun jetzt alles dafür, dass die Docis in der deutschen Botschaft von Tirana ein Arbeitsvisum beantragen können.

Karin Lahsen: „Wir alle hoffen einfach, dass die Familie bald zu uns zurückkommen kann.“

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