Der scheidende MSMG-Schulleiter Harald Voß im Interview
Eine bewegende wie prägende Zeit

Telgte -

Im Interview blickt Harald Voß, scheidender Leiter des Maria-Sibylla-Merian-Gymnasiums, auf seine Zeit am MSMG zurück, blickt aber auch in die Zukunft.

Samstag, 25.01.2020, 13:24 Uhr aktualisiert: 26.01.2020, 17:13 Uhr
Harald Voß, Schulleiter Gymnasium Telgte
Harald Voß, Schulleiter Gymnasium Telgte Foto: Pohlkamp

Seit 20 Jahren ist Harald Voß Schulleiter des Maria-Sibylla-Merian-Gymnasiums. Am kommenden Freitag, 31. Januar, wird er feierlich verabschiedet. Voß tritt nach über 41-jähriger Tätigkeit im Schuldienst seinen verdienten Ruhestand an. Dankbar und erhobenen Hauptes blickt der 1953 in Schwerin geborene Pädagoge auf seine Schulleitertätigkeit in Telgte zurück. Voß war, bevor er nach Telgte kam, stellvertretender Leiter des Ricarda-Huch-Gymnasiums in Gelsenkirchen. 42 Jahre lang hat er mit seiner Familie in Gelsenkirchen gelebt. Was liegt da näher, als Schalke-Mitglied zu sein und seit Einführung der Bundesliga im Jahre 1963 die Heimspiele der Bau-Weißen zu besuchen? Als er 1999 die Schulleitung in Telgte übertragen bekam, wechselte er seinen Wohnsitz in die Emsstadt.

Mit 27 Lehrern und 490 Schülern begann im Oktober 1999 seine Telgter Schullaufbahn. Drei Pädagogen sind von damals noch dabei. Gewachsen ist seitdem die Schüler- und Lehrerzahl: 60 Kolleginnen und Kollegen im Alter von 27 bis 67 Jahren sowie elf Referendare unterrichten derzeit rund 700 Schülerinnen und Schüler. Zwischendurch wurden auch schon mal bis zu 950 Schüler unterrichtet.

WN-Mitarbeiter Bernd Pohlkamp sprach mit dem scheidenden Schulleiter über seinen Verantwortungsbereich, über sein Wirken, über sein Leben in Telgte mit Schülern und Eltern und über seine große Leidenschaft.

 

Was war Ihre Hauptaufgabe am Gymnasium?

Harald Voß: Die Personalpolitik durch optimale Bereitstellung, Erhaltung und Entwicklung des Personals. So übernahm ich 1999 ein Gymnasium, das vor vielen Herausforderungen stand. Da wir viele Jahre ständig wuchsen, durfte ich 31 KollegInnen „schulscharf“ einstellen. Die Schule darf dabei die Fächer und andere Qualifikationen in der Ausschreibung bestimmen. Sie kann dann unter den Bewerbern auswählen und sie in den entsprechenden Positionen einsetzen. 27 sind heute noch dabei. Ich durfte zusätzlich sehr viele Beförderungen begleiten.

In welchen Fächern haben Sie unterrichtet?

Voß: Anfangs unterrichtete ich bis zu 14 Stunden wöchentlich in meinen drei Fächern Biologie, Sport und Latein. Dieser Unterrichtsumfang wurden mit dem Wachsen der Schule immer weniger.

Wie hat sich der Erwartungsdruck auf die Schüler in den vergangenen zehn Jahren verändert und wie gehen Lehrer damit um?

Voß: Der Leistungsdruck ist größer geworden, weil den Eltern suggeriert wird, dass ohne Abitur nichts mehr geht. Das erzeugt bei Schülern einen ungeheuren Druck. Das war vor 30 und 20 Jahren anders: Ein guter Realschulabschluss war wesentlich attraktiver als heute. Andererseits sind die Ablenkungsmöglichkeiten von ihrer „hauptberuflichen“ Tätigkeit für die Schülerinnen und Schüler wesentlich umfangreicher geworden.

