Wudikunds Rückkehr, Kapitel 3
Der tote Zwillingsbruder des Königs

Als Frecken und Jostmann auf dem Marktplatz ankommen, brauchen sie dank ihrer jahrelangen kriminalistischen Erfahrung nicht lange, um festzustellen, dass der Tote in dieser Gruft schon länger tot ist. Eher ein Fall für die Archäologen. Und deshalb alarmieren sie Kieselherr, Lorenz Kieselherr. Der ist Fachmann, für Geschichte allgemein, für die Warendorfs im Besonderen, seit Jahren Vorsitzender des Geschichtsvereins und erster Ansprechpartner, wenn sich historische Abgründe auftun. Der Gerufene eilt fix herbei, wechselt einige Worte mit den Ermittlern, geht hinüber zum Loch, stemmt die Arme in die Hüften und blickt nach unten.

Freitag, 25.07.2014, 01:07 Uhr

 Der Warendorfer Marktplatz.
 Der Warendorfer Marktplatz. Foto: Warendorf Marketing

Er ist sofort im Bilde. Was er dort sieht, ist vermutlich die größte Herausforderung seiner lokal-wissenschaftlichen Laufbahn. Ohne zu zögern steigt er die Leiter hinab und greift nach dem erstbesten Grabschatz: eine Totenmaske aus Bronze! Kieselherr sieht sie an, dreht und wendet sie, widersteht dem Impuls, sie aufzusetzen, und kommt kurzerhand zur Analyse: „Das hier ist eindeutig das seit Jahrhunderten gesuchte Grab von Wudikund. Das ist so sicher wie das Amen in der Laurentius-Kirche.”

Wudi-was? Wer ist Wudikund? Die Polizeibeamten kratzen sich synchron am Kopf, Kieselherr aber kann kaum noch an sich halten vor lauter historischer Ergriffenheit. Er ist voll in seinem Element: „Das ist der Zwillingsbruder des Sachsenkönigs Widukind. Weiß doch jeder!”

Jostmann wendet sich ab, dieses geschichtliche Blabla geht ihm gehörig auf den Zeiger. Frecken hingegen hört genauer hin. Als aufmerksames Kind seiner geschichtsträchtigen Heimatstadt Köln ist er Feuer und Flamme, wenn es um romantische Geschichten aus dem Urschlamm der Geschichte geht.

Warendorf, der Nabel der Welt. Hochwichtig.

Also sorgt er dafür, dass die Baustelle umgehend abgeriegelt wird. Er ist sich nach Kieselherrs weiteren Ausführungen der wissenschaftlichen Sprengkraft dieses Fundes sicher. Hat er ja schon immer gewusst: Warendorf – das ist epochal!

Der Kommissar funkt die Wache an, inzwischen stehen mehrere Dutzend Menschen um das Loch herum, nur wenige in offizieller Funktion, er braucht Unterstützung. Jostmann versucht es derweil mit der Hollywood-Methode: „Treten Sie zurück, hier gibt es nichts zu sehen”, sagt er mit leicht erhöhter Stimme er in ein Megaphon und wedelt mit den Armen.

Das stimmt nachweislich nicht, und aus den Gassen strömen, angelockt von Jostmanns Durchsagen, immer mehr Menschen auf den Marktplatz. Bürgermeister Walter Jochimsen ist jetzt auch da – informiert von seinem Marketing-Berater Andreas Event, der das Ganze aus seinem Bürofenster verfolgt hatte und nun ganz aufgeregt auf dem Rathausdach herumturnt, um die städtische Webcam neu auszurichten. Event wittert Werbe-Potenzial. Er hat den neuen Marketingspruch schon im Kopf. „Warendorf: Die Wudikund-Stadt”. Der Bürgermeister schaut sich das Geschehen erst mal an – und macht dann deutlich, dass hier große Dinge geschehen: „Das ist Chefsache.” Während die Welt die Warendorfer Ausgrabungs-Sensationen ab sofort im World Wide Web verfolgen kann, tritt die Realität in Form gastronomischer Befindlichkeiten auf den Plan. „Wie lange solle dasse noche dauer”, fragt der Besitzer des benachbarten Ristorante „In Centro“, der gerade einen feuerroten Freiheitsmelder mit dem bedeutungsschwangeren Satz „Die Fähigkeit, das Wort ,Nein’ auszusprechen, ist der erste Schritt zur Freiheit” von der Fassade gerissen hat. „Keine Ahnung”, sagt Frecken.

„Non è vero!”, lamentiert der Kellner. „Das kann ja wohl nicht wahr sein!”

„Kann ich einen Cappuccino haben?”, stoppt Frecken die Tirade des Italieners, der den Untergang des Abendlandes, zumindest aber den seines Lokals zu fürchten scheint.

Der Chef des Bistros „Sonderblättken” wundert sich: „Ausgrabungen neben meiner Außenbestuhlung? Das passt nicht zu unserem Corporate Design.” Und ruft die Zentralverwaltung an.

Halb Warendorf hat sich mittlerweile versammelt und steht in Grüppchen zusammen. Die Kunstszene der Stadt ist in heller Aufregung, seit jemand die Reste eines hölzernen Bilderrahmens und etwas Glitzerndes in dem Loch entdeckt hat. Bogdan Bogdanowitsch macht, gefährlich nahe am Abgrund über der Absperrung hängend, hektisch Fotos von der Szene: „Das ist ja alles so aufregend.”

Skulpteur Willi Trotzig ist mit dem Fahrrad gekommen, dahinter ein Anhänger, darauf ein Schweißgerät: „Ich werde das in Edelstahl verewigen”, kündigt er euphorisch an, „ich brauch’ Strom!”.

Ganz unbemerkt von dem hektischen Rotieren auf dem Marktplatz hat sich am Rande des Geschehens eine blasse Gestalt hinter dem Kleinhans-Brunnen in Position gebracht: Kunstfreund Charly Felsbach. Eigentlich müsste er trotz seiner hängenden Schultern auffallen mit seiner lilafarbenen Haremshose und dieser komischen Andy-Warhol-Brille. Aber die Leute haben nur Augen für das Loch auf dem Marktplatz.

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