Stolpersteine bringen Generationen zusammen
„Kinder brauchen Vorbilder“

Warendorf/Hoetmar -

Ida Klosterkamp wird im nächsten Jahr 90. Sie hat gesehen, wie August Wessing 1942 abgeholt wurde und ist eine der wenigen Zeitzeugen, die es noch gibt. Sie, aber auch Kinder und junge Erwachsene haben am Donnerstag an das Unfassbares erinnert. Und heute?

Freitag, 16.12.2016, 08:12 Uhr

Die Szenische Lesung der Marienschüler stieß auf große Resonanz. Camilla Da Silva (l.) und Jana Harms stellten in beklemmender Weise Max und Ida Jeremias dar, die im Schauprozess verurteilt wurden. Die Schüler Julius Kral und Karsten Schmidt verkörperten Wachpersonal, das die Eheleute im Gerichtssaal verachtend schubste, wenn sie nach vorne treten müssten.
Die Szenische Lesung der Marienschüler stieß auf große Resonanz. Camilla Da Silva (l.) und Jana Harms stellten in beklemmender Weise Max und Ida Jeremias dar, die im Schauprozess verurteilt wurden. Die Schüler Julius Kral und Karsten Schmidt verkörperten Wachpersonal, das die Eheleute im Gerichtssaal verachtend schubste, wenn sie nach vorne treten müssten. Foto: Laerbusch

Ida Klosterkamp wird im nächsten Jahr 90 Jahre alt. Sie hat als junge Frau, eigentlich war sie noch ein Mädchen, gesehen, wie Dechant August Wessing abgeholt wurde. „Er hat gefragt, ob er noch einmal in die Kirche gehen darf“, erzählte Ida Klosterkamp am Donnerstagmittag in Hoetmar . Und ja, antwortete sie auf die entsprechende Frage, die Männer hätten ihn noch ein letztes Mal in das Gotteshaus gehen lassen. Dann nahmen sie ihn mit.

Ida Klosterkamp sitzt im Rollstuhl, doch sie ist genauso wach wie alle anderen, die sich vor dem Haus an der Sendenhorster Straße, in dem August Wessing lebte und arbeitete, versammelt haben: Schüler der Grundschule mit ihren Lehrerinnen, engagierte Bürger, Bürgermeister Axel Linke, Dechant Manfred Krampe , heute Pfarrer in Freckenhorst und Hoetmar, und unter anderen auch der Künstler Gunter Demnig. Letzterer brachte am Donnerstag den Stein mit dem Namen von August Wessing in den Boden. Wer war dieser Mann? Warum haben ihn die Nazis ins Konzentrationslager gebracht, nach Dachau, wo er 1945 starb? Dieser Frage gingen in beeindruckender Weise Viertklässler der Dechant-Wessing-Schule in Interview-Form nach: Ein Mädchen, das neu an die Schule gekommen ist, interviewte ihre Mitschüler. Dass sich August Wessing für Fremde einsetzte, Kleider für ein ausländisches Mädchen nähen ließ, daran erinnerten die Kinder. Konzentriert taten sie es und, ja, auch beeindruckt.

Dechant Wessing, griff Manfred Krampe die Worte der Schüler auf, habe Polnisch und andere Sprache erlernt, um zugewanderten Familien, Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen beistehen zu können. Krampe und auch Bürgermeister Axel Linke spannten den Bogen von der damaligen Zeit ins Heute: „Den Menschen muss man als Menschen begegnen und nicht danach, welcher Nationalität oder gar Religion sie angehören“, sagte Krampe. Vielleicht, rief er unter sonnigem Hoetmarer Himmel zum Nachdenken auf, könnten ja auch „wir Deutsche“ ein wenig die Sprachen lernen, die die heutigen Flüchtlinge sprechen, um zu einer besseren Verständigung beizutragen – so wie es August Wessing getan habe.

„Menschen brauchen Vorbilder – gerade Kinder“, diesen Satz sagte Dorothee Nottebaum, kommissarische Leiterin der Grundschule. Zum Abschluss lud Pfarrer Manfred Krampe alle, die da waren, zum Essen ein.

Die Stolperstein-Initiative Warendorf hatte dieses besondere Treffen initiiert. Und nicht nur dieses: An der Molkenstraße in Warendorf hatten gut zwei Stunden zuvor Oberstufenschüler des Mariengymnasiums in einer „Szenischen Lesung“ an das Schicksal von Max und Ida Jeremias sowie deren Tochter Ruth erinnert. Die Schüler stellten einen Schauprozess nach – sie standen genau dort, wo sich früher das Warendorfer Amtsgericht befunden hatte. Es dauerte keine 15 Minuten – und Max und Ida Jeremias waren verurteilt. Am 15. Dezember 2016. Die Stimme des Schülers, der den Richter spielte, war fest. Unbarmherzig. Sie war kalt. Zwei Schülerinnen, auch sie machen im Mai Abitur, verkörperten das Ehepaar. In den wenigen Minuten, die die Schüler lasen, schafften sie es, durch Mimik, Betonung und die unfassbaren Sätze, die sie sagten, ihre Zuhörer hineinzuziehen in die menschenverachtende Nazizeit. Eine alte schwarze Richterrobe baumelte an einem Ast – und verstärkte die Beklemmung noch. Dieser Lesung schloss sich die Stolpersteine-Verlegung an.

Insgesamt sechs Steine wurden am Donnerstag in den Boden gebracht: einer in Hoetmar, fünf in Warendorf. Mit den Steinen für Max und Ida Jeremias wird jetzt in der Oststraße, Höhe des Hauses 33, an Nazi-Opfer erinnert, die verfolgt und in Konzentrationslager interniert wurden, nur weil sie der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas angehörten. Max Jeremias starb in Sachsenhausen am 29. Mai 1940 unter ungeklärten Umständen. Seine Frau konnte im Mai 1945 von den Amerikanern befreit werden. Ihre Tochter Ruth war dem Paar weggenommen worden, sie kam zu Verwandten. Auch an sie erinnert ein Stolperstein .

Zwei weitere Steine sind jetzt in der Gerichtsfuhlke im Boden, Höhe des Hauses 8. Sie solle dazu beitragen, dass Berta und Juliane Samuel nicht vergessen werden. Die alleinstehende Mutter und ihre Tochter wurden als Jüdinnen verfolgt. Berta Samuel wurde 1944 ermordet. Ihre Tochter, geboren 1923, töteten die Nazis bereits am 27. September 1940 – weil sie Jüdin war und als Behinderte „lebensunwert“.

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