Zweiter Weltkrieg
Absturz in Neuwarendorf: Der Schicksalsflug von HK 539

Warendorf -

Im März 1944 stürzt in Neuwarendorf ein britischer Bomber ab. Die Besatzung kommt dabei ums Leben. Jetzt arbeitet die Nichte eines Besatzungsmitglieds, des Briten Cecil „Nat“ Nathanson, ihre Familiengeschichte auf und sucht (Neu-)Warendorfer, die etwas über den Absturz wissen.

Sonntag, 01.10.2017, 14:10 Uhr

Die Besatzung des britischen Lancaster-Bombers mit der Kennung HK539: (v.l.) Tommy Bint, Cecil „Nat“ Nathanson, der Kanadier Johnny Gibson, der Australier Stan Jones, Pilot Officer Fred Bladon und Charles Christie. Auf dem Bild fehlt Besatzungsmitglied Jimmy Watt, der das Foto vermutlich aufgenommen hat.
Die Besatzung des britischen Lancaster-Bombers mit der Kennung HK539: (v.l.) Tommy Bint, Cecil „Nat“ Nathanson, der Kanadier Johnny Gibson, der Australier Stan Jones, Pilot Officer Fred Bladon und Charles Christie. Auf dem Bild fehlt Besatzungsmitglied Jimmy Watt, der das Foto vermutlich aufgenommen hat. Foto: Tom Bint

Die Nacht vom 24. auf den 25. März 1944 ist in der britischen Militär-Geschichtsschreibung bekannt geworden als die „Nacht der starken Winde“. Damals wird es noch etwas mehr als ein Jahr dauern, bis das Deutsche Reich kapituliert und der Zweite Weltkrieg zu Ende ist. Noch werden die Kämpfe mit unverminderter Härte geführt. An Land, auf See – und in der Luft.

Die Briten und Amerikaner greifen mit ihren Bombern inzwischen rund um die Uhr Industriestandorte, Städte und Verkehrsknotenpunkte im Deutschen Reich an. Es gib eine Arbeitsteilung, die Amerikaner fliegen tagsüber, die Briten nachts. Tausende Flugzeuge, von der Jagdmaschine bis zum Bomber, starten jeden Tag von den Stützpunkten in England.

Der "Bomberstrom" greift Berlin an

Am Abend jenes 24. März 1944 ist darunter ein britischer Lancaster-Bomber mit der Kennung HK539. Er hebt um 18.41 Uhr von der Luftwaffenbasis im englischen Wickenby ab. An Bord sind sieben Besatzungsmitglieder: die Briten Tommy Bint, Fred Bladon, Chris Christie, Jimmy Watt und Cecil „Nat“ Nathanson. Außerdem der Kanadier Johnny Gibson und der Australier Stan Jones. Die schicksalhafte Geschichte der sieben Soldaten und ihrer Maschine wird mehr als 70 Jahre später von Carol Burns aus London aufgearbeitet. Die Britin ist die Nichte von Cecil „Nat“ Nathanson, dem Bombenschützen an Bord von HK539.

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Foto: Wikipedia

Mit einer Maschine dieses Typs, einer britischen Avro „Lancaster“, flog die Besatzung ihren Angriff auf Berlin, bevor sie über Neuwarendorf abgeschossen wurde.

Insgesamt starten an dem Abend im Frühjahr 1944 mehr als 800 alliierte Maschinen von den englischen Airfields, sie haben zusammen 2493 Tonnen Bomben an Bord. Das gemeinsame Ziel des „Bomberstroms“: Berlin. Die Stadt erlebt in dieser Nacht einen der schwersten Angriffe überhaupt – und die Briten eine ihrer größten Niederlagen. Denn durch die starken Winde wird der Bomber-Verband auf dem Rückweg vom Angriff weit auseinandergezogen, viele Flugzeuge kommen von ihrer geplanten Route ab. Die deutsche Flak erzielt zahlreiche Abschüsse, vor allem, weil einige britische Flugzeuge so weit abgetrieben werden, dass sie in den Flugabwehr-Gürtel des schwer gesicherten Ruhrgebiets geraten.

Gefahr vom Boden und aus der Luft

Doch die Gefahr vom Boden ist nicht die einzige für die Bomber-Besatzungen. Vom Luftwaffen-Flugfeld in Gütersloh hebt in dieser Nacht der deutsche Major Heinz-Wolfgang Schnaufer mit seiner Messerschmitt Bf 110 ab. Der Kommodore des Nachtjagdgeschwaders 4 ist der erfolgreichste Nachtjäger-Pilot in der Geschichte der Luftwaffe, bis zum Kriegsende wird er auf 164 Feindflügen mehr als 121 Flugzeuge abschießen. Gerade erst im Februar hat er in nur 17 Minuten neun britische Lancaster-Bomber vom Himmel geholt. Unter den britischen Piloten ist Schnaufer berühmt und berüchtigt, an seinem Geburtstag im Jahr 1945 überträgt die BBC extra für ihn das Musikstück „Das Nachtgespenst“.

