Musik-Kabarettist Jess Jochimsen im Bürgerhaus zu Gast
Vorweihnachtliches Bühnen-Inferno

Telgte -

„Vier Kerzen für ein Halleluja“ war das Programm von Musik-Kabarettist Jess Jochimsen im Bürgerhaus überschrieben.

Sonntag, 08.12.2019, 13:06 Uhr aktualisiert: 09.12.2019, 11:53 Uhr
Wider den spätsommerlichen Konsum-Terror: Jochimsen mit Schoko-Nikolaus.
Wider den spätsommerlichen Konsum-Terror: Jochimsen mit Schoko-Nikolaus. Foto: Hasenkamp

Zum ersten Mal war der Musik-Kabarettist Jess Jochimsen im Bürgerhaus, und doch schnell daheim. Das Programm seiner Premiere: „Vier Kerzen für ein Halleluja“.

Jochimsens Sprache strotzt vor Hauptwörtern, belebt und getrieben von Tu-Wörtern, er schafft bewegte Bilder. Das zeigt sich besonders im weihnachtlichsten seiner Stücke: Da malt er das Krippenspiel einer Klasse von Achtjährigen aus, mitsamt ihm als Esel mit Pappmaché-Schädel, Maria und Josef, drei Dutzend nebensächlichen Nebenrollen sowie einem fliegenden und schließlich heilbringend herabstürzenden Mitschüler – ein weihnachtliches Inferno passiert Revue. Und das Publikum hat er mithineingezogen und mitbewegt, das zeigen die Reaktionen und der kräftige Applaus. Da wirken wohl Gemeinsamkeiten zwischen dem Brauch des Krippenspiels in Bayern und beim Treffen in Telgte.

Treffsicher geht er mit seinem Vierteljahrhundert an Erfahrung auf Bühnen auch mit rhetorischen Fragen auf die Gäste zu. „Warum ist Andrea Nahles weg und Andreas Scheuer noch da?“, fragt er. Der kräftige Applaus im längst nicht vollen Saal des Bürgerhauses lässt erahnen: Er hat einen Nerv getroffen. Sogar bevor er daran erinnert, Nahles sei es gewesen, die den Mindestlohn durchgesetzt habe, „gegen die SPD“.

Einige Schoko-Nikoläuse, vom kapitalismusgetriebenen Konsum-Druck verfrüht in die Regale getrieben, müssen leiden unter der Hand des widerwilligen Konsumenten. Ganz daneben findet Jochimsen auch manchen Herrenwitz, der ordinär sich hermacht über eine 16-jährige Schwedin, gern vom Heck eines PS-Boliden.

„Ich habe hier auch Musik-Instrumente, die man anschauen kann.“ Tatsächlich spielt er sie, und das gekonnt. Sowohl die Gitarre, der er auch Flageoletts entlockt, als auch das Akkordeon, das mit einem Fingerhut gestreichelt und beklopft ungeahnte Töne beisteuert zum Gesang des kabarettistischen Barden.

Ungedachte, doch naheliegende Gedanken fördert Jochimsen zutage. Etwa die gegen den Strich gelesene Geschichte von Pippi Langstrumpf – die beliebte Kinder-Figur, die ein Soziologe als Anti-Figur à la Trump sichtbar gemacht hat. Oder Dagobert-Duck und sein Geldspeicher – wo eigentlich kommt das her?

So kommt Jochimsen als Junge von nebenan daher, einer, der halt genauer hingeschaut hat, und es weiterreicht. Könnte man eigentlich auch selbst mal tun, das Hinschauen.

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