Kraege aus Telgte
100 Millionen Pflanzen jährlich

Telgte -

100 Millionen Erdbeerpflanzen verlassen jährlich Telgte und sind in ganz Europa heiß begehrt.

Sonntag, 04.08.2019, 16:00 Uhr
Markus Staden (l.) führt jetzt Kraege-Beerenpflanzen. Er hat das Unternehmen von Stefan Kraege (r.) übernommen.
Markus Staden (l.) führt jetzt Kraege-Beerenpflanzen. Er hat das Unternehmen von Stefan Kraege (r.) übernommen. Foto: Pohlkamp

Erdbeeren sind lecker. Doch bevor der Verbraucher genießen kann, hat die Pflanze einen langen Weg hinter sich. Spezialisiert auf die Vermehrung von Erdbeer-, Himbeer- und Brombeerpflanzen hat sich das Telgter Traditionsunternehmen „Kraege Beerenpflanzen GmbH & Co. KG“. In dem Unternehmen werden Pflanzen produziert, die von Erdbeeranbauern und Gartencentern abgenommen werden. In Agadir/Marokko hat Kraege einen weiteren Standort. Dort werden jährlich 15 Millionen Erdbeerpflanzen geerntet.

Seit 61 Jahren ist das landwirtschaftliche Unternehmen in der Delsener Heide ansässig. Angefangen hatte der Betrieb 1958 dort, wo heute die Wohnbebauung das ehemalige Elternhaus von Stefan Kraege umschließt. Mit Rosen startete Harald Kraege, nachdem er vor 65 Jahren als Flüchtling aus dem deutsch-polnischen Korridor nach Telgte kam. In Weimar hatte Stefan Kraeges Großvater bereits Erdbeerpflanzen gezüchtet und Erdbeeren produziert. Diese Tradition setzte er dann in Telgte fort.

Den ersten großen Aufschwung gab es durch die Erdbeer-Selbstpflückerei in den 70er und 80er Jahren. Gleichzeitig begann Kraege damit, Erdbeerpflanzen zu produzieren. Drei Millionen waren es jährlich, als Stefan Kraege Ende der 80er Jahre die Verantwortung übernahm. Heute sind es über 100 Millionen. Eine Änderung hat es in der Verantwortung für das Unternehmen gegeben: Markus Staden hat die Firma von Stefan Kraege übernommen.

Kraege produziert in einem Umkreis von 40 Kilometern um den Hauptsitz Telgte auf rund 260 Hektar – überwiegend gepachteter Flächen – über 36 verschiedene Erdbeer- und sechs der für den Markt wichtigsten Himbeersorten. Über 100 Millionen Erdbeerpflanzen verlassen jährlich Telgte und erreichen rund 3500 Firmenkunden, die innerhalb der EU, in der Schweiz, in Serbien und in Russland Erdbeeren produzieren.

Diese Entwicklung gelang nach Meinung vieler Experten dank eines Gespürs dafür, die jeweils erfolgreichsten Erdbeersorten am Markt einzuführen. In diesem Bereich plant und arbeitet Stefan Kraege immer strategisch. Denn bis eine Sorte vom Markt aufgenommen und tausendfach produziert wird, vergehen mindestens zehn Jahre Züchtung und fünf Jahre kostenintensiver und engagierter Vermehrung.

Kurz bevor eine Erdbeersorte an den Markt gebracht wird, werden die Früchte eingehend gekostet und bewertet. 140 neue Sorten aus etwa 20 europäischen Zuchtprogrammen werden jährlich bei Kraege auf ihre Markttauglichkeit getestet. Davon schafft es alle zwei Jahre eine Sorte, sich im Markt zu etablieren. Und diese gehört dann zumeist schnell zu den besten Sorten in Deutschland.

Hierzu zählte in jüngster Zeit beispielsweise die Erdbeerpflanze mit dem Namen „Malwina“. Diese besonders süße und aromatische Erdbeere ist die zurzeit späteste anbaufähige Sorte in Europa. Sie setzt für Handel und Direktvermarktung neue Maßstäbe aufgrund des späten Reifezeitbereichs.