Wie gehen Lehrer damit um?

Voß: Es hat noch nie so viele Hilfen zur individuellen Förderung der Leistungen und der Persönlichkeitsentwicklung gegeben. Dazu zählen Lerncoaching, Förderprogramme und Förderprojekte sowie umfangreiche Beratungsverpflichtungen in der Oberstufe.

Müssen Lehrer heute mehr erziehen und Schülern soziales Verhalten beibringen, bevor sie Wissen vermitteln können?

Voß: Die von der Gesellschaft und den Politikern auferlegten Zuständigkeiten werden immer mehr: Dazu gehören die Vermittlung sozialer Kompetenzen, von Medienkompetenzen oder der Bereich der Gesundheitserziehung. Gelegentlich fehlt es an einfachsten Benimmregeln, obwohl wir in Telgte noch auf einer „Insel“ leben. Der weitaus überwiegende Teil der Schülerinnen und Schüler ist höflich und umgänglich. Das gilt auch für die Eltern. Unsere Eltern suchen immer das Gespräch genauso wie wir es umgekehrt suchen, wenn es Konflikte gibt.

Wie attraktiv ist der Arbeitsplatz Gymnasium Telgte?

Voß: Weil wir zu Schülern, zu Eltern und auch unterein­ander eine intensive Kommunikation pflegen, ist unsere Schule als Arbeitsplatz äußerst attraktiv. Das spürte ich auch immer wieder bei zahlreichen Bewerbungen und Versetzungswünschen von Lehrern nach Telgte. Die Zugkraft der Schule ist auch darin begründet, dass sie über eine ausgesprochen hohe Ausstattungsqualität verfügt (Gebäude, Materialien, Medien), in die der Schulträger mit Rückendeckung durch die Politik ständig erfolgreich investiert.

Welchen Stellenwert haben elektronische Medien im Unterricht und in der Kommunikation?

Voß: Durch die regelmäßige Teilnahme aller Kollegen an Fortbildungen, die überwiegend in den Mittagspausen stattfinden, werden die mit hohem Aufwand erworbenen digitalen Medien auch umfassend im Unterricht genutzt. Der Bereich der Fortbildung hat einen sehr hohen Stellenwert. Jede Woche gibt es derartige Schulungen.

Gibt es ein Handyverbot?

Voß: Wir haben ein Nutzungsverbot für die private Nutzung innerhalb des Gebäudes.

Wie hat sich der Schulalltag verändert?

Voß: An der Hauptaufgabe der Schüler und Lehrer hat sich von der Struktur her wenig verändert, nämlich guten Unterricht zu gestalten und sich dabei aktiv einzubringen. In den modernen Fremdsprachen hat sich besonders viel verändert. Der Redeanteil der Schüler im Unterricht ist deutlich größer geworden. Es haben andere Arbeitsnormen Einzug gehalten. Kooperative Lernformen mit unterschiedlichsten Methoden sind für alle Fächer hinzugekommen.

Wie werden die Schüler auf die Zukunft, auf das Studium und auf den Beruf vorbereitet?

Voß: Die berufliche Orientierung beginnt bereits in der achten Klasse mit Tagespraktika. Es handelt sich um ein insgesamt sehr ausdifferenziertes, verpflichtendes System der Berufs- und Studienorientierung und dieses bis zum Abitur. Dabei gibt es viele betriebliche Kontakte und Beratungen sowie themengebundene Besuche an Universitäten.

Was waren Ihre bewegendsten und schönsten Momente in Ihrer Zeit als Schulleiter in Telgte?

Voß: Das waren jedes Jahr die Aufnahme der neuen Fünfer und die Verabschiedung der Abiturienten.

Warum?

