Kunst und Krüßing
Erfolgreich auf dem Holzweg

Freckenhorst -

Zweckentfremdete Schubladen dienen als Miniatur-Zimmer, in denen Schmuckstücke, etwa winzige Broschen, auf kleinen Sesselchen präsentiert werden. Auf verspielten Etageren liegen Berge von Geschenk-Anhängern, auf dem gläsernen Tellerchen daneben Ketten und Armbänder mit kleinen Medaillons. Ein Besuch im Atelier von Selda Marlin Soganci.

Samstag, 26.04.2014, 16:04 Uhr

Fensterbänke dienen als Abstellfläche für handbemalte Teller, in Zellophan verpackte Bastelbögen. Wie die bunten Postkarten in dem Ständer neben dem prall gefüllten Bücherregal, die über den Raum verteilten fantasievoll bemalten Holzaufsteller und die Geschenkpapier-Rollen in einem Zinkeimer tragen sie die gleiche Handschrift. Wer das kleine Atelier im Hawerkamp betritt, wäre nicht erstaunt, jeden Augenblick auf Pippi Langstrumpf zu treffen, die zu ihrem Lieblingsspiel „Nicht den Fußboden berühren“ einlädt. Doch: Diese Villa Kunterbunt ist die zweite Heimat einer jungen Künstlerin. Am Hawerkamp in Münster befindet sich das Atelier der Illustratorin Selda Marlin Soganci .

„Es ist richtig urig dort“, schwärmt Achim Hensdiek, der sich, wie seine Begleiterinnen vom Krüßing-Arbeitskreis bei einem Atelier-Besuch gar nicht satt sehen konnte und ein bisschen in die eigene Kindheit zurückversetzt fühlte. Am Krüßing-Sonntag (4. Mai) wird die Künstlerin aus Münster zum ersten Mal auf dem Kunstmarkt in Freckenhorst Schönes für Haus und Garten, kunstvoll bemalte Porzellanteller, Bilderbücher, Postkarten, Plakate, Geschenkpapier, Schmuck und eine kleine Serie Holzdrucke ausstellen wird. Diese sind sozusagen die Spezialität der gebürtigen Fränkin.

Dass es die 40-Jährige Tochter eines Zahnarztpaares aus Naila ( Landkreis Hof ) ausgerechnet ins Münsterland verschlagen hat, ist wohl auch einer kleinen Tournee von Uni zu Uni zu verdanken, die sie nach einem einjährigen Praktikum bei einem freien Grafiker unternahm. „Mein Papa ist mit mir durch ganz Deutschland gefahren, um Hochschulen anzuschauen und mich zu den Mappen-Prüfungen zu begleiten“, ist die Illustratorin ihrem aus der Türkei stammenden Vater dankbar. So studierte Selda Marlin Soganci von 1994 bis 2001 an der FH in Münster Visuelle Kommunikation/Grafik Design mit Schwerpunkt Illustration; und geriet dabei auf den „Holzweg“. Allerdings im besten Sinne des Wortes.

Eher zufällig – sie gestaltete aus einem Stück Restholz ein Schlüsselbrettchen für eine Freundin – entdeckte sie, dass Fichtenholz eine wunderbare Leinwand sein kann. Seither verwendet sie für ihre Zeichnungen und Objekte helles, zart gemasertes Fichtenleimholz oder Sperrholz als Grundlage, bemalt sie mit Ölkreiden und bestempelt sie unter Zuhilfenahme alter Tapetenrollen und Musterstempel. Will die Illustratorin etwas korrigieren, geht das nur mit Schleifpapier. Der widerstandsfähige Mal-Untergrund nimmt das glücklicherweise nicht übel. Die ungewöhnliche Technik verleiht den fantasievollen, mitunter poetisch-melancholisch anmutenden Bildern Sogancis einen ganz besonderen Reiz. „Bei mir“, sagt sie, „sieht ein Tisch auch tatsächlich aus wie ein Tisch, weil er seine Holzstruktur behält.“

Wenn die Bilderbuch-Entwürfe der Künstlerin das Atelier verlassen, hat der Postbote ganz schön zu schleppen: „Die Druckerei bekommt die Bretter. Zwei Umzugskartons pro Bilderbuch.“

Über die schwergewichtigen Bretter schweben fantasievolle Tiere und Figuren mit großen Augen, Kussmündern, Pausbäckchen, Stupsnasen, und „tierischen“ Frisuren – gerne auch mit Vogelnest. Dass die hübschen Motive inzwischen auch Schmuckstücke aller Art zieren hat vor allem einen Grund. Soganci: „Ich bin eben ein Mädchen.“

Gleich ihr erstes Bilderbuch „Schenk mir Flügel“ wurde national wie international ein großer Erfolg. 2004 erhielt Selda Marlin Soganci dafür den Kinderbuchpreis der Stadt Wien. Für „Was der Zauberwald erzählt“ wurde sie im gleichen Jahr von der Stiftung Buchkunst mit dem Prädikat „Die schönsten Bücher“ ausgezeichnet. Inzwischen arbeitet die Illustratorin auch für den renommierten Insel-Verlag, der sie mit der Gestaltung von Einbänden beauftragt hat. Neuester Auftrag ist die Gestaltung eines Covers für eine Charles-Dickens-Ausgabe.

Der Weg zum ersten Bilderbuch sei nicht leicht gewesen, blickt die Münsteranerin, die eng mit dem Kinderbuchautor Heinrich Hannover („Das Pferd Huppdiwupp“) zusammenarbeitet, Bühnenbilder für das Kindertheater Don Kidschote gestaltet, Malworkshops für Kinder und Erwachsene anbietet und Schulklassen bei Atelierbesuchen regelmäßig die Entstehungsgeschichte eines Bilderbuches anschaulich vermittelt, zurück: „Bis zur ersten Veröffentlichung dauerte es drei oder vier Jahre.“ Eine Lektorin des bekannten Rowohlt-Verlages hatte eine von Soganci gestaltete Karte bei einem Postkartenverlag entdeckt und aufgehoben. Als sie sich mit einer Agentur für Literatur und Illustration selbstständig machte, fiel ihr diese Karte wieder in die Finger. Sie suchte den Kontakt zu der jungen Künstlerin aus Münster, deren Agentin sie seit nun fast zehn Jahren ist. Ein echter Glücksfall für beide Seiten. „Das ist kein Mainstream“, findet Selda Marlin Soganci, um selbstbewusst hinzuzusetzen: „Das sind gute Autoren und gute Illustratoren. Da passe ich gut hin.“

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