Warendorf
Von Krippen und Kopflosen

Donnerstag, 30.12.2010, 05:12 Uhr

Freckenhorst - „Schnee hatten wir schon häufiger, aber so viel Schnee nicht“, blickt Wilma Richter , Vorsitzende des Heimatvereins auf zwölf Jahre Krippkes-Bekieken zurück, während sie, 19 Gleichgesinnte im Schlepptau, auf dem Wörden-Pättken durch den Schnee stapft. Erstes Ziel der Gruppe - zwei weitere (insgesamt etwa 86 Teilnehmer) sind an diesem Dienstagabend mit Harald Nilles und Friedel Rose unterwegs - ist der Holtkamp.

Im Hause Alois Riemann soll eine gewaltige Krippe mit allerlei Getier und einer Feuerstelle besichtigt werden. Kathrin , die Tochter des Hausherrn, empfängt die Besucher, von denen zwei - Marie und Merle - sogar mit dem Schlitten angereist sind. Während die Kinder voller Begeisterung die vielen kleinen Tiere in Augenschein nehmen, erzählt Kathrin Riemann, dass ihre Eltern die Figuren nach und nach bei Kuhlmann in Münster gekauft hätten. Die Krippe gehöre für sie seit Kindheitstagen zu Weihnachten . „Um die Technik“, verrät Kathrin, „kümmert sich Papa, für den Rest bin ich zuständig.“

Mit einem weihnachtlichen Blumengebinde, „Stille Nacht, heilige Nacht“ und der Ankündigung, dass noch zwei Gruppen erscheinen werden, verabschiedet sich die erste Besuchergruppe des Abends.

Nächstes Ziel ist die Wohnung der Familie Schmidt in der Industriestraße. Wider Erwarten hat es Michael Schmidt, der den ganzen Tag lang Flachdächer von Schneemassen befreien musste, pünktlich zum Empfang der Gäste nach Hause geschafft. Bei einem Schnäpschen - das beim Krippesbekieken offenbar dazu gehört wie das Jesuskind zur Krippe - bestaunen die Besucher die hübsche Krippe, die Ute und Michael Schmidt vor 28 Jahren in Kevelaer erstanden haben, als sie eine im dortigen Kloster lebende Tante besuchten. Das Schiefergebirge im Hintergrund hat Michael Schmidt selbst gemacht. Das Moos für die Krippe haben die Eheleute - rechtzeitig vor dem großen Schnee - am ersten Adventswochenende gesucht. Für das Aufstellen der Krippe sei er zuständig gewesen. „Ich“, verrät Ute Schmidt, „kümmere mich immer um den Baum.“ Spricht´s und schenkt den Gästen nach. Über die festlich illuminierte Gänsestraße schlittert die Gruppe Minuten später zum Haus von Irmtraud und Dieter Theres.

„Was ist denn heute bei Oma los?“, wundert sich eine Enkelin des Paares, während sie sich einen Weg durch den Menschen-Auflauf vor dem Haus zu einem am Straßenrand parkenden Auto bahnt. „Wir sind alle eingeladen. Und einige von uns schlafen sogar hier“, scherzt ein älterer Herr, der geduldig darauf wartet, dass jene Gruppe, die drinnen noch singt, endlich das behagliche Wohnzimmer der Familie Theres verlässt. Bei Glühwein und - na klar - Schnäpschen erzählt der aus der Eifel stammende Dieter Theres wenig später, dass die zahlreichen Gips-Figuren in seiner selbst gebauten Krippe noch aus Kindheitstagen stammen. „Die sind 80 bis 90 Jahre alt. Die sind aus dem Forsthaus bei uns zu Hause.“ Ihre leichte Patina verdankten die Figuren dem Umstand, dass sie schon mehrere Umzüge hinter sich hätten. „Einige haben da auch schon mal den Kopf verloren.“

„Wir haben zu Hause auch eine Krippe“, bemerkt trocken einer der Besucher angesichts der hübschen Figuren. „Aber nur in der Grundausstattung mit den drei Hauptdarstellern.“ Zum zweiten Mal an diesem Abend stimmen die Krippkes-Bekieker um Wilma Richter „O du fröhliche“ an, um sich dann auf den Weg zur Familie Käller/Kulla in der Gänsestraße zu begeben. „Hier steht die erste Krippe“, weist Peter Kulla schon im Flur auf die erste von insgesamt drei Krippen hin. Im weihnachtlich dekorierten Wohnzimmer verschlägt es den Gästen erst einmal die Sprache. Eine gewaltige Krippe aus der Werkstatt des Krippenbauers Potthoff aus Herzebrock mit einem Stall aus alter Eiche ist der alles beherrschende Blickfang. Erst vor einem Jahr haben sich Mechthild Käller und Peter Kulla die kostbare Krippe gekauft. „Das war aber ein dickes Weihnachtsgeschenk“, staunt Wilma Richter. Kurz darauf bewundert sie ein gewaltiges Engelsorchester aus dem Erzgebirge, das Familie Käller-Kulla liebevoll in Szene gesetzt hat. Die kleine Orgel spiele sogar, erzählt Peter Kulla voller Stolz. „Stille Nacht, heilige Nacht“, genau wie die winzige Krippe, die Mechthild Käller nun in Händen hält. Mehr als 200 Jahre alt ist das gute Stück, ein Familien-Erbstück, das es im wahrsten Sinne des Wortes in sich hat. Zum Beweis dreht Mechthild Käller an einer Schraube auf der Rückwand der Krippe und schon ertönt ein zartes „Stille Nacht, heilige Nacht“, das die Besucher nach einem stimmgewaltigen „Alle Jahre wieder“ in den kalten Dezember-Abend entlässt.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/262217?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F35766%2F706341%2F706342%2F
Nachrichten-Ticker