24. Berufsorientierungsmesse in Warendorf
„Wertschätzung für Duales Studium“

warendorf -

Geht es nach der Schule in ein Studium? Und falls ja: Welches soll es werden? Oder wäre eine Ausbildung eine Alternative? Die WN haben mit Michael Hoffmann gesprochen. Der Pressesprecher der Handwerkskammer gab Antworten zu Chancen im Handwerk.

Montag, 03.07.2017, 17:07 Uhr

Duales Studium als Alternative: Wer sich dafür entscheidet, sammelt bereits während des Studiums Praxiserfahrung und hat dadurch besonders gute Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt.
Duales Studium als Alternative: Wer sich dafür entscheidet, sammelt bereits während des Studiums Praxiserfahrung und hat dadurch besonders gute Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Foto: FH Münster/Robert Rieger

Am 4. und 5. Juli findet die 24. Berufsorientierungsmesse. Womit sie vielleicht für Jahrzehnte ihren Lebensunterhalt verdienen, beschäftigt Schüler theoretisch schon den Pflichtpraktika in der neunten oder zehnten Jahrgangsstufe. Ernster wird es für viele mit dem Abschluss. Abi – und dann? Studium? Ein großer Teil bricht ab, weil die Studenten merken, dass eine Ausbildung wohl doch besser gewesen wäre. Eine Möglichkeit ist also das Handwerk, das ohnehin händeringend Kräfte sucht. WN-Redakteur Jörg Pastoor hat den Sprecher der Handwerkskammer Münster, Michael Hoffmann , befragt.

Herr Hoffmann, weniger Bewerber für Ausbildungsstellen im Handwerk, weniger Meister – demgegenüber an den Unis eine Abbrecherquote um 40 Prozent. Woran liegt‘s?

Hoffmann: Es gibt in der Tat zu wenige Kandidaten und Kandidatinnen für Ausbildungsstellen im Handwerk. Das liegt auch an der zunehmenden Akademisierung. Rückblickend ist ein weiterer Grund die Reform der Handwerksordnung in 2004, als 53 Handwerke zulassungsfrei wurden. Sprich: Die Meisterpflicht ist dort weggefallen. Es kam allerdings nicht – wie gehofft – zu mehr Beschäftigung und Ausbildung in diesen Berufen. Die Situation führte vielmehr zu einer Absenkung des Qualifikationsniveaus und einem Verlust von Ausbildung. Mittlerweile werden 96 Prozent aller Handwerkslehrlinge im Kammerbezirk Münster in „meisterpflichtigen“ Berufen ausgebildet. Das ist ein Prozent mehr als noch im Vorjahr.

Viele Schulformen haben Praktika in den neunten und zehnten Klassen. Nutzen die Handwerksbetriebe das Ihrer Einschätzung nach gut genug?

Hoffmann: Die Handwerksbetriebe suchen händeringend nach Nachwuchs und ergreifen unserer Erkenntnis nach möglichst jede sinnvolle Gelegenheit. Natürlich müssen Kandidat und Betrieb zueinander passen. Wir als Handwerkskammer entsenden darüber hinaus zum Beispiel so genannte „Ausbildungsbotschafter“ in die Schulen. Das heißt, Lehrlinge berichten „auf Augenhöhe“ über ihr jeweiliges Berufsbild. Damit machen Betriebe, die jungen Menschen und wir gute Erfahrungen. So kommt es zu einer „Win-Win-Situation“.

Handwerksbetriebe suchen händeringend nach Nachwuchs

Fehlende Azubis sind das eine – fehlende Betriebsnachfolger im Mittelstand das andere. Oder?

Hoffmann: Richtig. Das bedingt sich letztendlich. 2016 wurden im Kammerbezirk Münster 2266 neue Betriebe gegründet; in Warendorf waren es 204 Existenzgründungen. Nur 18 Prozent der Gründer haben die Meisterprüfung abgelegt oder eine vergleichbare Qualifikation erlangt. Die berufsspezifische Qualifikation ist für die Verweildauer eines Handwerksbetriebs am Markt aber relevant: Von den Betrieben, die von Meistern oder Inhabern mit vergleichbarer Qualifikation geführt werden, sind fünf Jahre nach Gründung in 2012 noch zwei Drittel (68 Prozent) am Markt. Von den Betrieben ohne Meister oder vergleichbar qualifizierten Inhaber existieren nach fünf Jahren dagegen nur noch weniger als die Hälfte (45 Prozent). Die anderen sind samt Beschäftigten verschwunden. Darüber hinaus sichern die Meisterbetriebe den Berufs- und letztlich auch Unternehmernachwuchs.

Nur 18 Prozent der Gründer haben die Meisterprüfung abgelegt

Womit würden Sie einen jungen Menschen heute für eine Ausbildung im Handwerk begeistern?

Hoffmann: Das Handwerk mit seinen über 130 unterschiedlichen Ausbildungsberufen bietet Vielfalt und Abwechslung. Die duale Ausbildung bereitet in Theorie und Praxis intensiv auf das Berufsleben vor. Gleichzeitig bestehen beste Aussichten auf eine Übernahme in den Ausbildungsunternehmen. Immerhin ist die Konjunktur im Handwerk gut wie nie. Es gibt zudem zahlreiche Karrierewege und Entwicklungsmöglichkeiten. Die Ausbildungsberufe des Handwerks werden fortlaufend modernisiert, damit das erworbene Wissen auch genau zum Bedarf der Wirtschaft passt und angewendet werden kann. Die Digitalisierung mit neuen Technologien – wie zum Beispiel Smart Home und Elektromobilität – machen das Handwerk zusätzlich attraktiv.

Wie steht es um die Möglichkeiten einer Weiterqualifikation?

Hoffmann: Neben Weiterbildungen und Zusatzqualifikationen während der Ausbildung stehen auch danach eine Reihe von Fortbildungsmöglichkeiten zur Verfügung. Dazu gehören zum Beispiel die Vorbereitung auf die Meisterprüfung oder der geprüfte Betriebswirt (HwO). Als Meisterin oder Meister bestehen gute Chancen, um beispielsweise einen Betrieb zu übernehmen oder neu zu gründen. Der Meistertitel ist übrigens gleichgestellt mit einem akademischen Bachelor-Abschluss, der Betriebswirt (HwO) mit dem Master. Vor diesem Hintergrund sollten auch Schulabgänger mit Hochschulreife bedenken, dass das Studium nur ein Weg von vielen in eine gute berufliche Zukunft ist.

Meistertitel gleichgestellt mit akademischem Bachelor-Abschluss

Sie haben einen Wunsch frei: Was brächte einen echten Schub für den Ausbildungsmarkt im Handwerk?

Hoffmann: Ein gesellschaftliches Umdenken: weg vom so genannten „Akademisierungswahn“ hin zur stärkeren Wertschätzung der dualen Ausbildung. Und: Denken wir an eine Förderung der Mobilität für die berufliche Ausbildung, beispielsweise analog zum Semesterticket für Studierende.

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