Theaterstück: Er ist wieder da
Im Grunde war er nie aus den Köpfen fort

Warendorf -

Als klassische Komödie aufgebaut ist das Thema aber überaus ernst zu nehmen. In der Inszenierung von Gert Becker und unter der Dramaturgie von Christian Scholze ist es dem Ensemble gelungen, den schmalen Grat zwischen Ernsthaftigkeit trotz aller humoristisch durchdrungenen Szenen nicht zu verlassen. „Er ist wieder da“ – nach dem Roman von Timur Vermes zeigte in der Inszenierung des Westfälischen Landestheaters, dass man ihn nicht abstreifen kann wie einen abgetragenen Rock, dass er wohl immer noch in den Köpfen vieler Menschen rumgeistert.

Sonntag, 07.05.2017, 07:05 Uhr

Berlin im Sommer 2011? Adolf Hitler findet sich anfangs nur schwer zurecht im Nachfolgestaat seines Reiches.Hitler 1 und 2 sind auch 70 Jahre nach seinem Tod noch omnipräsent in den Köpfen der Menschen.
Berlin im Sommer 2011? Adolf Hitler findet sich anfangs nur schwer zurecht im Nachfolgestaat seines Reiches.Hitler 1 und 2 sind auch 70 Jahre nach seinem Tod noch omnipräsent in den Köpfen der Menschen. Foto: Axel Engels

„Er ist wieder da“ – nach dem Roman von Timur Vermes zeigte in der Inszenierung des Westfälischen Landestheaters, dass man ihn nicht abstreifen kann wie einen abgetragenen Rock, dass er wohl immer noch in den Köpfen vieler Menschen rumgeistert. Die Rechnung des allgemeinen Vergessens hat man wohl ohne den Mann mit dem rollenden R und dem Oberlippenbart gemacht, denn Adolf Hitler wachte an einem Sommertag des Jahres 2011 wieder auf und zeigte sich in aller Frische in Fleisch und Blut in Berlin-Mitte . Nach über 70 Jahren findet er sich nur schwer in der heutigen Zeit zurecht.

Als klassische Komödie aufgebaut ist das Thema aber überaus ernst zu nehmen. In der Inszenierung von Gert Becker und unter der Dramaturgie von Christian Scholze ist es dem Ensemble gelungen, den schmalen Grat zwischen Ernsthaftigkeit trotz aller humoristisch durchdrungenen Szenen nicht zu verlassen.

Das aus historischen Filmaufnahmen bestens bekannte Repertoire der großen Gesten, weit aufgerissenen Augen und der pathetischen Redekunst wurden sowohl von Guido Thurk als Hitler 1 sowie Burghard Braun als Hitler 2 bestens in Szene gesetzt. Wenn Adolf Hitler von den Menschen auf den Straßen Berlins nicht erkannt wird, er sich gar nach dem Weg zur Reichskanzlei erkundigt und dabei mit Hape Kerkeling oder Stefan Raab verwechselt wird, dann sind diese aktuellen Bezüge mit Akribie und Feinsinn in den Handlungsablauf integriert.

Hitler wird für einen Schauspieler gehalten, feiert in seiner einstigen Rolle als Führer unglaubliche Erfolge, wird sogar als wahres Medienereignis zum Youtube-Star. Das an Nürnberger Architektur erinnernde Bühnenbild und die eingespielten Wagner-Musikpassagen komplettierten die Stimmung eher, lenkten nie vom eigentlichen Geschehen ab. Das war einfach bestens gemacht, die Bühnenbearbeitung von Gert Becker führte von Comedy mit erschütternder Deutlichkeit zur Auseinandersetzung mit der Meinungsbildung durch sensationsgierige Medien und die Manipulierbarkeit vieler leichtgläubiger Menschen, die alles glauben, was sie im Fernsehen sehen und deren „niveauvollste“ Lektüre die tägliche Bildausgabe ist.

Adolf Hitler muss sich damit abfinden, sich ohne Krieg, Partei und dazu noch in Friedenszeiten unter den heutigen Politikmachern neu zu positionieren. Mit scharfem Blick für die Zusammenhänge unserer morbiden Gesellschaft stiftet er überall Verwirrung, geht mit seinem Wissen um die Wirkung der Propaganda ins Fernsehen und wird dort zum Star. Selbst ein Besuch in der Parteizentrale der NPD wird zur Abrechnung mit den „Erben seines Gedankengutes“. Böser und gleichzeitig ehrlicher kann man dies wohl nicht mehr auf die Bühne bringen.

In Alltagssituationen ist Hitler dann präsent, vermischen sich Illusion und Wirklichkeit zu einem erschreckenden Abbild der heutigen Gesellschaft. „Er ist wieder da“ und als Resümee dieser Inszenierung ist er auch nie aus den Köpfen der Menschen verschwunden. Irgendwann wird auch dem letzten Akteur im Geschehen auf der Bühne klar, dass er mit dem Bösen an sich konfrontiert wird, wie die Zuschauer in ihrem eigenen Leben ja auch überall auf das Erbe dieser braunen Vergangenheit stoßen.

Ob diese Politiksatire der „richtige“ Weg der Vergangenheitsbewältigung bzw. im Umgang mit der rechten Szene ist, muss jeder wohl für sich selber entscheiden. Mit großer Schauspielkunst umgesetzt wurde „Er ist wieder da“ auf jeden Fall. Und zum Nachdenken hat diese Inszenierung sicherlich alle Besucher angeregt.

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