Rosenmontag in Milte
Nicht auf den Mund gefallen

Milte -

Er gehört zum Milter Rosenmontagszug wie der Polizeiwagen an der Spitze, die Milter Mäuschen oder der Prinzenwagen mit der Pappnasen-Tollität: Zug-Kommentator Volker Wiemann. Der gelernte Bäcker, der als Obst- und Gemüsehändler seine Brötchen verdient, ist wahrlich nicht auf den Mund gefallen, hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Hemmungen? Kennt er nicht: „Ich war jahrelang DJ, da ist man es gewohnt, Leute zum Tanzen auf die Tanzfläche zu locken.“ Moderationstraining? Nee, das hat der 41-Jährige nie gehabt Aber: „Das wäre mal eine Idee.“

Montag, 16.02.2015, 18:02 Uhr

 
  Foto: Brocker

Bislang ist Wiemann , der schon vom Hubsteiger, aus den Sitzen von Aufsitzmähern oder auf Inlinern den Zug kommentiert hat, immer spontan auf die Zaungäste zugegangen. Auch gestern, diesmal auf dem Fahrrad unterwegs, smalltalkte er mit den kleinen und großen Besuchern aus Sassenberg, Beelen, Ostbevern, Telgte, Bad Salzuflen und der Eifel über Kostüme, närrische Gefährte, das Bonbon-Sammeln oder die Stimmung. Genau so spontan wie damals, als er den Milter Pappnasen vorschlug, den Zug zu kommentieren. 1996 machte er diesen Job zum ersten Mal. Seitdem drehen die Besatzungen der Karnevalswagen sogar die Musik leiser, wenn der Gasthof in Sichtweite ist. Wiemann: „Damit die Leute auch verstehen, was ich ihnen dort über Wagen und Fußgruppen erzähle.“ Und das geschieht zumeist aus dem Stegreif. Denn was die heimischen Fußgruppen und Wagenbauer ersonnen haben, erfährt Wiemann frühestens am Sonntag, meist aber erst am Morgen des Rosenmontag . Zugleiterin Nicole Wolff-Knorr hatte eine Woche vor dem Rosenmontag lediglich verraten, dass es, wie im Vorjahr 18 Zugnummern sein würden. Die übrigen Karnevalisten hatten gar nichts verlauten lassen. Wiemann: „Die halten bis zum Schluss absolut dicht.“ Nicht einmal seine Frau Elke, aktiv bei den „Kugelhexen“, hatte sich diesmal in die Karten schauen lassen. Die „Milter Auslese“ – grüne und rote (Luftballon-)Trauben – nahm ein lokales Thema auf und reimte: „Die Linden waren nicht mehr fein, deswegen schwenken wir um auf Milter Wein.“ Auch die Milter Mäuschen, heuer als Fische unterwegs, nahmen mit dem „Hesselstrand“ ein aktuelles Milter Thema auf und freuten sich: „Seit die Renaturierung war, sind Miltes Fische wieder da.“

Eine echte Herausforderung für jeden Kommentator dagegen die Wagen der Landjugendlichen aus Velsen-Gröblingen, Milte, Westbevern und Ostbevern sowie der des Schützenvereins Vohren mit ihren eher beliebigen Motti. „Superhelden und Schurken“, „Wilder Westen“, „Weihnachtsmann & Co. KG“, „Wir sind Landwirtschaft – Landwirtschaft ist geil“, „Rock‘n Roll das ist der Hit, da tanzt auch jeder Hippie mit“. Was soll man dazu sagen? Genau diese Frage hatte sich Wiemann schon am Tulpensonntag beim Zug in Everswinkel gestellt; und erfreut registriert, dass zumindest die Neuwarendorfer Landjugendlichen einen Wagen mit Aussage zu bieten hatten. Sie thematisierten Marktplatzdiskussion und Stadtstraße Nord und boten Bürgermeister Jochen Walter ihre tatkräftige Unterstützung an: „Weiß der Jochen nicht mehr weiter, kommen wir und helfen weiter . . . Hat der Marktplatz auch schwierige Schichten, die KLB wird‘s schon richten . . . Marktplatz hin oder her, die Stadtstraße-Nord, die muss her.“ Rund eine Stunde, bevor sich der närrische Lindwurm unter dem Motto „Den Narren geht es heute gut, die Milter haben Musik im Blut“ in Bewegung setzte, begann für Volker Wiemann der Job. Kaum hatte Bernd Burbank die Anlage – diesmal mit vier Verstärker-Boxen installiert – checkte der Mann, der zum Anzug Kappe und rote Pappnase trug, das Headset, das die kfd-Theaterfrauen ihm zur Verfügung gestellt hatten. Von dort eilte Wiemann zum Wulfsknapp, wo der Zug bereits Aufstellung genommen hatte, inspizierte kurz Wagen, Kostüme, Motti. Den Rückweg vom Wulfsknapp zur Dorfstraße nutzte er, um sich „zwei Minuten zu sammeln“: „Da gehe ich in mich und bereite mich vor.“ Angst, dass ihm einmal die Worte fehlen könnten, hat Wiemann nicht: Weil er ja eigentlich jeden im Dorf kennt. Die Spielmannszüge quasi in- und auswendig. Die meisten Fußgruppen, weil sie schon seit Jahren dabei sind. „Da gibt es immer was zu sagen.“ Noch ehe der Zug die Dorfstraße erreichte, hatte Wiemann auch diesmal eine Jury benannt, die die Kostüme der Fußgruppen bewerten sollte. Zum ersten Mal wurden die drei am schönsten ausstaffierten Gruppen prämiert: Die Pappnasen wollen damit das große Engagement der aktiven Jecken fördern. Über 100 Euro durfte sich „Eine starke Truppe“ freuen. Dahinter verbergen sich die jungen Pappnasen. 50 Euro gab es für die BHD-Fußgruppe in ihren farbenfrohen Kostümen. Und die Fußgruppe „Mijunka“ landete mit „Bauer sucht Frau“ auf Platz drei (30 Euro).

Man merkte es Volker Wiemann zwar nicht an, doch auch er leidet unter Lampenfieber: „Jedes Mal bin ich nervös, aber wenn das erste Wort gesprochen ist, ist das Lampenfieber weg.“ Nach dem Zug gönnt er sich jedes Jahr ein Bier mit Bernd Burbank, um gleich darauf im Fanfarenzug mit zu musizieren. Danach geht es zum Kaffeetrinken zur Schwiegermutter. Auch das hat Tradition.

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