Integration mit Kreissäge und Topfuntersetzer
Junge Flüchtlinge nutzen den Werkraum der Franziskusschule für sinnvolle Freizeitgestaltung

Warendorf -

Seit Monaten ist sie in aller Munde: Die so genannte „Flüchtlingswelle“, die durch militärische und soziale Krisen in Afrika und speziell in Syrien zu einem ganz lokalen Thema in Deutschland – und natürlich auch in Warendorf – geworden ist. Doch was bedeutet das im ganz normalen Alltag unserer Stadt? Josef Strunz, Lehrer an der Franziskus-Schule, hat aufgeschrieben, wie er und seine Kollegin Eva-Maria Berg-Franke die Integration einer Gruppe von Neu-Warendorfer begleitet haben.

Dienstag, 25.10.2016, 06:10 Uhr

Fertig: Der kleine Billard-Tisch ist schon bespielbar.
Fertig: Der kleine Billard-Tisch ist schon bespielbar. Foto: Strunz

Hier ist sein Bericht:

„Jetzt habe ich sie persönlich erlebt, die Flüchtlingswelle – zumindest einen kleinen Teil davon und sie traf mich nicht unvorbereitet. Da ging es mir besser als Deutschland im Herbst letzten Jahres.

Meine Kollegin hatte mich gefragt, ob ich mit ihr zusammen in unserer Schule ein „Werkangebot“ für männliche Flüchtlinge einrichten kann. Da ich bisher über die Bekundung guter Absichten nicht hinaus gekommen war, stimmte ich zu, bevor ich die Sache richtig überdenken konnte.

Und gleich tauchten ein paar Fragen auf: Unsere Schule ist für den Werkunterricht ausreichend, aber nicht gut ausgestattet. Reicht das für Vorhaben, die über schulische Ansprüche hinausgehen? Reichen unsere fachlichen Kenntnisse? Arbeiten mit den gängigen Werkzeugen – kein Problem. Aber wie ist es mit Kreuz- oder Ecküberblattungen, Gehrungen mit Nut, Fingerzinken, Fingerzapfen? Eine gerade Verbindung mit Keil und waagerechtem Steg habe ich schon mal gemacht, als ich meinen Küchentisch baute, aber das ist schon zig Jahre her und war vergleichsweise einfach.

Noch eine Frage: Wie ist das mit dem Versicherungsschutz? Darf jemand an die Kreissäge – nur weil er sagt, er habe in seinem Heimatland eine Ausbildung zum Tischler abgeschlossen oder auch nur deshalb, weil ich glaube, er habe es gesagt?

Wie ist es mit der Verständigung? Ich kann Deutsch, auch Plattdeutsch, ganz wenig Englisch und mein Arabisch ist mit „Allahu akbar“ schon am Ende, wobei ich nicht einmal weiß, ob das „Gott ist groß“ oder „Gott ist größer“ bedeutet.

Bevor ich meine Bedenken zu einem riesigen, unüberwindbaren Berg anhäufen konnte, hatte meine Kollegin alles Notwendige geklärt, mit der Stadt sogar einen kleinen Etat ausgehandelt und unseren Schulleiter informiert.

Acht junge Herren waren uns angekündigt worden. Mehr, als wir gewünscht hatten. Da hatte ich schon das Gefühl, eine Welle rollt auf uns zu. Zwar nur eine kleine Ausläuferwelle, aber immerhin so groß, dass mir etwas mulmig wurde.

„Wäre das in Ordnung, oder sind das zu viele?“, hatte uns die Sozialarbeiterin der Stadt in einer Mail gefragt. Keine Kontingentierung, sagte ich mir in trotzigem Ton. Da will ich doch besser sein als die EU und schrieb meiner Kollegin: „Da machen wir uns nicht bange, lassen wir uns nicht bange machen.“

Natürlich hätte ich schreiben können: „Wir schaffen das!“ Aber da lag das Copyright woanders und wirklich sicher war ich mir nicht.

Vor allem wollte ich mich mit meinen Bedenken nicht den 24,2 Prozent nahe fühlen, die in Sachsen-Anhalt die AfD gewählt hatten.

Zwei Bürger eines starken Landes mit etwa 80 Millionen Menschen werden es doch wohl ohne große Mühe schaffen, acht jungen Flüchtlingen ein passendes Nachmittagsangebot gegen lähmende und desorientierende Langeweile zu machen.

Und dann rollte sie auf uns zu. Unsere persönliche Flüchtlingswelle. Ehrlich gesagt: Sie „kleckerte“ auf uns zu.

Zunächst – sehr pünktlich – drei miteinander befreundete Männer aus Syrien . Danach – einigermaßen pünktlich – zwei Brüder aus Afghanistan. Zum Schluss ein junger Mann aus dem Irak, immerhin noch innerhalb der bei deutschen Studenten üblichen akademischen Verspätung. Deutsche Pünktlichkeit wird wohl auch ein Lernziel sein, dachte ich mir.

Zwei Männer wurden von der Sozialarbeiterin entschuldigt. Sie hatten wichtige Termine wegen ihres Sprachkurses.

