30. Jahrestag der Katastrophe
Gelebte Völkerfreundschaft

Milte -

Am 26. April 1986 flog der Reaktor in Tschernobyl in die Luft. Auslöser für eine Hilfsaktion, die bis heute von Claire Mesch aus Milte koordiniert wird.

Montag, 25.04.2016, 16:04 Uhr

Claire Mesch bereitet eine Ausstellung zum 30. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe über die Hilfsaktionen für Kinder aus der strahlenbelasteten Region vor.
Claire Mesch bereitet eine Ausstellung zum 30. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe über die Hilfsaktionen für Kinder aus der strahlenbelasteten Region vor. Foto: Joke Brocker

Den Frühling, in dem die sattgrünen Wiesen leer und die Kühe in den Ställen blieben, die Kinder nicht mehr draußen spielen durften, der Lebensmittelhändler keine Milchprodukte mehr verkaufte, ihre Eltern Blattspinat gleich nach der Ernte in die Mülltonne warfen, diesen Frühling wird Claire Mesch nie vergessen.

Am 26. April 1986 war es im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine zu einem schweren Reaktorunfall gekommen, der bis heute schwersten Katastrophe in der Weltgeschichte der Kernenergienutzung, von der die deutsche Öffentlichkeit erst zwei Tage später erfuhr, die weißrussische und ukrainische Bevölkerung sogar erst nach den Feierlichkeiten zum 1. Mai.

Die Atomreaktor-Katastrophe in Tschernobyl

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  • Von einem Hubschrauber aus wurde im Januar 1991 diese Übersicht des Atomkraftwerks Tschernobyl aufgenommen. Eine schwere Explosion zerstörte am 26. April 1986 den Reaktorblock II des Kernkraftwerks. 

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  • Hinterbliebene der Opfer auf einem Friedhof am 15. Jahrestag der Katastrophe.

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  • Der Atomreaktor Tschernobyl in der Ukraine am 15. April 2006. 

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  •  Eine Brigade Metro-Bauer aus Moskau und eine Brigade Bergleute aus Tula treiben im Mai 1986 einen Tunnel unter den am 26. April 1986 explodierten Reaktorblock Nr. 4 des Atomkraftwerkes Tschernobyl. Durch den Tunnel werden Rohre verlegt, um von unten flüssigen Stickstoff zur Kühlung an den Reaktor heranzuführen. Auf dieses Weise sollte verhindert werden, daß der Kern des durchgegangenen Reaktors schmilzt und im Erdreich versinkt. Am Tunneleingang, wo Freiwillige Betonsegmente zur Tunnelauskleidung auf Loren verladen, betrug die empfangene Strahlendosis pro Stunde 12 bis 15 Röntgen.

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  • Fahnen mit dem Anti-Atomkraft-Logo wehen am 24. April 2016 in Brokdorf (Schleswig-Holstein) vor dem Kernkraftwerk. Zum 30. Jahrestag von Tschernobyl machen Kernkraftgegner mit einer Protest- und Kulturmeile auf die Gefahren von Atomenergie aufmerksam. 

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  • Kinder aus der besonders betroffenen Region Gomel bei Tschernobyl (Weißrussland) suchen am Dienstag (22.05.2001) auf dem Rollfeld des Flughafens Hannover ihre Gepäckstücke. Sie gehören zu den ersten 145 Kindern und Jugendlichen, die in Begleitung von 12 Müttern sowie sieben Dolmetschern einen vierwöchigen Ferienaufenthalt in Niedersachsen verbringen.

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  • Fahnen mit dem Anti-Atomkraft-Logo werden am 24. April 2016 in Brokdorf (Schleswig-Holstein) von Aktivisten auf dem Deich in die Höhe gehalten Zum 30. Jahrestag von Tschernobyl machen Kernkraftgegner mit einer Protest- und Kulturmeile auf die Gefahren von Atomenergie aufmerksam.

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  • Denkmal für die 30 bei der Explosion des Reaktors im Kernkraftwerk Tschernobyl und der nachfolgenden Strahlung umgekommenen 30 Feuerwehrleute und Kraftwerksmitarbeiter, aufgenommen am 22. April 2016 in Tschernobyl.

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  • Vom Dach eines Hochhauses in der verlassenen 1970 gegründeten Kleinstadt Prypjat, aufgenommen am 22.04.2016,  grüßen noch Hammer und Sichel der Sowjetunion. Die knapp 50 000 Einwohner mussten nach der Explosion des Reaktors im nahen Atomkraftwerk Tschernobyl in aller Eile umgesiedelt werden. 

