„Kleine Schriften“ - Religio gibt ersten Band heraus
Das Hungertuch neu entdecken

Telgte -

Der Titel ist schlicht. Er lautet: „Das Telgter Hungertuch von 1623“. Das Buch mit diesem Titel ist mehr als ein Museumsführer. Wer es in der Hand hält und dabei – hoffentlich bald wieder – vor dem großen Fastentuch im Telgter Museum Religio steht, erkennt den Mehrwert.

Samstag, 27.02.2021, 07:11 Uhr aktualisiert: 01.03.2021, 10:36 Uhr
Buchübergabe in Coronazeiten: Rüdiger Robert, Vorsitzender des Freundeskreises Museum Religio, Autor und Freundeskreismitglied Rudolf Suntrup sowie Muesumsleiterin Dr. Anja Schöne (v.l.)
Buchübergabe in Coronazeiten: Rüdiger Robert, Vorsitzender des Freundeskreises Museum Religio, Autor und Freundeskreismitglied Rudolf Suntrup sowie Muesumsleiterin Dr. Anja Schöne (v.l.) Foto: Bettina Laerbusch

Keine Frage: Dr. Rudolf Suntrup berichtet mit großer Freude – und wohl auch mit ein wenig Stolz – über das neue Büchlein, für das er als Autor verantwortlich zeichnet. 65 Seiten umfasst es. Und die bilden weitaus mehr als einen Museumsführer. Entstanden ist eine Schrift, die auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen fußt, sagt Suntrup. Wer sie in der Hand hält, kann ganz komfortabel – wenn er vor dem Hungertuch im Religio steht oder dort sitzt – Historisches lesen, Hintergründe gedanklich aufsaugen und gleichzeitig immer wieder auf das Original schauen. Als „spannend“ bezeichnet der Autor die Möglichkeit, sich dem Hungertuch auf diese Weise zu nähern und es vielleicht noch besser zu verstehen.

Buchübergabe

Dr. Anja Schöne , Leiterin des Museums, hatte die Idee zu diesem Buch, das schlicht den Titel „Das Telgter Hungertuch von 1623“ trägt. Es ist der erste Band der „Kleinen Schriften des Museum Religio“, die das Religio in Zusammenarbeit mit anderen künftig herausgeben will. Es ist im Buchhandel ab sofort erhältlich.

Suntrup und Professor Dr. Rüdiger Robert, Vorsitzender des Freundeskreis Museum Religio übergaben die ersten Exemplare des ersten Bandes jetzt Anja Schöne – coronakonform mit Abstand und unter freiem Himmel. Letztere und Robert haben das Buch im Auftrag des Freundeskreises herausgegeben.

Sehnsucht nach Kultur

Wie schön wäre es, jetzt ins Museum zu gehen, das Buch vor Augen zu haben und das 7,40 Meter breite und 4,40 Meter hohe Telgter Hungertuch mit seinen 33 bildlichen Quadraten noch einmal oder neu zu erforschen? Wann wird das wieder möglich sein? Niemand weiß. „Wir haben ein sehr gutes Hygienekonzept“, sagt die Museumsleiterin und hofft, dass ihres und die anderen Häuser bald wieder öffnen dürfen.

Jesus nimmt Abschied

In dem neuen Buch sind die 33 quadratischen Felder allesamt abgebildet. Zum elften Bildfeld „Jesus nimmt Abschied von seine Jüngern“ ist auf Seite 12 zu lesen: „Jesus tritt sechs schematisch dargestellten Häschern mit ausgestreckter linker Hand entgegen; drei Ölbäume des Gartens Getsemani ragen hinter ihnen hervor. Die lateinischen Initialen der Inschrift lauten: T(ristis) E(st) A(nima) M(ea) V(sque) A(d) M(ortem) - „Meine Seele ist zu Tode betrübt“ (Mt 26,38/Mc 14,34).“ Die Hintergründe zu jedem der 33 Bilder werden erläutert.

„Nach über 50 Jahre ist das das erste wissenschaftliche Buch zum Hungertuch“, erläutert Robert bei der Übergabe. Suntrup erinnert daran, dass die Verhüllung des Kreuzes ein Akt der Buße gewesen sei und heute immer noch ist, wenn auch moderne Formen der Betrachtung hinzugekommen seien.

Abenteuerlicher Weg

Nicht nur das Hungertuch an sich steht in dem ersten Band im Fokus, auch sein Werdegang: „Der Weg vom Fastentuch in der Telgter Pfarrkirche St. Clemens bis zum musealen Ausstellungsobjekt ist aus heutiger Sicht geradezu abenteuerlich verlaufen“, schreibt Suntrup. Der Telgter Pfarrer Anton Hovestadt nahm es 1910 in Verwahrung, „allerdings wurde es in einem Koffer zusammengefaltet völlig unzulänglich aufbewahrt“, informiert der Autor seine Leser weiter. Pfarrer Hovestadt verkaufte das Fastentuch 1910 an das Staatliche Museum für Volkskunde in Berlin. Seit 1934 versuchte der Gründer des Telgter Museums, Paul Engelmeier, das Hungertuch für das Museum zurückzugewinnen. 1937 gelang es ihm, das Tuch als Leihgabe nach Telgte zurückzuholen. In der von Dominikus Böhm neugestalteten „Ehrenhalle“ wurde es der Öffentlichkeit präsentiert. Nachdem das Tuch durch das „Jahrhundert-Hochwasser“ im Februar 1946 erneut Schaden genommen hatte, wurde es 1956 vom Berliner Museum zur Restaurierung ins Bayerische Nationalmuseum nach München gebracht. Von dort gelangte es knapp zweieinhalb Jahre später ins Museum zurück. Doch es blieb eine Dauerleihgabe und konnte jederzeit zurückgefordert werden. Erst 1971 wurde das jahrzehntelange Ringen von Engelmeier von Erfolg gekrönt, und das Hungertuch konnte für ein Vielfaches des Verkaufspreises von 1910 zurückgekauft werden.

Im Buch zu finden ist auch ein Foto, das zeigt, wie das Fastentuch in der Fahrzeughalle der Telgter Feuerwehr in einem großen Becken gereinigt wird – und eines, das in einer Restaurationswerkstatt 2011/2012 entstanden ist: Das Kunstwerk wird dort gereinigt und für die Präsentation vorbereitet.

Wissenschaftlich und neu

Anja Schöne ist froh, Interessenten, die sich dem Hungertuch intensiver näher möchten, jetzt ein neues wissenschaftlich fundiertes Buch anbieten zu können.

Rudolf Suntrup, Das Telgter Hungertuch von 1623. Herausgegeben im Auftrag des Freundeskreises Museum Relígio von Rüdiger Robert und Anja Schöne (Kleine Schriften des Museums Religio, Band 1). Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2021. ISBN: 978-3-7395-1241-9. 68 Seiten, Preis 7,50 Euro.

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