Priester feiern Gottesdienst ohne Gemeindebeteiligung
Fast nichts ist normal

Telgte -

Die Bankreihen sind leer, in den rund 400 Kerzen fassenden Ständern in der Kapelle brennt nur ein einiges Licht und nur das Heulen des Windes rund um den Kapellenturm ist zu hören, als Propst Dr.Michael Langenfeld an diesem Morgen den Gottesdienst hält. Eine nahezu surreale Situation – verursacht durch die Corona-Krise.

Sonntag, 22.03.2020, 17:46 Uhr aktualisiert: 23.03.2020, 13:54 Uhr
Während Propst Dr. Michael Langenfeld den Gottesdienst zelebriert, feiert Pfarrer Günter Falkenberg die Messe an diesem Morgen in der ersten Bankreihe mit.
Während Propst Dr. Michael Langenfeld den Gottesdienst zelebriert, feiert Pfarrer Günter Falkenberg die Messe an diesem Morgen in der ersten Bankreihe mit. Foto: Andreas Große Hüttmann

Wenn man die Augen schließt, könnte man für einen Augenblick meinen, alles wäre normal. Doch kaum öffnet man sie, hat einen die Realität eingeholt. Und die ist am Sonntag in der Wallfahrtskapelle bei einem Gottesdienst, den dort Propst Dr. Michael Langenfeld zusammen mit Pfarrer Günther Falkenberg feiert, alles andere als normal – und das wird nicht nur durch die leeren Kirchenbänke deutlich.

In den beiden rund 400 Kerzen fassenden Ständern in der Kapelle brennt nur ein einziges Licht. Und das hat Sakristan Christian Kammler eigens vor dem Gottesdienst entzündet. Auch außerhalb der Wallfahrtszeit würden dort sonst Dutzende Kerzen brennen, und rund um Kirche und Kapelle wäre bei diesem herrlichen Wetter trotz der frühen Stunde bereits etwas los.

Doch statt Stimmen auf dem Vorplatz oder dem verhaltenen Räuspern eines Gläubigen in der Kirche ist während der meditativen Abschnitte des Gottesdienstes ausschließlich das Heulen des Windes rund um den Kapellenturm zu hören.

Im Glauben nie allein

Dass die Messe kirchenmusikalisch wiederum fast normal abläuft, ist vor allem den kräftigen Stimmen von Pfarrer Falkenberg und Propst Langenfeld sowie der Akustik zu verdanken. Auch mit zwei Sängern erklingt das Loblied Gottes raumfüllend – und dennoch fehlt das Orgelspiel.

Gottesdienste komplett ohne eine Gemeindebeteiligung sind für Propst Dr. Michael Langenfeld keineswegs neu, erzählt er im Gespräch. Denn während seiner Zeit in Rom feierten er und seine Mitbrüder, die dort eine Zusatzausbildung genossen, die Messen an verschiedenen Seitenaltären des Petersdoms – im Normalfall auch ohne Gläubige. „Doch natürlich freue ich mich, wie jeder Priester, über eine gute Beteiligung an den Gottesdiensten“, sagt er.

Ist es kein Widerspruch, eine Messe ohne Gemeinde zu feiern? Diesen Gedanken erläutert der Propst, als hätte er die Frage vorhergesehen, in seiner Begrüßung aus theologischer Sicht. „Im Glauben sind wir nie allein“, macht er deutlich. Denn auch wenn aktuell die „sichtbare Gemeinde“ fehle, in Gedanken sei die gesamte Weltkirche in der Feier der Eucharistie vereint. „Zudem feiern wir weiterhin stellvertretend für die Gläubigen die Messe, weil gerade in dieser Situation die Feier der Eucharistie unser Auftrag als Kirche ist, um die Sorgen der Menschen vor Gott zu bringen und ihnen auch weiterhin geistlich nahe zu sein.“

Geistig nahe sein, das wollen die Seelsorger aus St. Marien trotz der Einschränkungen weiterhin allen, die es wünschen. In dieser Woche wollen sie absprechen, auf welche Weise das möglich ist. Etwa über das Schalten einer Telefon-Hotline, Gebetsanregungen und vieles mehr. Zudem läuten täglich um 19.30 Uhr die Glocken, und die Kirchen sowie die Kapelle werden täglich für das persönliche Gebet geöffnet sein. Denn in der jetzigen Situation sei es wichtig, so Langenfeld, „den Menschen die Angst vor dem Alleinsein zu nehmen“.

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