Die Brüder Karamasow
Tiefe Abgründe der menschlichen Seele

Im Originaltext von Fjodor Dostojwski heißt es am Anfang „Es ist der Beginn einer unglücksträchtigen Schicksalsgeschichte“. Diesem Ansatz folgend hat Manfred H. Greve eine unter die Haut gehende kriminalistische Aufarbeitung konzipiert, bei der die vielen Irrwege die Akteure immer tiefer in den Abgrund aus Verbrechen und Schuld hinunterzogen.

Mittwoch, 12.11.2014, 15:11 Uhr

Der Beginn einer unglücksträchtigen Schicksalsgeschichte: Peter Rauch konnte mit seiner brillanten Schauspielkunst das hartherzige Familienoberhaupt Fjodor Karamasow in all seiner Verdorbenheit und Geldsucht bestens darstellen. Die Gerichtsverhandlung mit ihrem juristischen Fehlurteil wurde zur grandiosen Abrechnung mit einer Gesellschaft, die ihre Werte längst über Bord geworfen hat.
Der Beginn einer unglücksträchtigen Schicksalsgeschichte: Peter Rauch konnte mit seiner brillanten Schauspielkunst das hartherzige Familienoberhaupt Fjodor Karamasow in all seiner Verdorbenheit und Geldsucht bestens darstellen. Die Gerichtsverhandlung mit ihrem juristischen Fehlurteil wurde zur grandiosen Abrechnung mit einer Gesellschaft, die ihre Werte längst über Bord geworfen hat. Foto: Engels

Sigmund Freud bezeichnete „Die Brüder Karamasow “ als einen der gewaltigsten Romane der Weltliteratur. Einfach für den Leser ist dieses letzte Werk aus der Feder von Fjodor Dostojewski mit seinen ausufernden Schilderungen und psychologisch aufbereiteten Persönlichkeitsbildern sicherlich auch nicht.

Aber mit welcher Spannung und Intensität das Ensemble der Theater Greve GmbH jetzt im Theater am Wall ihre sehr anspruchsvolle Bühnenadaption quasi als Kriminalstück auf die Bühne brachte, verdient schon Respekt. Selten hat man ein so karges Bühnenbild erlebt wie an diesem Abend, da lenkte nichts von den handelnden Personen und ihren Dialogen ab. Seichte Abendunterhaltung war dies zu keinem Zeitpunkt. Man musste sich bei solcher Textfülle schon mit aller Konzentration auf dieses Stück mit seinen episch-philosophischen Fragen über Leben und Gesellschaft einlassen. Aber dafür wurde man bei der Inszenierung von Manfred H. Greve belohnt mit einem Theatererlebnis, das an Niveau den Vergleich mit den Umsetzungen ganz großer Theaterhäuser nicht scheuen muss.

Thomas Gerber, Jerzy Fabian Kosin und Otto Beckmann konnten die Rollen der Brüder Iwan, Dmitrij und Aljoscha Karamasow mit ihrer großen schauspielerischen Kompetenz zum Leben erwecken. Die einzelnen Szenen wurden mit jeweils einem Glockenspiel eingeleitet, dann reichte allein der Text, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu fesseln. Dabei wirkte das gleichsam unschuldig weiße Bühnenbild wie ein Gegensatz zu den tiefen Abgründen der menschlichen Seele. Jeder der drei Brüder mit ihrem lüsternen alten Vater verkörperte dabei ein eigenes Lebensprinzip, das im Laufe des Geschehens immer mehr in Frage gestellt wurde. Aus der Kriminalgeschichte wurde so ein Abbild dreier Lebens- und Glaubensauffassungen. Als existenzielle Sinnfrage erschien die Inszenierung von Manfred H. Greve, die sich dabei nicht nur auf den einzelnen Menschen bezog sondern auch auf seine Rolle in der Gesellschaft mit ihren ganz eigenen Gesetzen des Zusammenlebens. Peter Rauch konnte mit seiner brillanten Schauspielkunst das hartherzige Familienoberhaupt Fjodor Karamasow in all seiner Verdorbenheit und Geldsucht bestens darstellen. Die Gerichtsverhandlung mit ihrem juristischen Fehlurteil wurde zur grandiosen Abrechnung mit einer Gesellschaft, die ihre Werte längst über Bord geworfen hat. Die drei Prinzipien Denken, Leidenschaft und schöpferischer Wille, den die drei Bürder Karamasow am Anfang verkörperten, hatte da keine Überlebenschance. So ein in die Tiefe gehendes Schauspiel erlebt man eben nicht alle Tage.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2871367?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F35766%2F2592865%2F4852655%2F
Nachrichten-Ticker