Telgter Ratsprotokolle der Jahre 1624 bis 1799
Sisyphusarbeit und unendlicher Fundus zugleich

Telgte -

Dr. Rolf Braun hat die Ratsprotokolle aus dem Telgter Stadtarchiv der Jahre 1624 bis 1799 transkribiert. 5900 Seiten sind zusammengekommen.

Samstag, 23.02.2019, 14:00 Uhr aktualisiert: 24.02.2019, 09:36 Uhr
Tausende Stunden Arbeit hat Dr. Rolf Braun investiert, um die Ratsprotokolle der Jahre 1624 bis 1799 zu „übersetzen“.
Tausende Stunden Arbeit hat Dr. Rolf Braun investiert, um die Ratsprotokolle der Jahre 1624 bis 1799 zu „übersetzen“. Foto: Große Hüttmann

Noch sind die insgesamt rund 5900 Seiten nicht gedruckt, aber wer sich ein wenig näher mit dem Werk von Dr. Rolf Braun beschäftigt, der kann zumindest ansatzweise ermessen, wie viel Zeit diese Sisyphusarbeit gekostet hat. Denn der Lehrer und langjährige Fachleiter hat die Ratsprotokolle aus dem Stadtarchiv der Jahre 1624 bis 1799 transkribiert. Als Transkription wird die buchstabengenaue Abschrift eines Textes bezeichnet.

„Dabei handelt es sich um eine unschätzbare Quelle, die mit ihrer umfassenden Überlieferung einen faszinierenden Einblick in die Geschichte einer westfälischen Kleinstadt bietet – von der Alltags- und Sozialgeschichte über die Entwicklung des Rechts- und Steuerwesens bis zu den politischen Entwicklungen“, sind sich Experten bereits einig.

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Braun, der als Junglehrer 1965 nach Telgte zog, mit der Geschichte der Emsstadt. In diesem Zusammenhang entstand vor mehr als 20 Jahren die Idee, ein „Hausbuch“, also eine Auflistung aller Häuser in der Stadt, zu erstellen. „Irgendwann kam dann der Punkt, da bin ich mit den gängigen Mitteln nicht weitergekommen und habe daher angefangen, die Ratsprotokolle zu übersetzen“, erzählt er.

Denn die Ratsprotokolle waren zu der damaligen Zeit keine Zusammenfassungen der Sitzungen, sondern gleichen einem Stadtbuch. Also einer Auflistung wichtiger Ereignisse, aller Ein- und Ausgaben, politischer oder rechtliche Entscheidungen.

Wie viele Stunden die Transkription gekostet hat, das kann Rolf Braun nicht sagen. Doch Dr. Thomas Müller , ein Bekannter des Geschichtsforschers, hat eine „sehr vorsichtige Schätzung“ erstellt, wonach mindestens 20 000 Stunden Arbeit in das Werk eingeflossen sind.

Morgens ab 4 Uhr sitzt Dr. Rolf Braun zumeist am Schreibtisch und widmet sich den historischen Quellen. Bis in den späten Vormittag ist er damit jeweils beschäftigt.

Dass das Werk eine Fundgrube für Geschichtsinteressierte ist, das wird im Gespräch mit Braun schnell deutlich. Einige Beispiele: Im 17. Jahrhundert waren die Mitglieder des Rates nicht nur im Bereich der Gerichtsbarkeit gefordert, sondern auch bei den Finanzen. Die Stadtkasse wurde vom Bürgermeister geführt, der bei geringer Liquidität des Stadtsäckels notfalls auch einmal in die eigenen privaten Rücklagen greifen musste. Das war übrigens keineswegs unwahrscheinlich, denn wie ein roter Faden zieht sich durch sämtliche Protokolle die Tatsache, dass „Telgter nie wirklich Geld auf der hohen Kante hatte“, weiß der Forscher.

Auch in anderer Hinsicht waren die Ratsvertreter gefordert, etwa wenn eine Latrine zu sehr stank. Dann machte sich das Gremium, begleitet vom Stadt-Maurermeister und vom Stadt-Zimmerermeister auf den Weg, um dem Problem auf den Grund zu gehen.

Wahrscheinlich seiner Ausbildung als Mathematiker ist es zu verdanken, dass Rolf Braun die Ratsprotokolle nicht einfach in eine lesbare Schrift übersetzte, sondern zeitgleich ein umfassendes Register erarbeitete, mit dem man etwa nach konkreten Daten und Namen suchen kann. Vor allem für Genealogen dürfte das Namensverzeichnis interessant sein. Nicht nur Dr. Thomas Müller, sondern auch andere Personen, die bereits einen Auszug einsehen konnten, sprechen daher von einem „Jahrhundertwerk“ nicht nur für die Telgter Stadtgeschichte. Das hat auch der Kreisgeschichtsverein Beckum-Warendorf erkannt, der die 13 Bände in einer neuen Reihe „Telgter Geschichtsquellen“ herausgeben will.

An eine Veröffentlichung hat Rolf Braun lange Zeit nicht gedacht. „Ich habe das für mich gemacht“, sagt der 76-Jährige. Erst Thomas Müller brachte ihn auf die Idee, das Werk zu veröffentlichen.

Ab sofort haben alle Interessierten die Möglichkeit, das 13-bändige Werk, das im Aschendorff Verlag erscheinen soll, zum Subskriptionspreis von 998 Euro zu bestellen. Dafür liegen an vielen Orten im Stadtgebiet ab sofort entsprechende Flyer aus, zudem nimmt Dr. Rolf Braun, ✆ 27 46, Bestellungen entgegen.

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