Flüchtlingsfamilien in Milte
„Wir sind zufrieden“

Milte -

Freundschaftlich – so lässt sich das Verhältnis zwischen jenen Bürgern, die sich im Arbeitskreis Miteinander engagieren und drei jesidischen Familien beschreiben, die vor gut eineinhalb Jahren aus dem Irak ins Münsterland geflüchtet sind. Die drei Familien, die inzwischen kleine Wohnungen im Dorf bezogen haben, fühlen sich offenbar wohl. „Wir sind zufrieden“, sagt Jalal Yazdin.

Freitag, 01.09.2017, 23:09 Uhr

Sind in Milte zufrieden: Sabrin, Saman, Mutter Seve Khalaf Khedir und Sabir.
Sind in Milte zufrieden: Sabrin, Saman, Mutter Seve Khalaf Khedir und Sabir. Foto: Joke Brocker

Auf Nachfrage zeigt sich, dass der Familienvater eigentlich schon ein richtiger Milter geworden ist. Was viele Einheimische nervt, stört auch den Neubürger: die schlechten Verbindungen im öffentlichen Personennahverkehr, die auch den Weg zu den chronisch überfüllten Sprach- und Integrationskursen in Münster erschweren, das Fehlen eines kleinen Supermarktes vor Ort. Voll des Lobes ist Yazdin über die große Hilfsbereitschaft der Milter, findet aber: „Es geht nicht, dass wir nur nehmen, man muss auch geben.“

Darum und weil es ebenso ermüdend wie nervenzehrend ist, in einem fremden Land zur Untätigkeit verdammt zu sein, helfen er und seine Verwandten, Farhan Kheri Yazdin und Khalil Saleh Yazdin, wo und wann immer es möglich ist. Zum Beispiel bei den Vorbereitungen für das bevorstehende Pfarrfest, den Mutter- Kind-Markt oder beim Dolmetschen für eine fünfköpfige syrische Familie, die inzwischen in die Hesselstraße gezogen ist.

Aber eigentlich wären die drei Familienväter gerne endlich ein wenig autarker. Khalil Saleh Yazdin zum Beispiel sehnt sich nach einer Arbeit. Im Irak war er Fliesenleger und würde den Beruf gerne auch in Deutschland ausüben. Doch ein Praktikum, das verheißungsvoll begonnen hatte, endete für ihn mit einer herben Enttäuschung. Warum der Arbeitgeber dem jungen Mann am Ende keine Chance geben wollte, erschließt sich auch Ludwig Geng nicht, der die irakischen Männer gleich nach dem Zuzug nach Milte unter seine Fittiche genommen hatte und von ihnen mit „Vater“ und „Onkel“ angesprochen wird. „Die Männer wollen so schnell wie möglich arbeiten und dem deutschen Staat nicht zur Last fallen“, sagt Geng. „Das sagen sie seit eineinhalb Jahren.“

Eine große Portion Geduld wurde den Familien, aber auch ihren Betreuern auch abverlangt, als es darum ging, ein Konto zu eröffnen, auf das Leistungen von Sozialamt und Jobcenter eingezahlt werden können. „Man glaubt, man wär‘ in Schilda“, kommentiert Claire Mesch eine Geschichte über bürokratische Auswüchse, die ungefähr so absurd anmutet, wie es weiland Reinhard Mey in seinem Lied „Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars“ besang.

Da freut sich die Gruppe Miteinander, die in Zusammenarbeit mit der OGS der Wilhelm-Achtermann-Schule auch schon Ausflüge in den Zoo und ins „Maximare“ für die Neubürger und alle anderen Interessierten organisiert hat, umso mehr über die vielen kleinen Erfolge.

So können Haifaa Sido Kasim, deren Schwester Safia und Seve Khalaf Khedir, die in ihrer Heimat nie eine Schule besucht hatten, nach erfolgreicher Alphabetisierung durch Claire Mesch und Hiltrud Schoppmann inzwischen leichte Texte lesen. Inzwischen verfügen die drei Frauen, die unglaublich motiviert und zuverlässig am

Sprachunterricht teilnehmen, über so einen guten Wortschatz, dass man sich gut mit ihnen unterhalten kann. Sie seien in der Lage, Wünsche zu äußern, selbstständig einzukaufen und hätten inzwischen so viel Vertrauen zu den Mitgliedern des Arbeitskreises gefasst, dass sie jetzt auch von Zuhause und von ihrer Flucht erzählten, berichten Claire Mesch und Hiltrud Schoppmann. Nun sind Haifaa Sido Kasim und Seve Khalaf Khedir zu einem Deutsch-Kursus angemeldet. Da der Arbeitskreis inzwischen neben der schon erwähnten syrischen Familie eine vierköpfige Familie aus Aserbaidschan und seit Kurzem ein Paar aus dem Iran betreut, waren die Sprachlehrer besonders erfreut über das spontane Angebot einer jungen Frau, die das Sprachlehrer-Team, zu dem inzwischen auch Rüdiger Pigulla gehört, verstärken möchte.

Am leichtesten scheint die Integration den Kindern der drei jesidischen Familien zu fallen. „Die Kinder wollen lernen“, hat Hiltrud Schoppmann festgestellt. „In der Schule sind sie richtige Überflieger“, ergänzt Elisabeth Moss, die regelmäßig mit den Mädchen das Lesen übt und deren Mann Werner dafür gesorgt hat, dass alle Familien Fernsehgeräte haben, um über das Geschehen in der Heimat informiert zu sein. Mathe und Deutsch sind die Lieblingsfächer der achtjährigen Norjan. Ihre Schwester Norhat (7) mag am liebsten Deutsch. Und der gleichaltrige Sabir begeistert sich für Mathe, Deutsch und Sport. Überhaupt ist der Siebenjährige eine echte Sportskanone. In der U10 der DJK Milte spiele er in der Abwehr, erzählt er und präsentiert stolz sechs Medaillen. Norjan und Norhat tanzen in ihrer Freizeit im örtlichen Sportverein und verstärken außerdem den Milter Kinderchor. Auch bei Kindergeburtstagen im Dorf sind die drei Schulkinder gern gesehene Gäste.

Anschluss gefunden hat auch Elian, der mit seiner Mutter Haifaa bislang eine Spielgruppe in Warendorf besucht hat und nun in den Kindergarten geht.

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