Eine weitere Besonderheit, die jährlich bei etwa 70 Millionen Pflanzen in Telgte eingesetzt wird, hat den Namen „Frigo“. Diese Produktionsweise gibt es bereits seit fast einem halben Jahrhundert. „Mein Vater hat sie Anfang der 70er Jahre aus Kalifornien mitgebracht und damit den Durchbruch in Deutschland geschafft,“ erinnert Stefan Kraege an die Pionierleistung.

Welche Merkmale die Frigoproduktion auszeichnet, beschreibt Markus Staden: „Es handelt sich um gekühlte Erdbeeren. Mit dem Pflanzzeitpunkt zwischen März und Juni bestimmt der Produzent selbst, wann er mit der Ernte beginnen möchte. Denn sieben bis acht Wochen nach dem Auspflanzen können bereits die ersten Früchte geerntet werden.“

Kraege arbeitet kontinuierlich an der Gesundheit der Pflanzen. „Beginnend mit eigenen Mutterpflanzen produzieren wir unser Pflanzgut unter ständiger Kontrolle der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen,“ betont Markus Staden. Pflanzenschutzmittel für die Produktion stehen zudem immer wieder auf dem Prüfstand: „Dabei geht es unter anderem um die Fragen, welche Umweltauswirkungen sie haben, wie wir sie reduzieren können und den Einsatz mit digitaler Unterstützung genauer vornehmen können,“ erklärt Markus Staden. Die rund 70 Millionen „Frigo“-Pflanzen werden ab Ende November gerodet.

In den Betriebshallen befinden sich die Arbeitsplätze der Saisonarbeitskräfte: Große Mengen Erdbeerpflanzen liegen dort auf den Tischen, wenn der Sortierungsprozess beginnt. Die Mitarbeiterinnen mit ihren Schürzen stehen in langen Reihen, legen mit ihren flinken Fingern die Pflanzen frei und erstellen Bündel mit Erdbeerpflanzen. Die kommen anschließend in Kisten und werden umgehend ins Kühlhaus transportiert. Denn nach dem Sortieren und der Bündelung werden die Pflanzen bei minus zwei Grad Celsius in den Kühlhäusern eingefroren und können dort bis zu sieben Monate gelagert werden.

Neben den Pflanzen für den Erwerbsgartenbau, werden bei Kraege auch getopfte Erdbeerpflanzen für den privaten Garten produziert und etwa an Gartencenter vertrieben. Sie eignen sich zum Anbau auf Balkon und Terrasse sowie eingepflanzt im Gartenbeet. Markus Staden erläutert: „Wir haben alle gängigen Sorten im Programm.“

Das Familienunternehmen Kraege gehört in der Erdbeerpflanzenvermehrung europaweit zu den fünf führenden Unternehmen. Bevor die Erdbeeren als Grün-, „Frigo“- und sogenannte Wartebeetpflanzen produziert werden, müssen sie auf den Feldern einen Reifeprozess durchlaufen.

Auf der Suche nach immer besseren Sorten reist Markus Staden häufig um die Welt, besucht Züchtungsbetriebe und nimmt dort Neuheiten unter die Lupe. Zukunftsgestaltung bedeutet für Kraege und Staden nämlich, die Qualität der Erdbeere weiter zu erhöhen und zugleich neue Sorten zu züchten. Das Ziel ist es dabei, die Produktion und den Vertrieb langfristig sicherzustellen.

Doch das Produktionsumfeld und die gesellschaftliche Akzeptanz für einen landwirtschaftlichen Betrieb werde – so Markus Staden – in Telgte immer schwieriger. „Das ist eine traurige Entwicklung“, sagt der Unternehmer. Er wünscht sich von dem eigentlich landwirtschaftlich geprägten Telgte mehr Unterstützung – auch aus der Gesellschaft: „Die Verlagerung der Produktion ist keine Lösung der Probleme, sondern eine Verschiebung, die wir weltweit haben.“

Daher sucht Kraege derzeit nach Ausweichmöglichkeiten in Marokko und Polen, um die Produktion langfristig sicherzustellen.

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