Ein Jahr in Indien
„Friends“ ins Herz geschlossen

Warendorf -

Eine sich selbst reinigende Klobrille in einem deutschen Rasthof – so ein Anblick kann einen schon mal kurz aus der Fassung bringen. Namentlich, wenn man gerade erst von einem einjährigen Indien-Aufenthalt zurückgekehrt ist. Ausgesprochen spartanisch war das Quartier, das die 20-jährige Warendorferin Anna Schneegans dort – nur kurz nach ihrem Abitur am Mariengymnasium – für ein Freiwilliges Soziales Jahr bezog.

Sonntag, 01.09.2013, 08:09 Uhr

Weil sie die Arbeit mit behinderten Menschen und der asiatische Kulturkreis, die Sprache und die Tradition der dort lebenden Menschen interessierte, hatte die junge Frau sich über den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst „Weltwärts“ für ein Projekt in Indien beworben.

Die Entsendeorganisation „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners “ schickte sie nach Sadhana Village, eineinhalb Stunden entfernt von Pune im Bundesstaat Maharashtra. In Sadhana Village, einem aus vier Häusern bestehenden Dorf, wohnte und arbeitete Anna Schneegans in einer Lebensgemeinschaft für erwachsene Menschen mit Behinderungen. Die Landschaft sei atemberaubend schön gewesen, erzählt die angehende Studentin, die ab dem Wintersemester in Dortmund Kunst und Deutsch studieren wird. Beim Anblick ihres Zimmers („Eine kleine Zelle mit Eisenbett“) habe sie jedoch gleich am ersten Abend das Heimweh gepackt. An die übersichtliche Ausstattung – das Bad bestand aus einem Loch im Boden und einem Eimer zum Duschen – habe sie sich dann aber bald gewöhnt. Ebenso an die fremden Gerüche, die Feuchtigkeit und das bisweilen ein wenig unstrukturiert anmutende Leben in Sadhana Village.

Wenngleich der Alltag mit den „Special friends“ – so werden im Village die behinderten Erwachsenen genannt – schon nach einem festen Plan ablief, wie Anna einräumt. Die „Friends“, die für die Warendorferin bald wie eine zweite Familie waren und Behinderungen, wie Schizophrenie, Psychosen, Autismus oder Epilepsie haben, wurden täglich um sieben Uhr geweckt. Nach dem Chai (Tee) stand Bewegung auf dem Programm.

Dann Frühstück, Meditation und Yogaübungen als Einstieg in den Tag. Anschließend folgten Workshops wie Gartenarbeit, Holzarbeit, Hausarbeit wie Gemüse schneiden für das Mittagessen oder beim Abwasch helfen und Mitarbeit in der Kerzen- und Papierwerkstatt. Nach der Mittagspause wurde in Afternoon-Workshops gespielt, gemalt, gebastelt, gesungen und getanzt. Anna: „Besonders gut hat den Friends Memory gefallen.“ Nach einer weiteren Tee- und Bewegungspause klangen die Abende mit TV-Time, Abendessen und dem Evening Prayer, dem Abendgebet, aus.

Mittags sei immer Duschzeit gewesen, erzählt Anna Schneegans. Bei der Pflege der weiblichen Friends halfen die so genannten Maushis, Frauen aus den Dörfern in der Umgebung, denen Sadhana Village Geld für diese Dienstleistung bezahlt. „Die Frauen erlangen dadurch eine gewisse Unabhängigkeit von ihren Männern“, erläutert die 20-Jährige. Viele Frauen würden von ihren Männern unterdrückt und – das habe sie besonders deprimiert – auch verprügelt.

Die Erfahrung, dass Frauen in ländlichen Regionen Indiens eindeutig im Haus arbeiten, die Kinder erziehen sollen und kein hohes Ansehen genießen, hat Anna oftmals gemacht. Während des sechswöchigen Jahresurlaubs den sie – mit einer Mitfreiwilligen oder der Familie – für Reisen durchs Land nutzte, war es für Anna spannend, andere Landschaften, Sitten und Gebräuche innerhalb Indiens kennenzulernen. Auch wenn sie auf das Kennenlernen einer Rattenfamilie in ihrem Kleiderschrank nach der Rückkehr von der Reise gerne verzichtet hätte.

„Ich bin froh, mich auf eine andere Kultur eingelassen und ein ganz anders Leben gelebt zu haben“, stellt sie rückblickend fest. An das einfache Leben in Indien, wo Luxus ganz anders definiert werde als in Europa, habe sie sich schnell gewöhnt. Nicht aber an feuchte Betten und klamme Kleidung während des Monsuns und Kakerlaken, die vor dem Regen flüchteten. Ganz besonders fehlen Anna nach der Rückkehr nach Deutschland die „Special friends“: „Jetzt fühle ich die Stille um mich herum, und es ist ganz ungewohnt, plötzlich wieder Zeit für mich zu haben und nur Verantwortung für mich selbst zu tragen.“

Für Anna steht außer Frage, dass sie irgendwann noch einmal ihre zweite Familie in Sadhana Village besuchen wird. „Die Erlebnisse die ich in diesem Jahr gemacht habe und die Menschen die ich kennenlernen durfte, werden immer in meinem Herzen bleiben“, sagt Anna und sie spricht all denjenigen Mut zu, die so ein Auslandsjahr planen. „Eine bessere Möglichkeit, seine eigenen Grenzen zu erfahren, sich selbst besser kennen zu lernen und auf diesem Weg Selbstbewusstsein zu entwickeln, gibt es nicht.“

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