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  • In der Anti-Atomkraft-Debatte auf der Bundesversammlung der Grünen in Hannover am 19. Mai 1986 erklärte der damalige hessische Umweltminister Joschka Fischer, dass eine Stilllegung der Atomanlagen in Hessen noch in diesem Jahr nicht möglich sei. "Selbst ein grüner Ministerpräsident könnte dieses Vorgehen nicht garantieren" so Fischer in seiner Rede vor den fast 900 Delegierten. Wenige Wochen zuvor im April 1986 hatte sich in Tschernobyl in der Ukraine die bislang weltweit schwerste Reaktorkatastrophe ereignet. 

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  • Verstümmelte Fehlgeburt eines Hundewelpens aus der Todeszone von Tschernobyl im Tschernobyl-Museum in Kiew, aufgenommen am 9. April 2011. Am 26. April 1986 kam es im Kernkraftwerk Tschernobyl zum Super-GAU. 

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  • Arbeiter stehen am 22. April 2016 unter dem 100 Meter hohen Stahlbogen, der ab 2017 für 100 Jahre über dem im Hintergrund zu sehenden explodierten Reaktor 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl stehen soll. 

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  • Delegierte einer internationalen Konferenz "15 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl. Erfahrung der Bewältigung" messen am Samstag (21. April 2001) die Radioaktivität vor der Kulisse des "Sarkophags", in dem vor 15 Jahren, am 26. April 1986, die Reaktorexplosion von Tschernobyl als Super-GAU in die Geschichte eingegangen ist.

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  • Noch 2005 werden Hilfsgüter verteilt - wie hier in der Stadt Ilintsky nahe Tschernobyl.

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  • Bergungsmannschaften sind nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mit Aufräumarbeiten beschäftigt, Aufnahme von 1986.

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  • Fahnen mit dem Anti-Atomkraft-Logo werden am 24.04.2016 in Brokdorf (Schleswig-Holstein) von Aktivisten auf dem Deich neben einem Schriftzug aus Holz der das Abschalten des Kernkraftwerks Brokdorf fordert in die Höhe gehalten. Zum 30. Jahrestag von Tschernobyl machen Kernkraftgegner mit einer Protest- und Kulturmeile auf die Gefahren von Atomenergie aufmerksam.

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  • Reparaturarbeiten am explodierten ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl (Aufnahme vom 1. Oktober 1986).

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  • Ein Arbeiter misst Radioaktivität, während der Reaktorblock vier in Tschernobyl mit Spundwänden eingeschalt und einbetoniert wird (Archivbild vom Oktober 1986). 

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  • So sieht der Schutz über der Reaktorruine 2014 aus. 

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  • Arbeiter gehen am 22. April 2016 auf der Baustelle für das Zwischenlager der Brennelemente aus dem ehemaligen Atomkraftwerk Tschernobyl, begleitet von Straßenhunden, zur Schicht. 

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  • Das neue Stahldach für den havarierten Reaktor 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl glänzt am 22. April 2016 in der Sonne. Im Vordergrund ein Denkmal für die bei der Explosion und den Aufräumarbeiten umgekommenen Menschen.

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  • Ein Gedenkstein mit der Inschrift "Den Toten, Kranken und Vertriebenen von Tschernobyl" steht am 24. April 2016 in Brokdorf (Schleswig-Holstein) vor dem Kernkraftwerk. Zum 30. Jahrestag von Tschernobyl machen Kernkraftgegner mit einer Protest- und Kulturmeile auf die Gefahren von Atomenergie aufmerksam. 

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  • Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD, r) und Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Bündnis 90/Grüne, l) sitzen bei der Plenartagung der deutsch-ukrainischen Konsultationen am Mittwoch (12. Juli 2000) im Festsaal des Alten Rathauses in Leipzig. Gegenüber am Tisch hat die ukrainische Delegation mit Staatspräsident Leonid Kutschma (3.v.r.) Platz genommen. Eines der wichtigsten Beratungsthemen sind neue Energiekapazitäten in der Ukraine nach der geplanten Abschaltung des letzten Atomreaktorblocks von Tschernobyl. 

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  • Ein leeres Verwaltungsgebäude in der nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl aufgegebenen Kleinstadt Prypjat, aufgenommen am 22. April 2016. Katastrophen-Touristen hinterließen Sprühereien an den Wänden.

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  • Zwei Männer messen am 9. Mai 1986, zwei Wochen nach dem sowjetischen Atomunfall, auf einem Gemüsefeld bei Allensbach am Bodensee die Radioaktivitätswerte von Kohlrabis. 

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  • Die Gedenkstätte für die Opfer der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist am 21. April 2013 in Sichtweite des Kernkraftwerkes in Brokdorf zu sehen.

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  • Kraftwerksingenieur Alexej Breus steht 20 Jahre nach der Katastrophe am 9. November 2006 an seinem ehemaligen Arbeitsplatz im Leitstand des Unglücksreaktors 4 im Atomkraftwerk Tschernobyl.

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  • Der dritte (rechts) und vierte Reaktorblock 1999.

