Wudikunds Rückkehr, Kapitel 4
Kunst unter der Uphöffen-Kapelle

In der Uphöffen-Kapelle in Vohren gibt sich zu nächtlicher Stunde Heiner Maria Ermken seinen geheimen Freuden hin, er frönt den schönen Künsten – und genießt den 55 Jahre alten Glenfiddich Janet Sheed Roberts Reserve, einen wunderbaren Single Malt Wisky, den er von einem besonders dankbaren (und nicht ganz unvermögenden) Vater geschenkt bekam, dessen missratenen Sohn er durch das Abitur gelotst hat.

Samstag, 26.07.2014, 01:07 Uhr

Was für ein Genuss! Diese Farben! Der bewölkte Himmel, die sturmgepeitschten Baumwipfel, die angedeuteten Schemen frierender Menschen im Vordergrund. Und dahinter das Gotteshaus von Nuenen, von der tief stehenden Sonne in Szene gesetzt. Noch nicht so expressiv wie ein späteres Meisterwerk, die Kirche von Auvers, aber zweifelsohne ein van Gogh. Und zwar ein echter! Den er hier ungerührt betrachtet, während der Rest der Welt sich fragt, wo um Himmels Willen das Kunstwerk wohl geblieben sein könnte. Das hat doch wirklich was anderes als diese Freiheitsmelder, die seit Wochen sein kulturell verwöhntes Auge beleidigen. Was man heute alles so Kunst nennen darf . . .

Heiner Maria Ermken wiegt sich im Takt des Regentropfen-Préludes, das im Hintergrund perlt, und schwenkt den Whisky im Glas. Dieser wunderbare Duft!

Wenn er die Meisterwerke in dem verborgenen Raum unterhalb der Sakristei der Uphöffen-Kapelle betrachtet, schwelgt er gern in Visionen, wie wohl seine eigene künstlerische Karriere hätte verlaufen können.

Woran genau er gescheitert ist, kann er nicht mehr sagen. Fest steht nur, dass er jetzt „hier” ist. In der Provinz. Und als Leiter einer zwar elitären, aber doch schrecklich provinziellen Schule dazu verdammt, mehr oder minder begabten Schülern im Kunstunterricht eine bessere Version von „Malen nach Zahlen” nahe zu bringen.

Zwei seiner Schützlinge hat er im dringenden Verdacht, hinter dieser obskuren Freiheitsmelder-Aktion zu stecken, die im „Emskurier” als „Streetart” verkauft wurde.

Im Büro des Schulhausmeisters hatte er kürzlicheinen dieser Kästen entdeckt. „Liberté, égalité, fraternité, Pfefferminztee” hatte da ein Witzbold gedichtet. Ein Niveau war das an dieser Schule. Unterirdisch. Wenn einen Menschen etwas dazu treiben könnte, sich ein Ohr abzuschneiden, dann ja wohl dieses Schicksal! Den Teil, als das Genie das abgetrennte Körperteil einer Prostituierten schenkt, sollte er allerdings besser auslassen. Effektvoll wäre das sicherlich – aber schließlich hat er einen Ruf zu verlieren!

Ermken seufzt, zückt das seidene Einstecktüchlein mit Paisley-Muster, das er zum maßgeschneiderten cremefarbenen Anzug trägt, und versucht, seine künstlerische Mitte wiederzufinden. „Tief durchatmen”, befiehlt er sich. Der Van Gogh reicht in dieser Extremsituation nicht mehr aus, um seine Nerven zu beruhigen. Er wandelt, fast tänzelnd, zum nächsten Bilderrahmen.

Oh ja, das entspricht schon eher seiner Verfassung! Er identifiziert sich augenblicklich mit der Person auf der Brücke im Vordergrund – mit weit geöffnetem Mund, an den Kopf gelegten Armen und leeren Augen. Wenn die Kunstwelt wüsste, dass es von Munchs „Schrei” noch eine fünfte Version gibt – die er gerade betrachtet! Sicher: Die Umstände, wie das Werk in seinen Besitz gelangte, waren etwas dégoutant. Verwickelt war ein jüdischer Arzt, der die nahenden Repressalien im Dritten Reich rechtzeitig vorausgeahnt und das Bild seinem Großvater Wilhelm Maria Ermken anvertraut hatte. Der sollte es unter dem Vorwand eines Kongressbesuchs in die Schweiz schaffen … Aber man weiß ja, wie das Leben manchmal so spielt …

Heiner Maria Ermken nimmt noch einen tiefen Zug aus dem Whiskyglas und lässt den Glenfiddich sein heilsames Werk zwischen Zunge und Gaumen verrichten.

Dummerweise holen ihn in diesem zarten Moment der Kontemplation harte Schritte auf dem Steinboden der Kunst-Kapelle zurück in die schnöde Realität. Finanzmakler Richard Wichtig stürmt durchs Uphöffen-Portal: „Hast du’s schon gehört? Auf dem Marktplatz haben sie ein uraltes Grab ausgebuddelt. Mit Knochen drin. Sollen von einem Wudikund stammen, oder so. Und irgendwelche Schmuckstücke.”

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