Hebamme wider Willen
Baby kommt in Fiat zur Welt

Milte -

Von dieser Autofahrt wird Hannelore Geng noch ihren Enkeln erzählen können. Von der Fahrt und jenem denkwürdigen Montagmorgen vor einer Woche, als auf der Rückbank ihres schwarzen Fiat Punto ein kleines Mädchen geboren wurde.

Mittwoch, 11.05.2016, 19:05 Uhr

Ihren ersten Fototermin hat die kleine Norschin verschlafen. Ihre Eltern Jamal und Safia sowie Hannelore und Ludwig Geng (v. l.) erzählten, wie rasant die junge Dame das Licht der Welt erblickt hat.
Ihren ersten Fototermin hat die kleine Norschin verschlafen. Ihre Eltern Jamal und Safia sowie Hannelore und Ludwig Geng (v. l.) erzählten, wie rasant die junge Dame das Licht der Welt erblickt hat. Foto: Brocker

Und das kam so: Gemeinsam mit zahlreichen anderen Miltern betreut Hannelore Geng seit Mitte Januar drei jesidische Flüchtlingsfamilien aus dem Irak. Wie selbstverständlich begleitete sie, selbst fünffache Mutter, die 25-jährige Safia, die im Mai ihr viertes Kind erwartete, bei Arzt- und Hebammenbesuchen.

Lange vor dem errechneten Geburtstermin – das wäre der 13. Mai, ein Freitag, gewesen – besichtigte die Milterin, gemeinsam mit Safia und deren Mann Jamal (30) das Geburtshaus von Hebamme Raphaela Heuer in Raestrup. Ihre Töchter Norjan (7), Norhat (6) und ihren Sohn Nihad (dreieinhalb) hatte Safia, die kaum Deutsch spricht, zu Hause geboren. Der Anonymität eines Krankenhauses wollte Hannelore Geng die junge Mutter ganz bewusst nicht aussetzen. „Das Geburtshaus“, sagt sie, „wäre heimelig gewesen.“ Wäre . . .

Zwei Wochen früher

Doch als sich am 2. Mai morgens um sechs Uhr vereinbarungsgemäß Jamal telefonisch bei Familie Geng meldete, kam alles ganz anders. Hals über Kopf verließ Hannelore Geng ihr Haus in Hörste, fuhr ins Dorf, ließ Safia auf der Rückbank ihres Autos Platz nehmen und fuhr Richtung Raestrup. „Ich bin gefahren wie verrückt“, erzählt sie und ärgert sich im Nachhinein, so „dumm“ gewesen zu sein, nicht die Abstände zwischen den einzelnen Wehen gezählt zu haben: „Dann hätte ich gewusst, dass es knapp werden könnte.“

Wild hupend vor dem Geburtshaus

Und tatsächlich: „In Müssingen rief Safia ,Hannelore, das Baby kommt`“, erinnert sich Hannelore Geng an eine nervenaufreibende halbe Stunde. Als sie um 6.30 Uhr wild hupend vor dem Geburtshaus stand, war das Köpfchen von Norschin schon zu sehen. Hannelore Geng handelte instinktiv, half dem kleinen Wesen auf die Welt, legte es der Mutter auf den Bauch und machte sich dann auf die Suche nach der Hebamme, die das 3300 Gramm schwere und kerngesunde Baby schließlich abnabelte.

Fünf Stunden später waren Mutter und Tochter und die Hebamme wider Willen wieder in Milte, wo diese ganz und gar nicht alltägliche Geschichte, die der patenten Geburtshelferin im Nachhinein noch einige schlaflose Nächte beschert hat, natürlich bald die Runde machte und auch beim Schützenfestauftakt am darauffolgenden Samstag für Gesprächsstoff sorgte. „Ich bin froh, dass ich nichts falsch gemacht habe“, blickt Hannelore Geng zurück und lobt Safia: „Das ist eine ganz Tapfere.“

Mutter und Tochter wohlauf

Mutter und Tochter sind wohlauf, und Norschin, die ihren ersten Fototermin gestern glatt verschlief, ist ein echter Sonnenschein, der die Sonne in Form der Silbe „Nor“ sogar im Namen trägt. „Sonnenkinder“ seien alle vier Kinder der Familie, findet Ludwig Geng, der für Jamal „ein zweiter Vater“ ist. Dass er nun auch Eltern in Deutschland habe, das hat der Familienvater übrigens auch seiner erstaunten Mutter mitgeteilt, als er ihr am Telefon vom vierten Enkelkind berichtete.

Hannelore Geng kümmert sich, gemeinsam mit Hebamme Claudia Becker, um die weitere Betreuung von Mutter und Kind: „Wir waren schon beim Kinderarzt.“ Auch Safias Schwester Haiffa wird sie in den nächsten Monaten intensiv begleiten. Die zweifache Mutter erwartet ihr drittes Kind.

Eines allerdings hat Hannelore Geng schon einmal klar gestellt: „Ich habe Haiffa gesagt, dass ihr Kind kein Auto-Baby wird!“

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