Lebensgeschichte in der Erde verankert
Lebensgeschichte in der Erde verankert

Freitag, 18.11.2011, 18:11 Uhr

Freckenhorst - „Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, ist blind für die Gegenwart“, zitierte Doris Kaiser, stellvertretende Bürgermeisterin, gestern im Bürgerhaus während einer bewegenden Gedenkfeier zur Übergabe der Stolpersteine den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Weil Freckenhorst nicht die Augen vor der Vergangenheit verschließe, sondern die Erinnerung wach halten wolle, sei ein Stück der Lebensgeschichte Liesel Binzers und ihrer Familie „in der Erde verankert und sichtbar gemacht“ worden. Damit spielte die stellvertretende Bürgermeisterin auf die Verlegung der Stolpersteine vor dem Elternhaus Liesel Binzers, geb. Michel, in der Hoetmarer Straße 3 an.

Die Steine, die an die einstigen Bewohner des Hauses erinnern sollen und auf Initiative eines Arbeitskreises verlegt wurden, dem unter anderen Vertreter des Vereins Freckenhorster Bürgerhaus, des Katholischen Bildungswerks, des Heimatvereins, der SPD-Fraktion, angehören, hatten zuvor Liesel Binzer-Michel und ihre Tochter Gaby Laufmann, in Augenschein genommen.

Die heute 75-jährige Liesel Binzer war 1942 mit ihren Eltern Hilde Michel , geb. Rosenberg, und Bernhard Michel nach Theresienstadt deportiert worden. Die drei Freckenhorster gehörten zu den wenigen Menschen, die der Vernichtungsmaschinerie der Nazis entkamen - und in ihre Heimat zurückkehrten.

„Eine Kultur des Erinnerns“ solle mit der Verlegung der Stolpersteine - die auch als eine Art „Präventionsarbeit gegen Rechtsextremismus“ verstanden werden könne - geschaffen werden, bemerkte SPD-Ortsvereinsvorsitzender Christian Elsner während der Gedenkfeier, die von der Heimatvereinsvorsitzenden Wilma Richter eröffnet worden war und musikalisch von Nele Klemann und Joy Elsner untermalt wurde. Elsner kündigte die Verlegung weiterer vier Steine im kommenden Jahr an. Auf diesen werde allerdings nicht als letztes Wort „überlebt“ stehen können.

Ein untrennbar mit den Stolpersteinen verbundenes Gedenkblatt, das in der Villa ten Hompel in Münster archiviert wird, verlasen zwei Schulfreundinnen Liesel Binzers. Anders als zu ihrer Jugendzeit hatten Mathilde Laubrock und Gerda Esterhues den Mut gefunden, die Freundin nach ihren schrecklichen Erlebnissen zu befragen. Und Liesel Binzer, der es nach Aussage Wilma Richters eine Herzensangelegenheit ist, das einstige Tabu zu brechen und darüber zu sprechen, hatte geantwortet. Das auf diese Weise entstandene, sehr anrührende Interview, setzt vor allem Liesel Binzers Mutter Hilde ein Denkmal. Zart, aber stark sei sie gewesen, erinnert sich die Tochter, die ihr Überleben vor allem der Durchsetzungsfähigkeit dieser Frau verdankt.

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