Belastetes Grundwasser: Anwohner stellen Schadensersatzansprüche
„Das Gift im Erdreich muss weg!“

Warendorf -

Während der Kreis Warendorf eine Sanierung der Schadstofffahne im Erdreich im Warendorfer Norden aus Kostengründen ablehnt, beziehen sich die betroffenen Anlieger auf eine Aktennotiz aus den jetzt vom Kreis offengelegten 16 Gutachten, wonach eine Sanierung im Pumpen-Filter-Verfahren möglich sein soll. Kosten: 245 000 Euro. Vorsorglich wollen die Anlieger jetzt schon mal Schadensersatzansprüche an den Kreis stellen. Denn 2015 kommt die Schadstofffahne bei ihnen an.

Dienstag, 05.11.2013, 20:11 Uhr

Eine Flut von Schadensersatzansprüchen rollt auf den Kreis Warendorf zu. Hintergrund ist das belastete Grundwasser im Warendorfer Norden. Die betroffenen Anlieger wollen nicht hinnehmen, dass der Kreis Warendorf die Wanderung des Lösungsmittels Tetrachlorethen im Erdreich nur beobachten, aber nicht sanieren will. „Wenn das Gift erst unsere Grundstücke erreicht hat, haben wir den Schaden. 50 Jahre müssen wir dann mit der Belastung leben. Das trifft noch unsere Kinder und Enkelkinder. Das Gift im Erdreich muss weg. Wir fordern eine aktive Sanierung!“ Das war der Tenor der Anliegerversammlung am Montagabend, auf der heftig diskutiert wurde. Über 200 Bürger waren der Einladung einer privaten Anliegergruppe um Rainer Robers, Dr. Mohammad Abuosba , Helmut Köpke, Stephan Wehing und Franz-Josef Schembecker in den Emshof gefolgt.

Das Gros: Anwohner aus dem Warendorfer Norden. Unter den Zuhörern waren aber auch Vertreter aller im Rat der Stadt vertretenen Fraktionen. Sogar ein Mitglied der Piraten-Partei aus Düsseldorf fand den Weg nach Warendorf und regte an, mit dem Altlasten-Aufbereitungsverband in NRW Kontakt aufzunehmen, der in ähnlichen Fällen finanzielle Mittel für Sanierungen zur Verfügung stellt.

Gesucht wurden am Montagabend aktive Mitstreiter, die sich gegenüber dem Kreis für eine Sanierung des Grund und Bodens stark machen. Stephan Wehing wollte gleich die Politiker aller Couleur für eine solche Arbeitsgruppe verpflichten und fand mit Alwin Wiggering (CDU), Daniel Kebschull (Grüne) und Andre Wenning (FWG) auf Anhieb drei Mitstreiter. Die stellvertretende Bürgermeisterin Doris Kaiser sicherte den Anliegern zu, sich persönlich für sie einzusetzen. Energisch wies sie die Unterstellungen eines Anliegers zurück, die Stadt würde „täuschen und betrügen“. Verfahrensführer sei nun mal der Kreis, betonte Doris Kaiser, und das solle keine Entschuldigung oder Wegschieben des Problems sein.

Dass allein der Kreis in der Pflicht ist, sahen die Anlieger anders: „Obwohl seit 1997 bekannt war, dass das Grundwasser verseucht ist und seitdem regelmäßig Gutachten erstellt werden, haben wir bei Baugenehmigungen keinerlei Hinweise darauf bekommen.“ Kreis und Stadt hätten sich untereinander abstimmen müssen. Sie seien ihrer Informationspflicht zu spät nachgekommen.

Richard Henschen, FWG-Kreistagsmitglied und selbst betroffener Anlieger, forderte den Kreis auf, das Genehmigungsverfahren für die damalige Reinigungsfirma Rübesamen (Verursacher der Kontamination) offen zu legen. Henschen hakte nach: „Ist der Kreis seiner Fürsorgepflicht nachgekommen und hat die Einleitungen des Unternehmens regelmäßig kontrolliert?“ Andernfalls sei der Kreis auch heute noch haftbar zu machen.

Die Anlieger forderten ihre gewählten Ratsvertreter auf, Druck auf Stadt und Kreis auszuüben und eine Beseitigung des Schadens zu fordern: „Lippenbekenntnisse haben wir genug gehört.“

Das belastete Grundwasser im Warendorfer Norden erhitzt weiter die Gemüter. Betroffen sind 150 Haushalte, von denen 39 nicht ans städtische Trinkwassernetz angeschlossen sind und ihr Wasser über einen hauseigenen Brunnen beziehen. 2015 soll die giftige Schadstofffahne (in zwei bis 25 Metern Tiefe zurzeit unter der Tönneburg und in einer Größe von 50 000 Quadratmetern) die ersten Zipfel des Wohngebietes Hasenkamp, Buschkamp, Heidekamp und In de Brinke erreicht haben und 2050 an der Ems angekommen sein.

Die Anlieger rechnen mit einem nachhaltigen Schaden: Wertverlust an Grund und Boden, nachträgliche Neuinstallation von Brauch- und Nutzwasser, Garten- und Landschaftsarbeiten für die Installation zum Anschluss an das öffentliche Netz, über Jahrzehnte finanzielle Zusatzaufwendungen für die dann nicht mehr zulässige Grundwassernutzung zur Gartenbewässerung für Obst und sonstige Nutzpflanzen und mögliche gesundheitliche Auswirkungen für das Leben in diesem Umfeld.

Sie fordern Schadensersatz, nicht nur vom Kreis, sondern auch von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), die das Grundstück von der damaligen Reinigungsfirma Rübesamen gekauft hat. Von dem Grundstück geht die Kontamination aus.

Ihre Schadensersatzansprüche untermauern die Anlieger mit einem Urteil des Bundesgerichtshofes. Danach ist ein zu Wohnzwecken genutztes Grundstück mit einem Sachmangel im Sinne des Paragrafen 434 Absatz 1, Satz 2 Nr. 2 des Bürgerlichen Gesetzbuches behaftet, wenn es von Grundwasser durchströmt wird, das mit Giftstoffen belastet ist (Urteil vom 30. November 2012 - V ZR 25/11). Vorgefertigte Schadensersatzanzeigen konnten die Anlieger gleich mitnehmen.

Während der Kreis eine Sanierung der Schadstofffahne aus Kostengründen ablehnt, beziehen sich die Anlieger auf eine Aktennotiz aus den jetzt vom Kreis offengelegten 16 Gutachten, wonach eine Sanierung im Pumpen-Filter-Verfahren möglich sein soll. Zwei Brunnen würden dafür an der Schadstofffahne gebohrt. Das belastete Grundwasser wird rausgepumpt, gefiltern und wieder reingepumpt. Kosten: 250 000 Euro. Ursprünglich standen mal 750 000 Euro im Raum.

Wie giftig das Lösungsmittel wirklich ist, vermag niemand genau zu sagen. Tetrachlorethen steht in Verdacht, krebserregend zu sein. Umwelt- und Gesundheitsämter warnen sowohl vor einer Nutzung als Trinkwasser als auch davor, den Garten zu bewässern.

Mit dem Anschluss ans öffentliche Trinkwassernetz – wie von Stadt und Kreis als einzige machbare Lösung vorgeschlagen – geben sich die Anwohner nicht zufrieden. Mohammad Abuosba: „Jede Reduktion dieses Giftes ist ein Gewinn – auch für unsere Kinder. Wir leben hier und wollen hier auch weiter leben.“

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