Umwandlung von Bekenntnisschulen in Gemeinschaftsschulen
Kampf gegen „unerträglichen“ Zustand

Telgte/Westbevern -

Mehr als 200 Menschen haben eine Veranstaltung der Stadt Telgte im Bürgerhaus genutzt, um sich über eine mögliche Umwandlung der drei Bekenntnisgrundschulen zu Gemeinschaftsschulen zu informieren. Die Eltern haben die Entscheidung jetzt in der Hand.

Mittwoch, 15.01.2020, 20:00 Uhr aktualisiert: 16.01.2020, 08:27 Uhr
In Telgte steht zur Debatte, ob die drei katholischen Bekenntnisgrundschulen zu Gemeinschaftsschulen umgewandelt werden. Die Eltern und Erziehungsberechtigten wurden an einem Infoabend darüber in Kenntnis gesetzt. Sie können per Briefwahl darüber entscheiden. Propst Dr. Michael Langenfeld (kl. Foto) würde sich freuen, wenn eine Bekenntnisschule erhalten bliebe.
In Telgte steht zur Debatte, ob die drei katholischen Bekenntnisgrundschulen zu Gemeinschaftsschulen umgewandelt werden. Die Eltern und Erziehungsberechtigten wurden an einem Infoabend darüber in Kenntnis gesetzt. Sie können per Briefwahl darüber entscheiden. Propst Dr. Michael Langenfeld (kl. Foto) würde sich freuen, wenn eine Bekenntnisschule erhalten bliebe. Foto: Piccin

 

„Kurze Beine, kurze Wege“: So stellen sich Schulen, Eltern und auch Politik im Idealfall den Schulweg der Kinder vor. Das ist in Telgte jedoch nicht immer der Fall wenn Kinder zur Grundschule angemeldet werden – auch weil die katholischen Bekenntnisschulen bevorzugt katholische Kinder aufnehmen (müssen), unabhängig vom Wohnort. Dies könnte sich bald ändern, falls ein Entschluss zur Umwandlung der Schulform gefasst wird. Das haben die Betroffenen selbst in der Hand.

Mehr als 200 Menschen, vornehmlich Eltern, haben die Veranstaltung der Stadt Telgte am Dienstagabend im Bürgerhaus genutzt, um sich über eine mögliche Umwandlung der drei Bekenntnisgrundschulen (Don-Bosco-Schule und Marienschule in Telgte sowie St.-Christophorus-Schule in Westbevern) zu Gemeinschaftsschulen zu informieren. Recht einheitlich war die Meinung, dass die Bevorzugung katholisch getaufter Kinder bei der Anmeldung an katholischen Grundschulen nicht mehr zeitgemäß sei und eine Ungerechtigkeit darstelle.

Sozialräume gestört

Daraus resultiere immer wieder ein Auseinanderreißen gewachsener Gemeinschaften von Geschwister- und Nachbarskindern, eine Verlängerung des Schulweges oder ein höherer Aufwand bei der Schülerbeförderung. Ein „unerträglicher“ Zustand, wie mehrfach im Plenum unterstrichen wurde. Im Grunde waren sich alle Anwesenden einig, dass eine Umwandlung stattfinden müsse. Dies würde auch die Besetzung von Leiterstellen erleichtern, da es bei einer Gemeinschaftsschule keinen Bekenntniszwang des Kandidaten gebe. Zudem sei dann die Schulgesellschaft ein Abbild der Stadtgesellschaft.

Wie der Alltag bei uns aussieht? Nicht anders, als bei den anderen Schulen auch.

Sabine Senkbeil

Die vier Leiterinnen der Telgter und Westbeverner Grundschulen bezogen Stellung zu etwaigen Unterschieden zwischen Gemeinschaftsschule und Bekenntnisschule. Sabine Senkbeil von der Brüder-Grimm-Schule brachte es auf den Punkt: „Wie der Alltag bei uns aussieht? Nicht anders, als bei den anderen Schulen auch.“ Dafür erntete sie breiten Applaus von den Anwesenden. An der Marienschule säßen beispielsweise evangelische Kinder im katholischen Religionsunterricht, so Elisabeth Ewers: „Wir sind aber nicht missionarisch unterwegs. Auch islamische Kinder nehmen aktiv am Gottesdienst teil. Wir legen Wert auf die Gemeinschaft.“

Seitens der Kirche gab es wenig Vorbehalte zu einer Umwandlung. Pfarrerin Sabine Elbert kennt die Situation aus Münster: „Ich habe dort keine Unterschiede oder Abstriche entdeckt.“ Propst Dr. Michael Langenfeld sah die Vorbereitung der Erstkommunion an Gemeinschaftsschulen als ein wenig schwierig an und wünschte sich, dass wenigstens eine Bekenntnisschule erhalten bliebe, damit Eltern eine Wahlmöglichkeit hätten. Welche Schule das sei, habe nicht er zu entscheiden, beantwortete er eine Rückfrage aus dem Plenum.

Zu viele Bekenntnisschulen

Es gebe gar zu viele Bekenntnisschulen im Bistum Münster, sagte Barbara Bader, Leiterin der Gruppe Primarstufe im Referat Grundschulen des Bistums. Von den rund 500 Grundschulen seien circa die Hälfte katholische Bekenntnisschulen.

Die Fraktionen sprachen sich ebenfalls für eine Umwandlung aus. Die CDU hatte sich bei der Beschlussfassung seinerzeit enthalten, „damit die Eltern entscheiden, da es ihre Kinder sind. Wir tragen die Entscheidung aber mit“, sagte Christina Westemeyer (CDU).

