Erstverlegung mit dem Künstler Gunter Demnig
Stolpersteine bringen viel ins Rollen

Warendorf -

Tränen der Rührung hatte Kenneth Meyer gestern morgen vor dem Haus seiner Eltern an der Brünebrede 17 in den Augen. Zusammen mit seiner Frau Amy war er zur Stolperstein-Verlegung nach Warendorf gereist. Sichtlich ergriffen dankte der Amerikaner den Warendorfern für die Würdigung seiner Eltern und besonders der Familie Leve, die die Freundschaft der Familien auch in schwierigsten Zeiten und auf größte Entfernung gepflegt und erhalten hat - und weiterführen werde.

Dienstag, 15.10.2013, 07:10 Uhr

Nach der Stolperstein-Verlegung durch den Künstler Gunter Demnig besichtigen Meyers erstmals das Haus, aus dem Jakob und Julie Meyer nach der Pogromnacht 1938 vertrieben wurden.

Gleich an vier historischen Stätten wurden gestern insgesamt 20 Stolpersteine verlegt. Die engagierten Mitstreiter der Stolperstein-Initiative Warendorf und des Arbeitskreises „Jüdisches Leben in Warendorf“ der Altstadtfreunde hatten zusammen mit dem Paul-Spiegel-Berufskolleg dazu eingeladen. Stein-Paten erinnerten vor Ort an das Leben und das Schicksal der jüdischen Familien Lehmann, Meyer, Elsberg und Spiegel.

„Mit ,Hier wohnte...‘ beginnen die Inschriften auf den Messingtafeln. Stolpersteine erinnern an Menschen, die im Nationalsozialismus ausgegrenzt und entrechtet, verfolgt und vertrieben, verschleppt und ermordet wurden,“ unterstrich Matthias M. Esther. Es folgen Namen und Schicksale. So werde das Historische mit der Gegenwart und der Alltagswelt verknüpft. Denn nun lägen die Steine mitten im Leben der Warendorfer Bürger.

Die Warendorfer, die die Patenschaft für die Steine übernommen haben, hatten sich mit der Geschichte der Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes auseinandergesetzt und trugen vor Ort ihre „Recherche-Ergebnisse“ und damit Stationen und Schicksalswege aus dem Leben der jüdischen Mitbürger vor.

Zur Erstverlegung hier kam der Künstler, der das Kunst- und Erinnerungsprojekt geschaffen hat persönlich. Das Projekt startete Gunter Demnig 1995 in Deutschland. Mit den 20 Warendorfer Exemplaren liegen nun europaweit rund 43 000 Gedenksteine. Trotz täglicher Gymnastik für Knie und Rücken ist es Demnig nicht mehr möglich alle Steine selbst zu verlegen, räumte der Künstler im Gespräch mit den WN schmunzelnd ein. Allerdings sprengt die erreichte Zahl allein vom Organisatorischen schon den Rahmen dessen was für eine Person allein machbar ist. Für Freckenhorst hatte Demnig sich bereits im März 2012 Zeit genommen und nun auch für die Kernstadt Warendorf. Die Aktion soll 2014 weitergeführt werden, dann übernehmen Mitarbeiter des Bauhofes das Verlegen. Bis gestern waren bereits 46 neue Paten gefunden worden. Dabei richtet sich das Augenmerk nicht nur auf Bürger jüdischer Herkunft. Zu den Opfern des Nationalsozialismus zählen unter anderem auch verfolgte und ermordete Katholiken und Protestanten, Behinderte und Kranke sowie Homosexuelle.

Bürgermeister Jochen Walter unterstrich, dass die Veranstaltungen Mahnung und Erinnerung zugleich seien aber auch ins Heute und Morgen ausstrahlen sollen. Das wurde besonders an der Schützenstraße deutlich. Denn dort waren es Schüler des Paul-Spiegel-Berufskollegs, die die Patenschaft für einen Stein übernommen hatten und auch an des Leben der Familie Spiegel erinnerten. Auch hier brachten die Stolpersteine viele Gespräche mit Zeitzeugen ins Rollen.

 

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