Nachdenken über einen verschwundenen Feiertag
Der Schmerzensfreitag

Telgte -

Am Schmerzensfreitag wurden in Telgte Messen für den Adel gelesen. Dieser Feiertag ist längst abgeschafft.

Freitag, 03.04.2020, 15:26 Uhr aktualisiert: 05.04.2020, 10:36 Uhr
Das Telgter Gnadenbild stellt den sechsten Schmerz dar, den toten Sohn auf dem Schoß seiner Mutter.
Das Telgter Gnadenbild stellt den sechsten Schmerz dar, den toten Sohn auf dem Schoß seiner Mutter. Foto: privat

Am 1. Januar 1970 trat im Gefolge des Konzils (1961-63) der neue Heiligenkalender in Kraft. Unter katholischen Christen gab es einen Sturm der Entrüstung: Namenstage wurden verlegt, beispielsweise Klara oder Heinrich, weil der genaue Todestag bekannt ist, andere „Heilige“ wurden gestrichen, so Christophorus, weil er als Gestalt der Legende gilt.

Dieser Kalenderreform vor genau 50 Jahren fiel auch der höchste Gedenktag der Katholiken in der Stadt Telgte zum Opfer: das ursprüngliche Patronatsfest der Schmerzhaften Mutter, der Schmerzensfreitag, begangen immer am Freitag vor dem Palmsonntag, also eine Woche vor Karfreitag .

Die Theologie des Mittelalters, vor allem bei den Zisterziensern, entwickelt die Lehre von den Sieben Schmerzen Mariens. Diese zu feiern wird 1423 auf einer Synode in Köln empfohlen und 1737 von Papst Benedikt XIII. für die Weltkirche verbindlich angeordnet. Die Schmerzhafte Mutter finden wir in Telgte erstmals in einem Dokument vom 22. Februar 1348 als Patronin „der broderschap van Unser Vrowen Ghilde to Telghet“. Zu diesem Zeitpunkt ist das Gnadenbild, nachdem die Liebfrauen-Bruderschaft benannt ist und in deren Besitz sich die Pietà befindet, in Telgte.

Von aktueller Bedeutung für Telgte sind die Sieben Schmerzen Mariens beim Kampf gegen den vierspurigen Ausbau der B 51: Denn die Bilder der fünf Gebetshäuschen des Prozessionsweges, den der Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen ab 1660 errichten ließ, zeigen in Blickrichtung Telgte die sieben Schmerzen Mariens. Fünf Gebetshäuschen und sieben Schmerzen? Ganz einfach: Das Telgter Gnadenbild stellt den sechsten Schmerz dar, den toten Sohn auf dem Schoß seiner Mutter. Das siebte Häuschen war dem Kirchplatz vorbehalten.

Zu einer unglücklichen Doppelung des Gedenktages der Schmerzhaften Mutter Maria kam es 1814, als Papst Pius VII. das Fest auf den 15. September, einen Tag nach dem Fest der Kreuzerhöhung Christi verlegte, als Dankfest für seine Rückkehr aus der napoleonischen Gefangenschaft, gleichzeitig aber den alten Termin beibehielt.

Traditionsbewusst hielt der nordwestdeutsche Adel am überlieferten Datum fest. Jeweils am Schmerzensfreitag in der Fastenzeit wallfahrteten die Adeligen nach Telgte, zumeist über den Prozessionsweg von Münster aus. Graf Franz von Galen berichtet, wie er mit seinem älteren Bruder Clemens August diesen Weg mit dem Vater, die Mutter litt an Schmerzen in den Knien, als Zwölfjähriger gegangen ist. Bis zu seinem Tod im Jahre 1908 zelebrierte Weihbischof Maximilian Gereon von Galen den Gottesdienst in der Kapelle. Diese Tradition, am Schmerzensfreitag in Telgte für den Adel die Wallfahrtsmesse zu lesen, übernahm der spätere Bischof von Münster Clemens August Graf von Galen von seinem Onkel.

Mit dem nachkonziliaren Reformeifer verschwand vieles in der Kirche, auch in Telgte: Das Augenscheinlichste ist der neugotische Hochaltar – verschwunden, das Sinnfälligste der Schmerzensfreitag – abgeschafft. Aber in Corona-Zeiten hätte es heute auch keine Wallfahrt gegeben.

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