Literarischer Abend rund um Günter Grass
Willkommen in der vierten Zeitebene

Telgte -

Dieter Stolz und Hermann Wallmann sprachen bei einem literarischen Abend im Bürgerhaus über Günter Grass. Sie waren nicht die Einzigen, die zu einem gelungenen „Treffen“ beitrugen.

Freitag, 29.11.2019, 16:00 Uhr
Dieter Stolz und Hermann Wallmann (v.l.) sprachen über Günter Grass und sein Wirken.
Dieter Stolz und Hermann Wallmann (v.l.) sprachen über Günter Grass und sein Wirken. Foto: Zinkant

So manches „Treffen in Telgte“ ist seit 1988 am literarisch von Günter Grass geehrten Ort zwischen Münster und Warendorf ausgerichtet worden. Mehrere Male fungierte Hermann Wallmann, Vorsitzender des Literaturvereins Münster, als Spiritus rector und Moderator. Auch am Donnerstag, als Wallmann im Bürgerhaus ein inspiriertes Gespräch mit dem Grass-Experten Prof. Dieter Stolz präsentierte.

Gelehrten-Talk ist gut und schön – aber unvollständig, wenn die pralle Sprache von Günter Grass nicht aufs Tapet gekommen wäre. Dafür sorgte mit nicht minder praller Stimme der Schauspieler Ludger Burmann, der einige Kapitel rezitierte – darunter auch den Schluss, der den Friedensaufruf der versammelten Barockdichter im Telgte des Jahres 1647 den Flammen und damit der Vergessenheit überantwortet. Überdies bereicherte der Jazzpianist Sven Bergmann den Abend stimmungsvoll.

Es war von Vorteil, das berühmte Grass-Buch von 1979 gelesen zu haben. Ansonsten war es für die Zuhörer doch knifflig, die vielen Bezüge zu erfassen, die hier faszinierend ausgebreitet wurden: Bezüge von Dichtkunst und Politik, von Gestern und Heute, von der Fiktion des Jahres 1647 und der Realität des jungen Günter Grass und dessen Stellung in der legendären „Gruppe 47“. Obwohl der Bezug (insbesondere die Huldigung an dessen Leiter Hans Werner Richter in der Dichter-Figur Simon Dach) evident ist, sollte man doch keine reine Verschlüsselung annehmen, sondern eine „poetische Überformung“, so Dieter Stolz.

Hermann Wallmann schwärmte vom „bunten Haufen“ an Dichtern und Gedichten, von der Vielfalt der Mundarten und Eigenheiten, die sich hier zeige. Was sich ebenfalls zeige, so Dieter Stolz, ist die von Grass beschworene „Vergegenkunft“ – jene vierte Zeitebene, die dem Dichter zugänglich ist. „Gestern wird sein, was morgen gewesen ist“, heißt es im „Treffen“.

Getroffen hatte der langjährige Grass-Experte sein Idol übrigens bereits vor Abschluss seiner Dissertation, die Grass auch zu lesen versprach. Es war in der Wendezeit um 1990, als der damals „sauertöpfische“ Autor (wie Stolz es formulierte) gegen die deutsche Einheit anwetterte. Der junge Germanist fand diese einfach nur richtig – dem späteren Nobelpreisträger Grass galt die Teilung indes als historische Strafe für Auschwitz. Die Beziehung zwischen Literat und Germanist vertiefte sich später noch, als Dieter Stolz nicht nur Grass’ letzter Lektor werden sollte, sondern auch „undercover“ bei der Treuhand für Grass’ Roman „Ein weites Feld“ recherchierte.

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