Telgter waren 1989 bei Montagsdemo in Leipzig live dabei
„Wir hatten Angst“

Telgte -

Vor drei Jahrzehnten waren der Telgter Josef Kosmann, seine Frau Helga und ihr Sohn Jochen nicht nur am 9. Oktober 1989 beim Montagsgebet in der Nikolaikirche in Leipzig, sondern auch kurz darauf mittendrin in der großen Montagsdemo in der Messestadt.

Samstag, 09.11.2019, 12:00 Uhr aktualisiert: 09.11.2019, 16:03 Uhr
Helga und Josef Kosmann mit Erinnerungsstücken – der alte Reisepass, eine Ausgabe des Neuen Deutschland und die Speisekarte von Auerbachs Keller – an die Zeit vor 30 Jahren, als sie Zeugen der großen Montagsdemo in Leipzig waren.
Helga und Josef Kosmann mit Erinnerungsstücken – der alte Reisepass, eine Ausgabe des Neuen Deutschland und die Speisekarte von Auerbachs Keller – an die Zeit vor 30 Jahren, als sie Zeugen der großen Montagsdemo in Leipzig waren. Foto: Große Hüttmann

„Wir hätten damals nie gedacht, dass wir zufällig Zeugen eines der größten Ereignisse in der deutschen Geschichte werden“, sagt Josef Kosmann . Denn vor drei Jahrzehnten waren der Telgter, seine Frau Helga und ihr Sohn Jochen nicht nur am 9. Oktober 1989 beim Montagsgebet in der Nikolaikirche in Leipzig, sondern auch kurz darauf mittendrin in der großen Montagsdemo in der Messestadt. Ein Ereignis, das wesentlichen Anteil am Mauerfall einen Monat später hatte.

Aufgrund jahrelanger Kontakte zu Tante Else, einer Verwandten von Helga Kosmann in Halle an der Saale, entschlossen sich die Telgter im Oktober 1989 zu einem Besuch der DDR-Verwandtschaft. „Während wir einreisten, feierte die DDR den 40. Jahrestag ihrer Gründung mit einer Militärparade und einem Festakt im Palast der Republik“, erinnert sich Josef Kosmann noch sehr genau an den 7. Oktober 1989, als die Westbesucher den Grenzübergang Duderstadt/Worbis passierten.

Nach einem weiteren Tag bei den Verwandten in Halle äußerte die Familie Kosmann den Wunsch, am 9. Oktober zum Montagsgebet in der Nikolaikirche in Leipzig teilzunehmen. Die DDR-Bürger rieten dazu, den Westwagen stehen zu lassen und stattdessen in ihrer Begleitung mit einem Wartburg nach Leipzig zu fahren. Tochter Helena, seinerzeit erst neun Jahre alt, wurde sicherheitshalber in Halle bei der Tante zurückgelassen. Die Vorsicht der DDR-Verwandtschaft zahlte sich wenig später aus, denn auf der Autobahn in Richtung Leipzig wurden Westwagen gestoppt und diesen die Weiterfahrt untersagt.

Doch Helga, Jochen und Josef Kosmann sowie ihre beiden Begleiter gelangten unbehelligt nach Leipzig. Nach einem Besuch der wichtigsten Sehenswürdigkeiten wurde ein Treffpunkt verabredet, denn die begleitenden Verwandten wollten aus Furcht vor Repressalien nicht mit zum Montagsgebet in der Nikolaikirche.

In der ganzen Stadt war bereits eine angespannte Atmosphäre spürbar.

Helga Kosmann

„In der ganzen Stadt war bereits eine angespannte Atmosphäre spürbar“, erinnert sich Helga Kosmann. Geschäfte etwa früher geschlossen, während zahllose Menschen in Richtung Nikolaikirche strömten. Da, wie sich später herausstellte, Angehörige der Stasi die Plätze im Gotteshaus bereits alle besetzt hatten, blieb Kosmanns und den übrigen Besuchern des Montagsgebetes nur die Möglichkeit, vor der Kirche zu warten.

Josef Kosmann filmte mit seiner Super 8-Kamera noch einige Sequenzen, doch als die Menschenmenge immer mehr anschwoll und schließlich Hundertschaften von Volkspolizisten, mit Helmen und Schutzschildern ausgerüstet, anrückten, um die Anwesenden einzukesseln, traten die Telgter schließlich den Rückzug an. Sie stießen am verabredeten Treffpunkt wieder mit ihren Verwandten zusammen und verließen eilig die Stadt. „Auf dem Rückweg haben wir eine große Zahl von Lkw mit Polizisten und Soldaten gesehen, die alle in Richtung Stadtkern unterwegs waren“, schildert Josef Kosmann die dramatischen Stunden. Und seine Frau ergänzt: „Wir hatten Angst.“ Das hatte auch die Verwandtschaft in Halle. Und als die drei Telgter wieder dort ankamen, war die Erleichterung groß.

Niemand erahnte den Mauerfall

Denn, das steht für Josef Kosmann heute mehr denn je fest, „niemand, weder in Halle noch in Telgte, ahnte in diesen Tagen, dass schon vier Wochen später die Mauer friedlich fallen und sich dadurch das Tor zur Deutschen Einheit weit öffnen würde“.

Übrigens: Den seinerzeitigen Pastor der Nikolaikirche, Christian Führer, lernten Kosmanns Jahre später bei einem Vortrag im Telgter Rathaus kennen. In einem bewegenden Gespräch unterhielten sie sich seinerzeit über dieses Ereignis.

Die große Leipziger Montagsdemo war nicht das einzige geschichtliche Ereignis, das Helga und Josef Kosmann miterlebten. Als Kardinal Ratzinger 2005 zum ersten deutschen Papst nach rund 500 Jahren gewählt wurde, waren die Telgter ebenfalls in Rom und erlebten hautnah nicht nur das Konklave mit, sondern auch, dass weißer Rauch über der Sixtinischen Kapelle aufstieg und der Papst seine erste Rede hielt.

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