Konzert des Westfälischen Kammerchores Warendorf
Die „dunkle“ Seite des lieben Gottes

Warendorf -

Im Mittelpunkt des Konzerts stand die deutsche Erstaufführung von „Antiphone“, einem höchst anspruchsvollen, groß angelegten Chorwerk des belgischen Komponisten Kurt Bikkembergs auf Texte des seinerzeit sehr umstrittenen und skandalumwitterten englischen Poeten Algernon Charles Swinburne aus viktorianischer Zeit. Darin begegnet uns die „dunkle“ Seite Gottes, seine „Nachtseite“ gewissermaßen, sehr hart und nur schwer zu ertragen. Zum ersten Mal trat der Kammerchor Warendorf unter seinem neuen Namen „Westfälischer Kammerchor Warendorf“ in der Laurentiuskirche öffentlich auf.

Dienstag, 28.06.2016, 16:06 Uhr

Der Westfälische Kammerchor mit Leiter Ansgar Kreutz und Solistin Ricarda Kreutz.
Der Westfälische Kammerchor mit Leiter Ansgar Kreutz und Solistin Ricarda Kreutz. Foto: Schlosser

Zum ersten Mal trat der Kammerchor Warendorf unter seinem neuen Namen „Westfälischer Kammerchor Warendorf“ in der Laurentiuskirche öffentlich auf. Die Mitglieder dieses Chors kommen nicht nur aus Warendorf, sondern auch aus Münster und Telgte, Ahlen und Oelde, Billerbeck, Havixbeck, Herten, Osnabrück und Recklinghausen, so dass sich die Umbenennung anbot.

Seit seiner Gründung im Jahr 2002 wird der Chor von Ansgar Kreutz geleitet und hat sich inzwischen als einer der leistungsfähigsten und herausragenden A-cappella-Chöre der Region einen Namen gemacht.

Neben Werken des Renaissancemeisters Claudio Monteverdi („Cantate Domino“) und des Barockkomponisten Georg Philipp Telemann (doppelchörige Motette „Halte was du hast“) standen Chorwerke von Felix Mendelssohn-Bartholdy (seine Vertonung des 100. Psalms aus den „3 Motetten“ op. 69, sowie „Richte mich, Gott“ op. 78 Nr. 2) auf dem Programm.

Aber auch zeitgenössische Komponisten wie Tilo Medek (1940-2006) („Und sei nicht hart“ sowie „Sacerdos et pontifex“ mit einem großartigen „Alleluja“) waren vertreten, sowie auch der Chorleiter selbst,

Ansgar Kreutz, der mit der Uraufführung seiner ansprechenden Vertonung eines Textes des mittelalterlichen Mystikers Nikolaus von Flüe „Mein Herr und mein Gott“ einen persönlichen Beitrag leistete.

Mit seinem „Morgengesang“ am Anfang bis zum „Nachtlied“ (aus den „Geistlichen Gesängen“ op. 138) am Ende wurde des 100. Todesjahres von Max Reger (1916) gedacht. Dem Kammerchor gelang eine klanglich ausgewogene und dynamisch fein differenzierte Interpretation – auch bei der Telemann-Motette, wo der Chor besonders durch Transparenz und hervorragende Textverständlichkeit bestach.

Im Mittelpunkt des Konzerts stand die deutsche Erstaufführung von „Antiphone“, einem höchst anspruchsvollen, groß angelegten Chorwerk des belgischen Komponisten Kurt Bikkembergs (*1963) auf Texte des seinerzeit sehr umstrittenen und skandalumwitterten englischen Poeten Algernon Charles Swinburne aus viktorianischer Zeit. Darin begegnet uns die „dunkle“ Seite Gottes, seine „Nachtseite“ gewissermaßen, sehr hart und nur schwer zu ertragen. Dabei entsprechen die dichterischen Aussagen durchaus Erfahrungen von Menschen, die sich auch in der Bibel entsprechend artikuliert haben und die gängige und manchmal allzu wohlfeile Rede vom „lieben Gott“ infrage stellen.

Da wird Gott beschrieben als der, der sein Schwert sendet, zerbricht, zerstreut und entzweit und allenthalben Dunkelheit verbreitet. Der Menschen die Erfahrung machen lässt, dass sie Gott suchen und doch nicht erreichen.

Man denkt dabei an den Nachkriegsdichter Wolfgang Borchert („Draußen vor der Tür“) und seinen verzweifelten Schrei angesichts des Grauens des Krieges: „Wo warst du da, lieber Gott?!“ Kindliches Vertrauen in den „lieben Gott“ war weithin zerbrochen.

Es gibt ja gewiss auch beglückende Erfahrungen wie die des Psalms „Zu dir schrien sie – und wurden errettet.“ Aber eben auch solche, die den Beter sprechen lassen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Antwort.“ Worte des 22. Psalms, die dann der gekreuzigte Jesus in seiner Verzweiflung aufnimmt und nachspricht.

Martin Luther hat in dem Zusammenhang von Gott als dem „Deus absconditus“ gesprochen, der sich verbirgt und so fremd erscheint, als ob er sich geradezu hinter der Maske des Teufels versteckt – aber als solcher ausgehalten werden muss, so schmerzlich das auch ist. Gottes „Nachtseite“, die in Bikkembergs „Antiphone“ nur aufgehellt wird durch die immer wieder eingeschobenen gregorianischen Antiphonen mit ihrem ruhigen, tröstlichen Klang.

Einen besonderen Glanzpunkt setzte Ricarda Kreutz, Tochter des Chorleiters und Schülerin der bekannten Harfenistin Brigitte Langnickel-Köhler, mit ihrer sensiblen Interpretation von Michail Glinkas „Nocturne für Harfe solo“ – Stimmungsbild einer milden Nacht.

Die junge Harfenistin bezauberte durch ihr souveränes, aber unaufdringliches Spiel. Auch mit einer Étude für Harfe nach Johann Sebastian Bach konnte sie ihre Kunst unter Beweis stellen.

Das Publikum dankte den Mitwirkenden mit herzlichem Applaus.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4117987?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F35766%2F4852628%2F4852635%2F
RIN als Peter Pan in der Halle Münsterland
„Nimmerland“-Tour: RIN als Peter Pan in der Halle Münsterland
Nachrichten-Ticker