Der Weg zur Gemeinschaftsschule

Die Teilnahme an der Wahl zur Umwandlung der Bekenntnisschule in eine Gemeinschaftsschule ist insofern besonders wichtig, dass eine nicht abgegebene Stimme de facto als Gegenstimme zählt. Entsprechend warben Elternvertreter eindringlich für die Abstimmung. Wie sich die Erziehungsberechtigten dann entscheiden, sei weiter ihnen überlassen. Mindestens die Hälfte aller Elternpaare muss an der Abstimmung teilnehmen und für eine Umwandlung stimmen. Jede Bekenntnisschule führt ein eigenes Votum durch.Das Abstimmungsverfahren erfolgt per Briefwahl vom 20. April bis zum 4. Mai. Bis dahin werden Schulen und Verwaltung das Organisatorische in die Wege geleitet haben. Nach Bekanntgabe der Ergebnisse am 6. Mai folgen, im Falle einer Mehrheit für eine Umwandlung, am 18. Juni der Beschluss des Schul- und Kulturausschusses über die Änderung der Schulart und eine Woche später jene des Rates mit anschließender Genehmigung durch die obere Schulaufsicht. Eine Umsetzung der Änderung der Schulart erfolgt zum Schuljahr 2021/22, damit Eltern vor den Anmeldungen im November 2020 über die Schulart informiert sind.

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Doch wie geht es im Falle einer Umwandlung aller drei Bekenntnisschulen weiter, welche Aufnahmekriterien sind dann maßgeblich? Diese sind im § 1 AO-GS (Ausbildungsordnung Grundschule) des Landes NRW festgelegt. Sie umfassen Geschwisterkinder, Schulwege, den Besuch eines Kindergartens in der Nähe der Schule, ein ausgewogenes Verhältnis von Mädchen und Jungen sowie ein ausgewogenes Verhältnis von Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher Muttersprache.

Schuleinzugsgebiete gab es nach Auskunft von Tanja Schnur, Leiterin des Fachbereichs Bildung der Stadt Telgte, bis 2008. Es sei nicht geplant, diese wieder einzuführen, da diese regelmäßig neu angepasst werden müssten und nur in Bezug auf die Verteilung der katholischen Kinder an der Don-Bosco-Schule und der Marienschule helfen würden.

Bevölkerungsreiches Telgte Süd-Ost

Schwerpunkt der Debatte ist der stark gewachsene Bereich Telgte Süd-Ost. Die mittlerweile erschlossenen Baugebiete haben die vor etwa 15 Jahren aufgestellten Demografie-Prognosen auf den Kopf gestellt, erläuterte Bürgermeister Wolfgang Pieper: „Heute ist das nicht mehr vorstellbar, doch damals ist man von schrumpfenden Zahlen ausgegangen.“ Diese Dynamik sei auch durch Zuzüge und Flüchtlingsmigration entstanden.

Die Stadt befindet sich als Schulträger aktuell zusammen mit den Schulen in einem Schulentwicklungsprozess. Das Ziel ist, so heißt es aus der Verwaltung, eine pädagogische Raumbedarfsplanung für das zukunftsfähige Schulprogramm und Raumkonzept der inklusiven ganztägigen Bildung der Kinder zu erstellen. In diesem Zuge wird auch über bauliche Erweiterungen nachgedacht. „Wir haben in den nächsten Jahren eine Menge zu tun und sind noch nicht vor die Welle gekommen“, so der Verwaltungschef.

Wir möchten und müssen verhindern, dass eine Schule zur Leidtragenden für eine andere wird.

Wolfgang Pieper

Aus dem Plenum wurde der Vorschlag gemacht, die Don-Bosco-Schule mittels Modulbauweise – ähnlich wie bei der Klinik Maria Frieden – zu erweitern. Wolfgang Pieper erklärte, dass diese Lösung nicht so schnell umzusetzen sei wie gedacht, da es Bebauungspläne zu beachten gelte sowie eine Menge Bürokratie und damit zeitlicher Aufwand entstehe: „Wir müssen Kapazitäten aufbauen. Aber dabei möchten und müssen wir verhindern, dass eine Schule zur Leidtragenden für eine andere wird. Ideal wäre eine Schule auf Rollen, die wir bei Bedarf verschieben können.“

Zum Punkt Schulbeförderung kündigte Tanja Schnur eine erfreuliche Änderung für das Schuljahr 2021/21 an. Dann soll der Bustransfer für Schulkinder für die Zeit nach 16 Uhr wieder aufgenommen werden.

Kommentar: Erziehung im Elternhaus ist prägend

Keine Frage: Es gibt gute Gründe dafür, die Bekenntnisschulen – zumindest eine – beizubehalten. Es gibt meiner Meinung nach aber noch mehr gute Gründe dafür, alle in Gemeinschaftsschulen umzuwandeln.Ein gewichtiges Argument betrifft dabei die Wohnräume. Ist es wirklich sinnvoll, dass Kinder aus Nachbarschaften, die ihre Freizeit zusammen verbringen und Freundschaften geschlossen haben, aufgrund ihres Bekenntnisses zu unterschiedlichen Schulen gehen müssen?Noch bedeutsamer ist meiner Meinung nach die Tatsache, dass die religiöse Erziehung in der Schule nur ein (kleiner) Baustein in einem Gesamtsystem ist. Prägend ist für mich noch immer das Elternhaus und die religiöse Erziehung dort. Und wichtiger als die Bekenntnisschule sind altersentsprechende kirchliche Angebote wie Jugendgruppen und Gottesdienste.Andreas Große Hüttmann

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