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Foto: Wikipedia

Das Heckruder der Maschine von Major Heinz-Wolfgang Schnaufer befindet sich heute im „Imperial War Museum“ in London. Darauf ist auch der Abschuss über Neuwarendorf am 24./25. März 1944 markiert.

Schnaufer kreist über dem Münsterland. Er will den britischen Bombern den Weg zurück nach England abschneiden. Im Laufe dieses einen Einsatzes wird er drei weitere Abschussmarkierungen für das Heckruder seines Flugzeugs erringen – eine davon für HK539. Wo und wie Schnaufer den Bomber genau abschießt, steht bis heute nicht fest. Klar ist nur, dass Schnaufer die britische Maschine angreift und sie um 0.21 Uhr in Neuwarendorf abstürzt. 100 Meter nördlich des Hofes Altenau, so steht es in den Akten. An Bord überlebt niemand.

Recherchen in ganz Europa

Carol Burns will ihre Familiengeschichte aufschreiben, sie reist durch Europa. Ihr Vater hat als britischer Soldat die Schlacht um Monte Cassino überlebt, ihr Onkel Sydney war Pilot, wurde abgeschossen und kam in ein deutsches Kriegsgefangenenlager. Aber er überlebte. Anders als sein Bruder Cecil. Der Flight Sergeant war zum Zeitpunkt des Absturzes in Neuwarendorf 24 Jahre alt, er war an Bord derjenige, der vorne in der gläsernen Nase der Maschine lag und das Zielgerät für den Bombenabwurf bediente. Erst eineinhalb Jahre zuvor hatte er seine Spezialausbildung in Carberry in Kanada begonnen. Nach seiner Rückkehr nach England wurde er Teil der Crew von HK539.

Wie in jeder Familie gibt es auch in Carols eine Erzählung, was damals in Neuwarendorf geschehen ist. „Ich erinnere mich, dass immer gesagt wurde, Cecils Fallschirm habe in der Nähe der Absturzstelle über einem Zaun gehangen und im Wind geflattert“, erzählt Carol. „Sein Leichnam und die der anderen Crewmitglieder seien von Nonnen gefunden worden. Sie hätten die toten Körper geborgen und gewaschen, anschließend seien die Leichname auf dem Bauernfriedhof beigesetzt worden“, sagt sie.

Beigesetzt von Nonnen?

Über die Beisetzung gibt es keinen Zweifel. Auf dem nördlichen Teil des Warendorfer Friedhofs, dem einstigen Bauernfriedhof, sind die Gräber heute noch zu erkennen. Zwar sind sie zwischenzeitlich eingeebnet worden, denn die Leichname wurden in den 1950er-Jahren auf den britischen Ehrenfriedhof im Reichswald bei Kleve überführt. Doch wo die britische Besatzung zunächst bestattet war, geht aus den Akten eindeutig hervor.

Es gibt in den Unterlagen jedoch keinen Hinweis darauf, was zwischen dem Absturz der Maschine und der Beisetzung der getöteten Besatzung geschehen ist. In den bischöflichen Archiven findet sich kein Hinweis, dass tatsächlich Nonnen an der Bergung der Leichen beteiligt waren. Auch in der Historie des Krankenhauses, das zu dem Zeitpunkt noch in der Innenstadt war und in dem damals zahlreiche Nonnen Dienst versahen, gibt es keine Anhaltspunkte. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass es ein Feldlazarett gab, in dem Nonnen gearbeitet haben.

Carol Burns wird im Herbst nach Deutschland kommen. Ihr Besuch führt sie zunächst nach Schlesien und anschließend in die Nähe von Berlin. Dort befanden sich die Kriegsgefangenenlager, in denen ihr Onkel Sydney interniert war. Anschließend wird sie nach Warendorf reisen. Ein Besuch der Absturzstelle in Neuwarendorf ist ebenso geplant wie auf dem Friedhof. „Ich möchte, wenn möglich, nicht nur den Ort sehen, an dem mein Onkel ums Leben gekommen ist, sondern auch mehr darüber herausfinden, was damals wirklich passiert ist“, sagt Carol.

(Zeit-)Zeugen gesucht

Die Westfälischen Nachrichten möchten Carol Burns bei der Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte unterstützen. Wir suchen daher Menschen, die etwas über den Absturz in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1944 in Neuwarendorf wissen oder die damals vielleicht sogar persönlich etwas mitbekommen haben. Die Redaktion ist erreichbar unter 0 25 81/ 93 48 60, per Email an redaktion.war@wn.de oder per Post: Krückemühle 11, 48231 Warendorf.

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