WN-Serie „Im Märzen der Bauer“
Zweites Standbein im Tourismus

Hoetmar -

Wegfahren? Urlaub machen? „Aber warum denn? Hier ist es doch schön“, findet Paul Schwienhorst und blickt aus dem Fenster ins satte Grün der Hoetmarer Dorfbauerschaft. Während seine Frau Gabi von einem Urlaub träumt, gerne mal Bekannte in Süditalien oder Florida besuchen würde, die sie als Feriengäste auf ihrem Hof beherbergt hat, ist Paul Schwienhorst, wie es scheint, rundherum zufrieden mit seinem Leben als Landwirt und Ferienhof-Manager. Zumindest lässt er keinen Zweifel daran, dass die Entscheidung, die er und seine Frau vor genau 20 Jahren getroffen haben, goldrichtig gewesen ist.

Donnerstag, 24.08.2017, 19:08 Uhr

Gäste aus dem In- und Ausland waren im August auf dem Ferienhof zu Besuch, dessen Betreiber sich über eine 50-prozentige Auslastung ihrer Wohnungen freuen.
Gäste aus dem In- und Ausland waren im August auf dem Ferienhof zu Besuch, dessen Betreiber sich über eine 50-prozentige Auslastung ihrer Wohnungen freuen. Foto: Joke Brocker

1991 kauften die Schwienhorsts den Hof, ein Jahr später zogen sie nach umfangreichen Renovierungsarbeiten dorthin. Zwei Wohnungen auf dem Hof waren vermietet. Als Mitte der 90er- Jahre jedoch der Hauptmieter selbst baute und den 1869 erbauten Hof verließ, erwies es sich als schwierig, Nachmieter zu finden: „Die Leute zog es in die Städte.“ Die Schwienhorsts, die Schweinemast und Ackerbau betrieben, machten sich Gedanken, wie es auf dem Hof mit relativ wenig Eigentum weiter gehen könnte. Eine weitere Investition in die Schweinemast hätte eine weitere Abhängigkeit von Verpächtern bedeutet, und so suchte man nach einem zweiten Standbein. Ein Bekannter riet dem jungen Paar, es doch mal mit Ferien auf dem Bauernhof zu versuchen.

Ende der 90er-Jahre startete das Experiment Ferienwohnung. Nur ein Jahr später kamen bereits drei weitere Ferienwohnungen hinzu. Sehr viel größer dimensioniert, als von den Beratern der Landwirtschaftskammer empfohlen. Doch genau mit diesen großzügig geschnittenen Wohnungen stießen die Schwienhorsts in eine Marktlücke. Vor allem Familien, Gruppen und Freundeskreise wählen den Ferienhof für ihre Treffen. Wo sonst werden Ferienwohnungen auf zwei Ebenen mit sieben Schlafzimmern, einem großen Aufenthaltsraum und großzügigen Terrassen geboten?

„Die Leute wollten Landwirtschaft erleben, aber nicht neben 1000 Schweinen schlafen“, stellte Paul Schwienhorst fest. „Und so gab es 2012 eine weitere einschneidende Entscheidung“, blickt der heute 50-Jährige auf das Jahr zurück, in dem er den Betrieb auf Bio-Landwirtschaft umstellte. Ein Schritt, der den Ferienhof, Mitglied in der AG „Komm aufs Land“, weiter belebt hat, wie Gabi Schwienhorst berichtet. Viele Gäste – 95 Prozent buchen mittlerweile über das Internet – legten ausdrücklich Wert darauf, ihren Urlaub auf einem Bio-Hof zu verbringen. Das Gros der Besucher komme nach wie vor aus dem Ruhrgebiet, viele von ihnen seien „Wiederholungstäter“: „Inzwischen kommen Gäste, die schon als Kinder hier waren, mit ihren eigenen Kindern wieder“. Aber auch Besucher aus dem Ausland wissen einen Urlaub in der ländlichen Abgeschiedenheit zu schätzen.