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  • Ein Modell des explodierten vierten Blocks des ehemaligen Kernkraftwerkes Tschernobyl, aufgenommen am 22. April 2015 in einem Vorführraum für Besucher an der Baustelle der neuen Schutzhülle am ehemaligen Kernkraftwerk Tschernobyl in Prypjat, Ukraine. 

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  • Rollatoren mit der Aufschrift "Atom Rolling Home" stehen am 24. April 2016 in Brokdorf (Schleswig-Holstein) bei einer Kundgebung von Atomkraftgegnern. Zum 30. Jahrestag von Tschernobyl machen Kernkraftgegner mit einer Protest- und Kulturmeile auf die Gefahren von Atomenergie aufmerksam. 

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  • Der über 100 Meter hohe und 30 000 Tonnen schwere Bogen aus rostfreiem Stahl, der ab 2017 für 100 Jahre über dem explodierten Reaktor 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl stehen soll, ist am 22. April 2016 in Tschernobyl zu sehen. 

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  • Blick auf den zerstörten Unglücksreaktor Vier des Kernkraftwerkes Tschernobyl am 7. April 2011. 

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  • Zwei Männer messen am 9. Mai 1986, zwei Wochen nach dem sowjetischen Atomunfall, auf einem Gemüsefeld bei Allensbach am Bodensee die Radioaktivitätswerte von Kohlrabis. 

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  • Witwen von Tschernobyl-Opfern trauern am 14. Dezember 2000 in der ukrainischen Hauptstadt Kiew neben einem Gedenkstein um ihre Angehörigen.

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„Über gesunde Ernährung hatte ich mir bis dahin nie Gedanken gemacht“, blickt Claire Mesch zurück. Doch nun sah sie sich gezwungen, den Speiseplan ihres damals zwei Jahre alten Sohnes, der zum Nachtisch am liebsten Joghurt, Quark oder Pudding aß, umzustellen. Milchprodukte waren bei Familie Mesch ab sofort tabu. Auch Blattgemüse und Pilze kamen nicht mehr auf den Tisch. „Keiner wusste, in welche Richtung die radioaktive Wolke ziehen würde.“ Eine zweite Katastrophe sei die Informationspolitik gewesen: „Was für einen Quatsch der damalige Innenminister Zimmermann erzählt hat.“ Tatsächlich hatte Friedrich Zimmermann erklärt, dass eine Gefährdung der deutschen Bevölkerung durch die Katastrophe „absolut auszuschließen“ sei.

Das ganze Ausmaß des Supergaus, dessen Folgen noch heute vor allem in Süddeutschland spürbar sind, wo Pilze, Waldbeeren und Wildtiere noch immer kontaminiert sind, wurde auch Claire Mesch erst später klar.

Zwei Jahre später stolperte Mesch bei der morgendlichen Zeitungslektüre über eine kleine Meldung, mit der eine Telgter Initiative Gastfamilien für Kinder aus der Region um Tschernobyl suchte.

Gemeinsam mit zwei Familien aus dem Dorf und der örtlichen Kolpingsfamilie im Rücken gründete die mittlerweile vierfache Mutter die Tschernobyl-Initiative Milte , die seit 1994, allen Widrigkeiten – wie schwierigen Präsidenten oder deutscher und europäischer Bürokratie – trotzend, jährlich bis zu 16 Kindern aus Swensk, das etwa 200 Kilometer vom Reaktor entfernt liegt, drei bis vier unbeschwerte Sommerwochen in einer gesunden Umwelt ermöglicht. Die Kinder – inzwischen handelt es sich dabei vielfach um die Sprösslinge jener Kinder, die Mitte der 90er-Jahre zur Erholung nach Milte kamen – werden auch in diesem Juli in Familien untergebracht, die mit ihnen allerlei unternehmen. Den Erholungsaufenthalt betrachtet sie auch als einen nachhaltigen Beitrag zur Völkerverständigung in Europa zwischen zwei Ländern, die im Zweiten Weltkrieg erbitterte Feinde waren. Dass die weißrussischen Familien, bei denen es anfänglich Ressentiments gegeben habe, ihre Kinder nun nach Deutschland zur Erholung schickten, sei vor diesem Hintergrund ein echter Vertrauensbeweis.

Als sich 2007 Pfarrer Werner Lindemann, der die Erholungsreisen ins Leben gerufen hatte, als Vorsitzender der Informationsstelle Tschernobyl e.V. Münster zurückzog, übernahm die heute 58-jährige Claire Mesch den Vorsitz, zusammen mit ihren Stellvertretern Hannelore Schulz aus Coesfeld und Reinhard Jansing aus Ibbenbüren.

„Wir sind ein tolles Team“, findet Mesch, die mit ihren Mitstreitern jedes Jahr Kindererholungen für 17 Initiativen im Ems- und Münsterland koordiniert und organisiert. Zweimal war sie selbst in Swensk; und zeigt sich überwältigt von der Gastfreundschaft der Familien, die bis heute mit der Strahlenbelastung leben müssen.

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