„heim.weh“ im TaW-Dachtheater
Über das Verletzliche in der Terroristin

Warendorf -

Hauptdarstellerin Janine Quandt verletzte sich während der Aufführung an Glasscherben. Sie musste sogar zur ambulanten Behandlung ins Krankenhaus, ihre Schnittwunde nähen lassen. „Das ist wohl die intensivste Aufführung, die wir je hatten.“ So äußerte sich der Regisseur Thomas Nufer nach der Aufführung seines Theaterstückes „heim.weh“ am Donnerstag im Dachtheater. 40 Jahre „Deutscher Herbst“ ist in Erinnerung an die Geschehnisse im Jahre 1977 geschrieben und fand in deren Mittelpunkt das letzte Interview von Ulrike Meinhoft.

Samstag, 23.09.2017, 12:09 Uhr

Eine intensive Betrachtung der Persönlichkeit von Urike Meinhof erlebten die Gäste der Aufführung von „heim.weh“ im TaW-Dachtheater.
Eine intensive Betrachtung der Persönlichkeit von Urike Meinhof erlebten die Gäste der Aufführung von „heim.weh“ im TaW-Dachtheater. Foto: Axel Engels

„Das ist wohl die intensivste Aufführung, die wir je hatten.“ So äußerte sich der Regisseur Thomas Nufer nach der Aufführung seines Theaterstückes „heim.weh“ am Donnerstag im Dachtheater. 40 Jahre „Deutscher Herbst“ ist in Erinnerung an die Geschehnisse im Jahre 1977 geschrieben und fand in deren Mittelpunkt das letzte Interview von Ulrike Meinhoft. Ein Grund für seine Bemerkung: Hauptdarstellerin Janine Quandt verletzte sich während der Aufführung an Glasscherben. Sie musste sogar zur ambulanten Behandlung ins Krankenhaus, ihre Schnittwunde nähen lassen.

Corinna Bilde als Ulrike Meinhof , Janine Quandt als Irene Treber und Martin Schlakötter als Kellner ließen in diesem Stück eine Zeit wieder aufleben, die oftmals verdrängt, wohl nur unzureichend verarbeitet wurde. Dabei ging es um einen anderen Einblick in die Geschichte, sollte die Persönlichkeit von Ulrike Meinhof von einer ganz persönlichen Seite beleuchtet werden. Meinhof wurde als engagierte Journalistin bei ihrer Arbeit gezeigt, die sich mit der Situation der Heimkinder beschäftigt und dazu wurde ein Interview mit Irene Treber nachgezeichnet. In den Äußerungen von Ulrike Meinhof wurde deutlich, dass der Mensch hinter dem „offiziellen“ Bild wohl ganz anders, verletzlich und sicherlich vereinsamt war. Wie konnte es nur geschehen, dass eine aufstrebende begabte Journalistin ein Teil der bewaffneten Guerillagruppe wurde? Dass die Frau, die im Mai 1958 als Rednerin auf dem Münsteraner Hindenburgplatz (damals hieß er noch so) auftrat und die als christlich geprägte Humanistin und spätere Kommunistin in die Gewalt abdriftete?

Diese Fragen tauchten immer wieder beim Betrachten des Geschehens in dem imaginären Café auf, in der Ulrike Meinhof ihr letztes Interview machte. Die Spielweise der beiden Frauen war einfach so fesselnd, dass man Raum und Zeit vergessen konnte und ganz im Geschehen war. Janine Quandt, die als „wertloses“ Heimkind Irene Treber mit all deren emotionalen Ausbrüchen gezeigt wurde, spielte ihre Rolle so lebendig, dass sie sich sogar in einer Szene an den Scherben eines heruntergefallenen Glases verletzte. Daraufhin unterbrach Regisseur Thomas Nurfer die Aufführung. Die anwesende Anja Röhl, die Tochter der Journalistin Bruni Röhl und des „Konkret“-Herausgebers Klaus Rainer Röhl, der in zweiter Ehe mit Ulrike Meinhof verheiratet war, übernahm die Rolle. Sie hatte mit ihrem Buch „Dir Frau meines Vaters“ versucht, den Menschen in den Vordergrund zu stellen, der ihr seinerzeit so viel Geduld gegenüber aufbrachte. Dadurch erhielt die Aufführung von „heim.weh“ natürlich eine ganz andere Dimension. Denn Anja Röhl als Zeitzeugin war so authentisch, konnte sich unglaublich feinfühlig in die Situation des letzten Interviews hineinversetzen. Dies hatte dadurch nichts von der reißerischen „Baader-Meinhof-Komplex“-Verfilmung oder der Stigmatisierung von Ulrike Meinhof durch die damaligen Medien und Politik als „Anarchistische Gewalttäter“ zu tun. Bei „heim.weh“ spürte man ganz dramatisch die unterschiedlichen Welten zwischen der in bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsenen Ulrike Meinhof und der im Heim misshandelten Irene Treber.

„Puppe, der Unterschied liecht doch klar uff der Hand – ick jeh am echtn Leben kaputt und du an irjend ner Scheiß-Theorie.“ als Zitat von Irene Treber zeigte den Widerspruch deutlich auf.

Axel Engels

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