Voß: Weil hier das Kennenlernen der Neuen und die Verabschiedung der Abiturienten zeitlich sehr nah beieinander liegen. Das hat mir jedes mal verdeutlicht, wie privilegiert wir als Lehrer sind. Jedes Mal wurde mir bewusst, welche Metamorphose die Schüler vom Fünftklässler zum Abiturienten durchmachen. Das kann man sonst nur als Elternteil miterleben.

Was ist Ihre schönste persönliche Erinnerung?

Voß: Das war der Abiball 2004 mit dem zweiten Abiturjahrgang. Damals feierten wir noch in der Schule den Abiball mit 44 Abiturienten. Das war so schön, dass ich die Schule erst am nächsten Morgen um 4 Uhr abschloss. Heute ist das wegen der Größe der Abiturjahrgänge leider nicht mehr in dieser Form möglich.

Was schätzen die Kollegen an Ihnen?

Voß: Ich glaube Gelassenheit, Aufgeschlossenheit gegenüber Innovationen und dass ich dennoch nicht jedem Trend und jedem vermeintlichen Gütesiegel hinterhergelaufen bin.

Was wünschen Sie Ihren Kollegen für die Zeit nach Ihrem Weggang?

Voß: Weiterhin den bisher gezeigten Zusammenhalt. Und dass auch die neue Leitung die Schaffung bester Rahmenbedingungen für die Erteilung guten Unterrichts und das Wohlfühlen in der Schule als ihre Hauptaufgabe sieht.

Was wünschen Sie den Schülern, denen Sie jetzt nicht mehr zum Abitur gratulieren können?

Voß: Ich wünsche ihnen Leidenschaft für die gewählte Ausbildung und für Ihren Beruf. Dann kommen Erfolg und Zufriedenheit von allein. Ich wünsche ihnen immer den Mut, sich persönlich einzumischen. Als Letztes, aber Wichtigstes: eine glückliche, aktive Familie.

Wie fühlt es sich an, vor einem neuen Lebensabschnitt zu stehen?

Voß: Ich habe das noch nicht realisiert, weil wir bis zum 31. Januar zusammen versuchen, beste Rahmenbedingungen für das zweite Halbjahr und darüber hin­aus zu schaffen. Ich gebe aber zu, dass es etwas Besonderes ist, viele Dinge zum letzten Mal zu erledigen.

Wie werden Sie Ihre neue freie Zeit gestalten?

Voß: Ich mache mir keine Pläne für die Zukunft. Ich möchte so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie verbringen, mehr Aktivitäten gemeinsam mit meiner Frau und meinen zwei Enkeln. Auch werde ich mich mehr sportlich betätigen: Krafttraining und mäßiger Ausdauersport. Und: Schalke wird meine zweite große Liebe bleiben.

Wie lautet Ihr Lebensmotto?

Voß: Wenn überhaupt dann: Die Meinung anderer immer erst anhören und sich danach ein Urteil bilden.

Welchen Traum wollen Sie sich unbedingt noch erfüllen?

Voß: Als ich 1999 im Schulausschuss war und ich mich dort vorstellte, fragte mich der Vorsitzende Hermann-Josef Schulze Hobbeling, wann der FC Schalke 04 wieder Deutscher Meister werde. So wie ich damals keine sichere Antwort geben konnte, kann ich diesen Traum nicht realisieren, aber es wäre wunderbar.

Was war und bleibt Telgte für Sie?

Voß: In Telgte habe ich während meiner Schulleitertätigkeit für unsere Schule und auch persönlich immer sehr viel Unterstützung von der Stadt, den Firmen, Schülern und den Eltern unserer Schule erhalten. Ich habe mich auch privat und mit meiner Familie hier immer sehr wohl gefühlt. Dafür möchte ich mich einfach bedanken. Meine Zeit hier war wundervoll. Und Telgte ist eine wunderschöne Stadt. Ich gehe mit viel Dankbarkeit und einem zufriedenem Lächeln in den Ruhestand.

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