Hintergründig und etwas schräg: Rainer Strobelt
Der mit der Sprache spielt

Warendorf -

In der Kürze liegt die Würze: Rainer Strobelt ist ein Meister des Minimalismus.

Samstag, 11.02.2012, 18:02 Uhr

Hintergründig und etwas schräg: Rainer Strobelt : Der mit der Sprache spielt
Rainer Strobelt vor einer Auswahl seiner Gedichtbände, die in der Stadtbücherei, aber auch im örtlichen Buchhandel zu bekommen sind. Foto: Brocker

Fast wäre er Journalist geworden. Sport. Klar, als aktiver Bezirksklasse-Kicker bei Wacker Ahlen. Als Rainer Strobelt nach nur drei Monaten das Volontariat beim Westfalenblatt abbrach, um das Abitur nachzuholen, Anglistik und Slawistik in Freiburg, Zagreb und Münster zu studieren und es einmal zu einem der „Russisch-Päpste“ Warendorfs zu bringen, hatte er gewiss einen Lehrsatz verinnerlicht, der Volontären eingetrichtert wird: „In der Kürze liegt die Würze .“ Wie sonst ist es zu erklären, dass Strobelt ein Meister des Minimalismus ist?

Seit 32 Jahren schreibt der gebürtige Ahlener, der im März seinen 65. Geburtstag feiert, Gedichte, die nicht selten aus gerade mal zwei Zeilen bestehen. Zwei Zeilen, kurz, knackig, kunstvoll. Zwei Zeilen, gehaltvoll wie ein Roman. Komisch wie die Gedichte Christian Morgensterns . Humoristisch wie die Verse eines Joachim Ringelnatz. Tiefgründig wie ein philosophisches Essay.

Kürzer geht‘s kaum. Oder doch? Es geht. Findet Strobelt. In seinem siebten Gedichtband, der noch in diesem Jahr erscheinen soll, möchte er noch Kürzeres – Notate wie „Euter und Kuh, Passt schon.“ , Aphorismen, versammeln. Und selbstverständlich Hintergründiges. „Das Schalkhafte“, sagt er, „ist in mir drin.“ Das sei wohl genetisch bedingt.

Auch das sprachliche Ziselieren liege ihm. Großschreibung wie Zeichensetzung konsequent ignorierend – weil er das „chic“ findet und nichts nachschlagen muss – lässt Strobelt „Titel munter knallen und rauchen“. Bedient sich der Sprache als literarischen Mittels, indem er sie, wie einst Kurt Schwitters oder Christian Morgenstern, in ihren phonetischen oder visuellen Dimensionen zum Gegenstand des Gedichtes werden lässt. Spielt mit der Sprache, ihren Worten, ihrem Klang. Lässt seinen Bleistift Metaphern erlegen – und nur selten reimen – und findet: „wörter sind springendes wild.“

In mehreren angesehenen Anthologien, in denen auch Werke so prominenter Autoren wie F.C. Delius oder Hans-Ulrich Treichel veröffentlicht wurden, sind im Herbst Gedichte des mittlerweile pensionierten Pädagogen erschienen, dessen Qualitäten als Lyriker das „Luxemburger Wort“ schon früh erkannt hat. In Zeiten, da der Kreis echter Lyrik-Leser zumindest hierzulande mehr als überschaubar ist, veröffentlichte die führende Tageszeitung des Nachbarlandes Strobelts Gedicht gegen den überbordenden Autoverkehr. Den Schriftsteller scheint das gleichermaßen zu freuen wie zu verblüffen, sind es doch üblicherweise eher kleine Häuser, wie der Peter Segler Verlag (Freiberg), die seine Gedichtbände publizieren. Illustriert werden die liebevoll gestalteten und auch von bekannten Autoren wie Ralph Giordano („Die Bertinis“) hoch gelobten Bändchen mittlerweile von der polnischen Dichterin und Grafikerin Tamara Boldak-Janowska, deren Gedichte Rainer Strobelt aus dem Polnischen übersetzt.

Zettel und Bleistift hat der Dichter immer dabei, wenn er das Haus verlässt, um sich von der Welt inspirieren zu lassen und starke Eindrücke – akustische wie visuelle - festzuhalten. Das bedeute allerdings nicht zwangsläufig, dass er nach dem Besuch der Klagemauer in Jerusalem ein Gedicht über eben dieses Bauwerk schreibe. „Es kann sein, dass ich dann über einen Stein schreibe. Oder über das Pfeifen des Windes. Oder das Zwitschern eines Vögelchens.“ Freilich, der Vogel könne auch an Lärm und Disharmonie erinnern, räumt der Lyriker ein. „Aber warum nicht über das Schöne schreiben? Wir haben eine Tendenz, immer nur das Schlechte zu sehen.“

Strobelt, der zwei Jahre lang in Varazdin (Kroatien), der Heimat seiner Frau, und dann sechs Jahre in Sarajewo (Bosnien) im Auslandsschuldienst tätig war, verarbeitet in seinen Gedichten Begegnungen in Polen, Kroatien oder Bosnien, Eindrücke, die er beim Radfahren, bei Spaziergängen durch die Natur oder beim Beobachten des menschlichen Miteinanders gewinnt.

Er schreibt Gedichte über den Zustand der Welt , aktuelle Themen wie die Finanzkrise, schreibt über Ungerechtigkeit und Krieg, packt das ganze pralle Leben in wenige, nachdenklich stimmende Zeilen. Selbst im Urlaub, im gemeinsamen Haus in Istrien, lässt er den Bleistift nicht ruhen, um in seiner ersten Heimat, in Warendorf, an den Ergebnissen zu feilen: „Das ist, so stelle ich mir das vor, wie beim Friseur für Frauen, wenn da noch einer an der Frisur zupft.“ Arbeit? Der an der Grenze zum Ruhrgebiet aufgewachsene Strobelt überlegt kurz: „Ja dat isset, aber schön. Das macht Spaß.“

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