Wudikunds Rückkehr, Teil 6
Schlag auf den Hinterkopf

Jostmann blinzelt. Die Sonne kitzelt an seiner Nase, er muss niesen. Ein stechender Schmerz durchfährt seinen Körper. Er bewegt den Kopf nur ein kleines Stück und schaut an sich herunter. Er trägt Schuhe an den Füßen, eine Hose hat er an – offensichtlich ist er recht vollständig bekleidet. Sein Kopf pocht. War er im „Sister Ed‘s”? Ist er wieder versackt? Es muss lange zur Sache gegangen sein, sein Kater ist von einem anderen Stern.

Montag, 28.07.2014, 01:07 Uhr

Er schaut sich um und sieht Sand. Unter ihm, rechts, links, vorne, hinten. Er liegt in einer Grube. Ist er auf dem Friedhof gelandet? Leichte Panik steigt in ihm auf. Hinter seinen Füßen sieht er einen Körper, der rundliche Bauch hebt und senkt sich mit schöner Regelmäßigkeit. Ein Einzelgrab ist das hier offensichtlich nicht.

Jostmann schnellt hoch, vergisst den Schmerz – und erkennt Kieselherr. War er mit dem in der Kneipe? Der Historiker liegt auf dem Rücken und schnarcht leise. Jostmann stemmt sich auf die Knie und sieht sich um. Hinter ihm, eben noch unter ihm, liegt eine Pferdemaske. Aus Bronze. Die spitzen Ohren haben sich in seinen Rücken gebohrt, daher der stechende Schmerz. Seine speckige Lederjacke hat aber zum Glück das meiste abgehalten. Er zieht sich an einer Leiter hoch und guckt über den Rand der Grube. Die Kirchturmuhr zeigt halb Zwei.

Mit dem Fuß stupst er seinem vermeintlichen Zechkumpanen in die Seite. Kieselherr knurrt und schlägt die Augen auf. Augenscheinlich ist er in einem ähnlichen Zustand wie Jostmann.

„Sind wir auf dem Friedhof?”, fragt der Wissenschaftler.

„Wir sind auf dem Marktplatz. Oder eher unter dem Marktplatz”, antwortet Jostmann.

Kieselherr sieht sich um und Jostmann merkt, wie es ihm dämmert, ein bisschen zumindest.

„Was ist passiert?”

„Keine Ahnung, sagen Sie es mir”. Jostmann greift zum Handy und ruft im Präsidium an. Kieselherr stapft durch die Grube, legt die Hände an die Schläfen und macht mit den Fingern leicht kreisende Bewegung.

„Ja, Jostmann hier. Ich glaube, wir sind überfallen worden. – Nein, Kopfschmerzen – weiß ich nicht, muss Kieselherr mal nachzählen – Ja, okay…”

„Frecken fragt, ob was fehlt. Nicht uns, sondern hier in dem Loch”, sagt Jostmann und schaut zu Kieselherr, der am Boden kniet. Der Historiker hält ihm die Hand eines Skeletts entgegen.

„Fällt ihnen was auf?”

„Der Ringfinger fehlt.”

„Der Ring auch.”

Kieselherr verfällt in Panik: „Der Schatz! Mein Schatz! Alles ist weg!”

Kieselherr holt seine Kamera aus der Tasche. Er hatte schon während der Grabung angefangen, alle Fundstücke zu katalogisieren. „Hier, gucken Sie mal. Wudikund hatte zu seiner Beisetzung das Familienwappen am Finger.”

Jostmann schaut auf das Display. „Das erinnert mich doch an irgendwas”.

„Stimmt”, entgegnet der Historiker, „das ist die Vorlage für den Ehrenring der Stadt, wie er heute noch verliehen wird.” Jostmann ist beeindruckt – und könnte sich vorstellen, künftig auch sowas am Finger zu tragen. Wenn der Fall hier gelöst ist.

Am Grubenrand taucht das Gesicht von Kommissar Horst Frecken auf. „Da hat man euch ja schön übers Ohr gehauen, wortwörtlich”. Ehe Jostmann sich eine blöde Antwort überlegen kann, verkündet Kieselherr sein weiteres Vorgehen. „Das muss alles weg hier”, sagt er mit Nachdruck. “Ich kann so nicht arbeiten. Wir verladen alles auf einen Lkw und bringen die restlichen Fundstücke in Sicherheit.”

Wenig später fährt ein Lkw vor, während Jostmann und Kieselherr hinten im Krankenwagen behandelt werden. Der Historiker springt auf, um die Verladung zu beaufsichtigen. Mit einem dicken Verband um den Kopf springt er hin und her zwischen Kran und Lkw und gibt Anweisungen.

Jostmann lässt sich auf die Liege zurückfallen. Landrat Ulricke hat eine Pressekonferenz angesetzt, in zwei Stunden. Jostmann weiß, er wird nicht nur komisch aussehen da oben auf dem Podium, er hat auch recht wenig zu erzählen.

Als Frecken vorfährt und hupt, erhebt Jostmann sich von der Liege und geht rüber zum Auto. Noch schnell ins Büro, etwas Ordnung in die Dinge bringen, die sie gleich der Presse erzählen, und dann direkt weiter zur Verwaltung.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2632022?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F35766%2F2592865%2F4852659%2F
Nachrichten-Ticker