Warendorfer erlebt G 20-Gewalt
Kreuzfahrt wäre die bessere Idee gewesen

Warendorf -

Jürgen Lucht würde gerne in Hamburg leben – er liebt die Stadt, hat Verwandtschaft dort. Nach seinen Erlebnissen beim G 20-Gipfel war er aber froh, dass er in Warendorf lebt. Er macht der Polizei-Einsatzleitung den Vorwurf, sie hätte die schlimmsten Chaoten früh isolieren können.

Donnerstag, 13.07.2017, 05:07 Uhr

Jürgen Lucht ist Hamburg-Freund. Der 71-Jährige erlebte Szenen des G 20-Gipfel-Protestes mit – hässliche, aber auch schöne.
Jürgen Lucht ist Hamburg-Freund. Der 71-Jährige erlebte Szenen des G 20-Gipfel-Protestes mit – hässliche, aber auch schöne. Foto: Jörg Pastoor

Jürgen Lucht liebt Hamburg. Am liebsten würde der 71-Jährige sogar dort leben. Besonders gern im Schanzenviertel. Dort hat er vor einigen Tagen allerdings auch gute Gründe erlebt, warum das keine Option sein müsste. Denn „die Schanze“ war einer jener Orte, an denen die Film- und Fotoaufnahmen bürgerkriegsähnlicher Szenen am Rand des G 20-Treffens entstanden sind. Mitten im Jahr 2017.

Hamburg, die alte Hafenstadt, die so multikulti und so schräg wie traditionell, vor allem aber lebendig und weltinternational ist – das macht einen Teil des Reizes für den Flachlandwestfalen Lucht aus. Abgesehen davon führten ihn berufliche Gründe dorthin, hat er Verwandtschaft da und ist noch dazu Fan des Fußballclubs von St. Pauli.

Aus familiären Gründen war er zur Zeit des Gipfeltreffens wieder an der Elbe. „Und ich bin auch bewusst hingegangen“, sagt er. Er wollte sehen, wie das läuft, das, wie er anfügt, kaum ein Hamburger gewollt hätte, wenn er gefragt worden wäre. „Ich bin mir ganz sicher, im Fall einer Bürgerbefragung wären keine zehn Prozent dafür gewesen.“

Warum der Warendorfer einen Leserbrief an die WN schreibt und darin die seiner Meinung nach gründlich danebengegangene Strategie der Polizei bei der Bewältigung des gewalttätigen Widerstands – aber eben nicht nur da – kritisiert?

„Weil ich da hässliche Sachen erlebt habe. Zwar auch schöne, aber eben hässliche.“ Da rückten verhältnismäßig überzählige Polizeikräfte gegen ein paar offenbar harmlose Camper auf einer Halbinsel an und griffen auch zu Pfefferspray. Da sei ein auf einer Kreuzung sitzendes, Blockflöte spielendes Mädchen per Lautsprecherdurchsage und unter Androhung von Gewalt aufgefordert worden, zu gehen – Passanten hätten aber durch demonstrativen Beifall erreicht, dass das nicht geschah.

An einer Stelle in St. Pauli hätten Jugendliche mit einer Sitzblockade die Straße abgeriegelt, so dass 40 Polizeiwagen eine aggressive Situation an den Landungsbrücken nicht auf diesem Weg erreichen konnten. „Als dann ein Feuerwehr- und ein Notarztwagen durch wollten, sind sie aber sofort aufgestanden“, schildert Jürgen Lucht die Szenen. Dann allerdings seien zwei Wasserwerfer angerollt und hätten die wieder sitzenden Protestteilnehmer fortgespült. Nicht mit voller Kraft, aber ohne weiteres Wort.

Er finde es schade und erschreckend, dass die Bilder der rohen Gewalt die anderen, eben die des friedlichen Protests, überdeckt haben, die es doch ebenso gegeben habe. Er mache niemandem der Einsatzkräfte einen Vorwurf; mit vielen habe er persönlich gesprochen. Seine Kritik richtet sich an die Strategen der Polizei. „Warum haben sie nicht die rund 200 Autonomen, die erkennbar die Gewaltbereiten waren, gleich beim ersten Aufmarsch auf dem Fischmarkt vom Rest getrennt?“ Dann, ist fest davon überzeugt, hätte die Lage nicht so eskalieren können: „Es wäre schon zwei Stunden vorher möglich gewesen, als die Chaoten kamen.“

Am Tag nach den hässlichen, beängstigenden Bildern sei er zur Schanze gelaufen. „Da waren Löcher tief in den Asphalt gebrannt. Und die einzigen noch heilen Fensterscheiben waren die, die Besitzer vorher mit Brettern geschützt hatten. Ein paar Meter weiter eine surreal wirkende Szene: ein zerstörter Stromkasten, auf den jemand eine Rose gelegt hatte. Das Schanzenviertel kenne er. „Ich würde gern da wohnen. Aber an dem Abend? Dann da lieber keine Wohnung. . .“

Aus Gesprächen mit Bekannten hätte Lucht übrigens ganz schnell eine Alternative für die G 20-Mächtigen parat gehabt: „Mir haben die Leute gesagt, die sollen sich doch ein Kreuzfahrtschiff nehmen, links und rechts ein Kriegsschiff daneben.“ Oder eine leerstehende Kaserne. Aber mitten in Hamburg? „Damit hat Angela Merkel sich keinen Gefallen getan.“

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