Top-Manager Martin Richenhagen zur US-Wahl
„Wahlergebnis wird knapper als wir glauben“

„Meiner Meinung nach wird das Wahlergebnis ernsthaft knapp werden – knapper, als man in Deutschland vermutet. Ich befürchte, dass Trump größere Chancen hat, als wir denken. Trauriges Szenario für einen Anhänger der Demokratie.“ Einen Tag vor der Präsidentschaftswahl in den USA sprach der Top-Manager Martin Richenhagen auf Einladung des Rotary Club Warendorf vor 140 geladenen Gästen im Sparkassenforum. Und er nahm kein Blatt vor den Mund, war offen und geradeaus.

Dienstag, 08.11.2016, 04:11 Uhr

Wo machte er sein Kreuz? Wie Top-Manager Martin Richenhagen (Mitte) vor dem Rotary Club ausführte, hält er beide Kandidaten für das Amt des amerikanischen Präsidenten für ungeeignet. Links im Bild Richenhagens PR-Chef Ulrich Stockheim, rechts Christoph Hess (Rotary Warendorf).
Wo machte er sein Kreuz? Wie Top-Manager Martin Richenhagen (Mitte) vor dem Rotary Club ausführte, hält er beide Kandidaten für das Amt des amerikanischen Präsidenten für ungeeignet. Links im Bild Richenhagens PR-Chef Ulrich Stockheim, rechts Christoph Hess (Rotary Warendorf). Foto: Edler

Martin Richenhagen ist einer der deutschen Top-Manager in den USA . Der Vorstandsvorsitzende des US-amerikanischen Landmaschinenherstellers AGCO hält sowohl Trump als auch Clinton für ungeeignet.

Einen Tag vor der Präsidentschaftswahl in den USA sprach Richenhagen gestern Abend auf Einladung des Rotary Club Warendorf vor 140 geladenen Gästen im Sparkassenforum. Und er nahm kein Blatt vor den Mund, war offen und geradeaus.

„In einer Demokratie zur Wahl zu gehen, ist erste Bürgerpflicht. Das ist meine feste Überzeugung und das sage ich auch meinen Mitarbeitern. Seit einigen Jahren bin ich amerikanischer Staatsbürger und ich habe bereits gewählt. Doch habe ich meine eigene politische Position immer vertraulich behandelt“, sagte er im Vorfeld der Veranstaltung gegenüber unserer Zeitung.

Keinen Hehl machte Richenhagen daraus, dass er beide Kandidaten – sowohl Trump als auch Clinton – für vollkommen ungeeignet hält. Amerika würde aber beide überleben.

„Natürlich hat sich Donald Trump mit seinem niveaulosen Wahlkampf komplett selbst aus dem Rennen genommen. Ich habe ihn schon vor Monaten wegen seines nicht vorhandenen Stils kritisiert. Nun hat er aber alle Grenzen überschritten, seine Ausfälle gegen Frauen zeigen umso mehr, wes Geistes Kind er ist.“ Aber heißt Trump nicht zu wählen automatisch Hillary Clinton zu wählen?

Gegen sie spricht nach Ansicht Richenhagens allein schon das Alter. Clinton wäre 69, wenn sie das Präsidentenamt übernehmen würde. Für einen Top-Job in der Wirtschaft würde man keinen 70-Jährigen mehr rekrutieren. Und eigentlich versuche jeder neu gewählte US-Präsident ja auch, zwei Amtsperioden, also acht Jahre, im Amt zu bleiben. Dann ginge Hillary stramm auf die 80 zu.

In der Politik, hatte Richenhagen kürzlich in einem Interview moniert, scheine sich aber überall auf der Welt keiner ernsthafte Gedanken darüber zu machen, ob Menschen nicht einfach auch mit Blick auf ihr Alter einmal den Schritt von der Bühne machen müssten. Der deutsche Bundespräsident sei der älteste, „den wir je hatten“. Und verdiente Politiker wie Wolfgang Schäuble, der mit 74 Jahren nächstes Jahr noch mal für den Bundestag kandidieren wolle, fänden nicht den Absprung in den wohlverdienten Ruhestand. Richenhagen findet: „Amerika bräuchte einen jungen Schäuble, der sich um das Finanzielle kümmert.“

Jenseits der Altersfrage wollten sowohl Clinton als auch Trump die nationale Wirtschaft gegenüber Billigimporten abschotten. Clinton gebe sich – anders als früher – plötzlich als Gegnerin des Freihandels. Das sei eine Katastrophe. Außerdem wolle Clinton die Steuern weiter anheben. Gift für die Wirtschaft. In den Achtzigerjahren seien die USA mal ein Niedrigsteuerparadies gewesen. Inzwischen seien die Unternehmenssteuern mit über 50 Prozent höher als in Deutschland. Die USA hätten eine sehr altmodische Steuerpolitik. Gewinne im Ausland müssten hier zusätzlich versteuert werden. „Das trifft“, so Richenhagen, „uns als Landwirtschaftskonzern, der 80 Prozent seines Umsatzes im Ausland macht, besonders. Wir müssen Steuern zahlen statt zu investieren oder Dividenden zu zahlen.“ Steuererleichterungen seien dringend erforderlich. Bevor ein Präsident aber darüber nachdenken könne, müsse er die strukturellen Probleme des Landes lösen. Die Administration sei völlig aufgebläht. Unter Obama seien Tausende Jobs im Öffentlichen Dienst entstanden. Der Wasserkopf verschlinge zu viel Geld.

Auf die Frage, was die Amerikaner nach Obama mit dessen Amtszeit verbinden werden, erkärte Richenhagen: „Der erste Schwarze, Friedensnobelpreisträger und eine Gesundheitsreform, die zwar eine gute Idee war, aber schlecht umgesetzt wurde.“

Clintons Programm hält der Top-Manager inhaltlich für wenig präzise, kaum nachhaltig und Steuererhöhungen bei den bereits extrem hohen Belastungen in den USA für völlig unangebracht. In Kreisen der Wirtschaft hätten sich allerdings schon seit der Nominierung von Trump nur wenige Manager für diesen stark gemacht. Gleichzeitig sei in konservativen Wirtschaftskreisen der Slogan „ABC: Anything but Clinton“ populär. Sie mobilisiere aber nicht so viele Neuwähler. Was der Wahlkampf zutage gefördert habe, sei traurig: „Die Spaltung der Gesellschaft hat zugenommen. Ob Polit-Profi Hillary Clinton, die zudem in großen Teilen der Bevölkerung als wenig sympathisch gesehen wird, die Amerikaner wieder vereinen kann, bezweifele ich.“

Trump dagegen popularisiere, habe schlechte Umgangsformen, gebe sich nicht weltmännisch. Richenhagen: „Ich zweifle auch an seiner guten Allgemeinbildung. Er hat nichts auf der Agenda, als nur immer dagegen zu sein. Aber ich glaube, dass es eine Grauzone von Trump-Wählern gibt, die das aber nicht öffentlich zugeben. Meiner Meinung nach wird das Wahlergebnis ernsthaft knapp werden – knapper, als man in Deutschland vermutet. Ich befürchte, dass Trump größere Chancen hat, als wir denken. Trauriges Szenario für einen Anhänger der Demokratie.“

Zeitnah zur Präsidentschaftswahl in den USA war es dem Warendorfer Rotary Club unter der Präsidentschaft von Tilmann Behrens gelungen neben Richenhagen auch den Wirtschaftsjournalisten Ulrich Stockheim als ausgezeichneten Kenner der amerikanischen Wirtschaftslage und der allgemeinen Situation im Lande gewinnen zu können.

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