Warendorfer Erinnerungsorte: die Gedenkstele auf der Freckenhorster Straße
Das Gedenken in die Stadt tragen

Warendorf -

Das Gedenken an das Schicksal der Warendorfer Juden ist ein gutes Beispiel für das Wechselspiel zwischen Erinnern und Vergessen. So wurde am 12. August 1990 eine Gedenkstele auf der Freckenhorster Straße eingeweiht, die an die Deportation und die Ermordung der Warendorfer Juden erinnert. Bis dahin gab es im öffentlichen Stadtraum schlicht keinen Erinnerungsort, der auf das Schicksal der Juden in Warendorf hinwies.

Dienstag, 30.08.2016, 12:08 Uhr

Erinnerungsorte: Die Gedenk-Stele auf der Freckenhorster Straße wurde am 12. August 1990 eingeweiht. Der Künstler Gunter Demnig verlegt Stolpersteine in Warendorf (Foto unten, hier mit Matthias M. Ester).
Erinnerungsorte: Die Gedenk-Stele auf der Freckenhorster Straße wurde am 12. August 1990 eingeweiht. Der Künstler Gunter Demnig verlegt Stolpersteine in Warendorf (Foto unten, hier mit Matthias M. Ester). Foto: Wemhoff, Waßmann

Mit der Erinnerung ist es manchmal so eine Sache. An manche Dinge können oder wollen wir uns nicht erinnern, andere können wir nicht vergessen. Beides, das Erinnern und das Vergessen, ist eng miteinander verknüpft.

Das Gedenken blieb zunächst ein Anliegen der Überlebenden: Schon 1945 begannen jüdische Bürger und Soldaten, einen Betraum in der ehemaligen Synagoge in der Freckenhorster Straße 7 einzurichten. Sie waren es auch, die in dem Gebäude eine erste Gedenktafel anbrachten, die heute im Rathaus untergebracht ist.

Einen ersten „Wendepunkt“ im öffentlichen Gedenken an den Holocaust markiert die Errichtung eines Gedenksteins auf dem jüdischen Friedhof durch die Stadt im Jahr 1970, 25 Jahre nach Kriegsende. Die Art und Weise, wie dort den Juden gedacht wurde, muss jedoch als zwiespältig bezeichnet werden. In der Inschrift war lediglich davon die Rede, dass die Juden „umgekommen“ seien – die Umstände des Todes und die Täter bleiben im Dunkeln.

Matthias M. Ester , Vorsitzender des Arbeitskreises Jüdisches Leben in Warendorf , spricht deshalb in diesem Fall von einem „verschleiernden Totengedächtnis“. Der Warendorfer Paul Spiegel wollte die Stele sogar abreißen, weil er sich an der Inschrift stieß. Und das, obwohl sein Vater Hugo Spiegel das Projekt unterstützt hatte. „Paul Spiegel wollte die Stele durch ein neues Denkmal ersetzen“, erinnert sich Ester. Um ihn von diesem Vorhaben abzubringen, war viel Überzeugungsarbeit vonseiten des Arbeitskreises und der Altstadtfreunde nötig. Sie wollten die Stele ganz bewusst als Erinnerungsort erhalten, denn: „Diese Stele ist das einzig sichtbare Dokument an eine frühe Form des Gedenkens“, sagt Ester.

Dass die Erinnerung an die Deportation und Ermordung der jüdischen Bevölkerung als Prozess zu sehen ist, verdeutlicht die Errichtung der schon erwähnten zweiten Stele an der Freckenhorster Straße 7 im Jahre 1990. An diesem Ort hatte sich im Vordergebäude die jüdische Schule und im Hinterhaus die Synagoge befunden.

Diese Gedenkinitiative ging auf das private Engagement von Warendorfer Bürgern zurück. Der konkrete Vorschlag für die Stele kam im Frühjahr 1989 vom Heimatverein, und eine achte Klasse der Hauptschule Hinter den Drei Brücken hatte etwa zeitgleich die Idee, an der ehemaligen Synagoge eine Gedenktafel anzubringen.

An der Übergabe der Stele im August 1990 nahmen unter anderem der damalige Bürgermeister Dr. Günther Drescher und Landrat Josef Predeick teil. Aber auch Paul Spiegel und Heinz Jaeckel, der Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde in Münster, waren vor Ort. Die Einweihung markiert einen erneuten Wandel in der Warendorfer Gedenkkultur, denn mit diesem Akt wurde ein „zentraler Ort der Lokalgeschichte in das Gedächtnis der Warendorfer Öffentlichkeit zurückgeholt“, erläutert Ester.

Den Entwurf für das Denkmal lieferte der Warendorfer Klaus Ring. Es hat die Form eines Obelisken – eines klassischen Symbols für das Totengedenken. Auf seiner Nordseite trägt es die Inschrift: „Zur Erinnerung an die jüdische Gemeinde in Warendorf, deren Synagoge an der Freckenhorster Str. 7 am 9. November 1938 verwüstet wurde.“ Auf der Südseite ist zu lesen: „Die jüdischen Bürger von Warendorf wurden zwischen 1933 und 1941 vertrieben, verschleppt und ermordet.“ Diese Inschrift war deutlicher als die auf der Friedhofs-Stele, auch wenn hier ebenso der Hinweis auf die Täter fehlt. Dennoch sei die Abfolge der Gedenk-Stelen „symptomatisch“ für die einzelnen Phasen des Gedenkens, sagt Ester.

Die bislang letzte Phase kam mit den Stolpersteinen des Künstlers Gunter Demnig, die seit 2013 auch in Warendorf dort verlegt wurden, wo jüdische Bürger vor ihrer Deportation gewohnt hatten. „Die Stolpersteine waren nochmal ein wichtiger Schritt“, meint Ester.

Die quadratischen Messingtafeln verweisen nicht nur auf die Einzelschicksale der damals vor Ort lebenden Menschen, sondern wirken auch in die Lebenswelt der heutigen Anwohner hinein. Dazu passt, dass sich im Stolperstein-Projekt sowohl Einzelpersonen als auch Nachbarn oder die evangelische Kirchengemeinde engagiert haben.

„Es handelt sich hier um eine individuelle Form des Erinnerns, die noch nicht im Ritual erstarrt ist“, so Ester. Das Konzept eigne sich sehr gut, um „das Gedenken in die Stadt zu tragen“. Das Ergebnis sind viele kleine Erinnerungsorte, die nicht nur an das Schicksal der Warendorfer Juden erinnern, sondern auch ihre früheren Wohnorte sichtbar machen – und damit dem Vergessen entgegen wirken.

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