In diesem Sommer geht es auf dem Hof besonders international zu: „Wir haben Gäste aus Holland, aus Barcelona, aus London, aus Nepal und aus Übersee“, erzählt Paul Schwienhorst. „Hoetmar ist der Nabel der Welt. Hier trifft man sich.“ In den meisten Fällen hat zumindest einer der Gäste einen Bezug zu Hoetmar, Warendorf oder Münster. Wie Barbara Steenbergen-Weste­kemper. Die gebürtige Warendorferin und ihr aus den Niederlanden stammender Mann hatten den Hof als Treffpunkt für ihre Patchwork-Familie gewählt. Eine Tochter reiste mit zwei Kindern aus London an, eine Tochter mit Mann und Kind

aus Los Angeles, ein Sohn mit Frau und Kind aus San Francisco. Vor allem für die Enkel sei der Aufenthalt auf dem Hof ein unvergessliches Erlebnis, ist

Barbara Steenberge-Westekemper überzeugt: „Sie können hier Tiere kennen lernen und trauen sich sogar, Hund und Ponys anzufassen.“

Auch Kathrin Lämmle aus Fürstenfeldbruck, mit Mutter, Bruder und den Töchtern Finja (4) und Elina (9) zum vierten Mal auf dem Ferienhof, um von hier aus die Verwandtschaft in Warendorf und Münster zu besuchen, schätzt die lockere Atmosphäre: „Ich kann morgens in Ruhe meinen Kaffee trinken und die Kinder laufen lassen, ohne mir Sorgen machen zu müssen.“

Finja und Elina sind in den Ställen unterwegs, streicheln niedliche Kaninchen und Hofhund Finja, spielen auf Hoetmars erstem Kunstrasenplatz in der hofeigenen Soccer-Halle Fußball, reiten auf den Ponys, besuchen die Schweine oder sitzen mit Familie Schwienhorst am Lagerfeuer. Eine Attraktion sei auch der große Fuhrpark, findet ihre Mutter. Dass sie diesen früher fast nie für sich alleine hatten, wird den Kindern der Schwienhorsts vermutlich nicht immer gefallen haben. „Früher haben wir uns alles mit den kleinen Gästen geteilt. Nun haben die Ferienkinder die vielen Spielmöglichkeiten für sich alleine“, zitiert Gabi Schwienhorst ihre vier inzwischen erwachsenen Kinder.

Zufrieden ist Paul Schwienhorst: „Wir haben eine Auslastung von 50 Prozent. Das heißt, dass jedes Bett 180 Tage im Jahr belegt ist“, rechnet er vor. Für ihren Vier-Sterne-Betrieb – regelmäßig werden die hervorragend ausgestatteten Ferienwohnungen nach den Richtlinien des Deutschen Tourismusverbandes zertifiziert – wünschen sich die Schwienhorsts allerdings noch eine 450-Euro-Kraft, die sie etwa beim Betten-Wechsel unterstützt: „Das ist schon heftig, wenn wir 30 Betten auf einmal beziehen müssen.“

Ansonsten aber findet Paul Schwienhorst sein Leben weniger stressig als noch vor 25 Jahren. Auch wenn er, abgesehen von einer kurzen Mittagspause, für die Gäste rund um die Uhr ansprechbar ist: „Heute habe ich zwischendurch auch mal Zeit, mir meine Schweine in Ruhe anzusehen. Ich füttere über den Automaten, die Gäste helfen beim Misten. Das Ackern erledige ich mit meinem Bruder zusammen. Und auf dem Hof gibt es viele schöne Begegnungen.“

Man ahnt, dass sich Gabi Schwienhorst noch eine ganze Weile gedulden muss, ehe sie zusammen mit ihren Mann in den Urlaub fahren kann: „Wir können hier doch gar nicht weg“, findet er. „Dafür kommt die ganze Welt zu uns.“

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