Wudikunds Rückkehr, Kapitel 5
„Super-Bulle“ wird Bauhelfer

Frecken lässt sich in seinen Stuhl fallen und traktiert die Maus. Der Computer-Bildschirm springt an. Jostmann verschwindet im Technik-Raum und kommt gleich wieder raus, in der Hand mehrere große Bögen Papier. „Ich will’s nicht sehen“, sagt Frecken. „Aber es ist Kunst, Horst. Und Protest! Meine Form von Protest, mit persönlicher Note“, entgegnet Jostmann. „Es ist Sch****“, raunt Frecken.

Sonntag, 27.07.2014, 01:07 Uhr

„Die find’ste besser?“ Jostmann guckt ihn fragend an und hält ihm einen feuerroten Holzkasten unter die Nase, einen dieser Freiheitsmelder. „Wo hast du den denn her?“, fragt Frecken. „Von einem Galeristen. Auftragsarbeit, nur für mich“, sagt Jostmann schnippisch.

„Das ist genau der gleiche Kasperkram wie deine Aktion.“ Frecken rümpft die Nase. „Welcher Spruch steht denn drin?“, fragt er.

Jostmann liest vor: „Die Polizei muss die Freiheit haben, alles zu tun, damit gewisse Leute nicht die Freiheit haben, alles zu tun.“

„Mein Gott, Jostmann. Sehr tiefsinnig.“ Frecken schaut gelangweilt aus dem Fenster. Sein Assi geht ihm schon wieder auf die Nerven.

„Ich lasse mir dieses PEK nicht gefallen, Horst. Ich werde alles zuplakatieren. Erst das Kreishaus und die Wache, dann den Bahnhof, dann die ganze Stadt!“ – Jostmann ist offensichtlich ernsthaft sauer. „Wenn die mit ihrem blöden ‚Brain-Storm‘ kommen, gibt’s hier einen Shitstorm, das sag’ ich dir! Wir machen hier seit Jahren gute Arbeit, da müssen die keine Externen ran holen, die hier alles auf links drehen. Mit so einem Entwicklungskonzept kann man ein Dorf sanieren, ‘ne Medaille holen und dann von mir aus so’n blödes Golddorf-Schild aufstellen, aber keine Behörde umkrempeln.“ „Du hängst deinen Hintern nirgendwo auf“, antwortet Frecken trocken. „Stattdessen kannst du ihn zum Markt bewegen. Kieselherr will weiter graben und braucht jemanden, der aufpasst. Wenn er recht hat, liegt da ein Vermögen in der Grube. Ich lös’ dich morgen früh ab.“

„Die ganze Nacht?!“ Jostmann starrt seinen Chef entgeistert an. „So lange, wie es eben dauert“, antwortet Frecken.

Jostmann knallt Papier und Melder auf den Schreibtisch und verlässt das Büro. Frecken tippt einen ersten – vorläufigen – Bericht. „Scheiß Bürokratie“, knurrt er.

„Halten Sie den Strahler doch etwas mehr nach links, bitte.“ Inzwischen ist es dunkel geworden, obwohl die Kirchturmuhr halb zwei anzeigt – standen die Zeiger nicht schon heute morgen an gleicher Stelle? Jostmann löst den Blick vom Kirchturm und konzentriert sich wieder auf die Beleuchtung. Statt „Super-Bulle“ ist er nun Bauhelfer und hantiert mit zwei Strahlern am Grubenrand, während Kieselherr unten herumwühlt. Der hat sein komplettes Besteck ausgebreitet. Pinsel, Pinzetten, ein kleines Hämmerchen . . . Jostmann hätte direkt zum Spaten gegriffen, dann ginge es wenigstens vorwärts. Er verkneift sich den Vorschlag.

„Hier liegt nicht nur Wudikund“, sagt Kieselherr plötzlich. Jostmann beugt sich vor und blickt auf einen ganzen Haufen Knochen, den der Wissenschaftler freigelegt hat.

„Wie? Mehrere Tote? Ein Massengrab?“, fragt Jostmann leicht panisch.

Kieselherr hält ihm einen langen, dicken Knochen entgegen. „Das muss ja ein Riese gewesen sein!“, ruft Jostmann piepsend. „Oder ein Pferd“, entgegnet Kieselherr trocken. Jostmann denkt sofort an Halla – aber das kann ja irgendwie nicht sein.

Es entspannt sich eine Diskussion über die Anatomie von Pferden und Menschen. Jostmann hat während der Ausbildung mehrere Wochen in der Pathologie verbracht. Kieselherr liest sowieso alles, was er in die Finger bekommt. Zwei vermeintliche Experten im erbitterten Streitgespräch – und keiner von beiden bemerkt den Schatten, der sich dem Marktplatz aus der Fleischhauerstraße nähert. Der Sand dämpft die Schritte.

Als Kieselherr einen Knochen in die Höhe reckt und gerade zum Fachvortrag ansetzen will, kippt Jostmann plötzlich vornüber. Er taumelt, strauchelt und fällt neben Kieselherr in die Grube. Die Strahler, die Jostmann in der Hand hält, zerplatzen mit einem Knall. Plötzlich ist alles dunkel und ruhig. Kieselherr guckt irritiert. Er bückt sich, um seine Taschenlampe zu greifen und bekommt einen Schlag auf den Hinterkopf. Dann wird es um ihn herum dunkel.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2632007?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F35766%2F2592865%2F4852659%2F
Nachrichten-Ticker