Also saßen wir mit einer moderat ausgefallenen Flüchtlingswelle im Werkraum und stellen uns bei schwarzem Tee (für reichlich, zu reichlich Zucker hatten wir gesorgt) vor.

Das klappte recht gut, weil die Sprachkurse schon Wirkung zeigten und ein Syrer etwas dolmetschen konnte. Mit Englisch war nicht viel zu machen und so fiel ich nicht besonders auf.

Es waren freundliche junge Menschen mit erwartungsfrohen Gesichtern, die mit uns rund um die Werkbank saßen. Sehr zurückhaltend nahmen sie Tee, noch zurückhaltender Zucker. Das kannte ich aus der Türkei anders.

Schmeckte unser Tee nicht? Entsprachen unsere Tassen nicht dem kulturellen Rahmen, den unsere Gäste mitbrachten? Wären Gläser passender gewesen? Vielleicht war den Männern unsere Vorstellungsrunde etwas zu direkt, zu europäisch?

Wir hatten sie ja auch zum Werken eingeladen und so erklärten wir unser Vorhaben: Ein Topfuntersetzer . Sehr praktisch. Sicher genau dass, was junge Männer aus dem Orient für ihr Leben in Deutschland so brauchen.

Mein Allah – wie wenig Ahnung habe ich von der Kultur unserer Gäste...

Und so zog ich mich zurück auf den Grund unserer Zusammenkunft, erklärte an einem Arbeitsblatt Materialien und Werkzeuge und zeigte an einer „Tischbohrmaschine“, wie unter „Beachtung der Sicherheitsvorschriften“, die Bohrungen anzubringen sind.

Bevor ich dazu kam, an einem weiteren Arbeitsblatt die Montage der Einzelteile zu erklären, hatten die jungen Männer nach sachgerechtem Einsatz der Werkzeuge – unter Beachtung der Sicherheitsvorschriften – den Topfuntersetzer fertig vor sich liegen.

Trauma eines jeden Lehrers: Die Stunde ist noch nicht rum und es ist nichts mehr zu tun.

Aber wir hatten ja unser schön bebildertes Arbeitsblatt und so übte meine Kollegin mit den zu flotten Männern die richtige Aussprache so bedeutungsvoller Wörter wie Tischbohrmaschine, Topfuntersetzer, Gewindestange, Schleifpapier, Schleifklotz, Werkbank usw.

Auch der Unterschied zwischen einer Gewindestange und einer Schraube wurde erklärt. Hier konnte der syrische Dolmetscher sogar das Wort „Schraubenschlüssel“ beisteuern und machte mich auf sehr rücksichtsvolle Weise darauf aufmerksam, dass die von mir vorgeschlagene Montage mit Zangen nicht so ganz fachgerecht war. Immerhin wissen unsere Gäste jetzt auch, dass es für das Wort „Mutter“ unterschiedliche Bedeutungen gibt. Da musste meine Kollegin als Anschauungsobjekt herhalten.

Wir hatten fertig und so war noch viel Zeit, die Werkinhalte für die nächsten Treffen zu planen.

Da sprudelte es nur so von Kreativität und technischer Versiertheit: Der Iraker hatte in Windeseile die Zeichnung einer kleinen Kommode fertig, inklusive kompletter Bemaßung. Die Syrer planten einen Billardtisch. Zu meiner Erleichterung nur einen kleinen – so dreißig mal sechzig. Sie probierten sofort aus, wie die Ecklöcher zu sägen sind und simulierten mit einer Glaskugel und einem Rundholz die ersten Spielzüge. Der eine Bruder würde gerne einen kleinen Tisch zimmern, während der andere – Allah sei dank – nur eine kleine Uhr bauen möchte.

Im Materiallager haben wir festgestellt, dass alles da war, was wir für die nächsten Vorhaben brauchen.

Dem Iraker habe ich noch die Kreissäge erklärt und er hat mir so nebenbei gezeigt, wie routiniert er die Maschine einstellen kann. Dass er, ebenfalls sehr routiniert, den zum Unfallschutz einzusetzenden Schiebestock zersägte, führe ich darauf zurück, dass er mir zeigen wollte, auch ohne so ein Ding klar zu kommen. Oder er mich nicht richtig verstanden hat.

Als ich ihm meine – Gott=Allah sei dank – unversehrten und ungekürzten Finger zeigte, lächelte er und sagte: „Ganz wichtig. Brauch ich meine. Für anderes.“ Er will nämlich Animationszeichner für Trickfilme werden. Vielleicht braucht er ja die kleine Kommode, um die Zeichnungen aufzubewahren. Jetzt hoffe ich auf Gratis-Eintrittskarten für seinen ersten Film. So ganz selbstlos muss ich ja nicht sein.

Bei der Abschlussrunde hatte ich den Eindruck, dass es unseren Gästen gefallen hat und hoffe, dass sie wiederkommen.

Ich habe viel gelernt.

Es gibt noch viel zu lernen.

Es gibt noch viel zu tun.

Wir schaffen das!“

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