Ein Angebot auf freiwilliger Basis
Druck aus dem Kessel nehmen

Warendorf -

Das Klinische Ethik-Komitee im Warendorfer Josephs-Hospital zählt 16 Mitglieder. Sie leisten im Ernstfall Unterstützung und Stärkung, wenn es ethische Fragen für schwer kranke Patienten geht.

Donnerstag, 11.01.2018, 10:01 Uhr

Diese OP-Situation ist nur simuliert.  Doch grundsätzlich stellen sich in einem Klinik-Alltag nicht nur den behandelnden Ärzten sehr häufig viele ethische Fragen.
Diese OP-Situation ist nur simuliert.  Doch grundsätzlich stellen sich in einem Klinik-Alltag nicht nur den behandelnden Ärzten sehr häufig viele ethische Fragen. Foto: Bettina Laerbusch

In diesem Gespräch wandert der Blick von Walburga Micke immer mal wieder weit hinaus aus dem kleinen Büroraum im Warendorfer Josephs-Hospital durch das Fenster hindurch in die Weite der Landschaft im Warendorfer Norden. „Wie kann ich das deutlich machen?“ formuliert sie ein ums andere Mal ihre Gedanken. Und damit signalisiert sie: Es geht um inhaltlich schwere Kost – ein schmaler Pfad. Das ist zweifellos jeder Einzelfall, wenn es darum geht, über das Ob und Wie des Weiter-Lebens eines sehr kranken Patienten zu beraten. Aber genau auf diesem schmalen Pfad gibt es aber auch Räume, die Bewegung zulassen und sogar Seitenpfade, um bei dem Bild zu bleiben.

Genau dieser Problematik mit ihrer Vielfalt der Handlungsmöglichkeiten stellt sich nicht nur Walburga Micke, sondern das tun 16 Mitglieder, die das Klinische Ethik-Komitee (KEK) des Josephs-Hospitals umfasst. Die Definition der Aufgaben dieses Ethik-Komitees, das sich aus Mitgliedern verschiedener im Josephs-Hospital tätigen Berufsgruppen zusammensetzt, klingt auf den ersten Blick nüchtern. Das KEK bietet bei Bedarf eine ethische Einzelfallberatung, es entwickelt Leitlinien zu regelmäßig wiederkehrenden Fragestellungen und organisiert Fortbildungen.

Der zweite Blick geht in die Tiefe – auf tatsächliche Einzelfälle: Ein betagter Patient kann nicht mehr selber essen, aber er verschließt den Mund, wenn er das Essen angereicht bekommt. Was ist zu tun?

Was ist, wenn ein Patient ausdrücklich verfügt hat, dass er nicht beatmet werden möchte? Er erleidet einen Atemstillstand. Dennoch reanimiert ihn in der Verzweiflung eine Angehörige und der Patient kommt beatmet auf die Intensivstation. Was tun?

Walburga Micke zögert an dieser Stelle nicht: „Wir müssen uns zum einem jeden Tag neu fragen, ob ein Patient eine Therapie noch will und zum anderen ob die begonnene Therapie ihm noch gut tut.“ Ganz wichtig sei in eben dieser Situation auch für die Angehörigen, den „Druck aus dem Kessel“ zu nehmen und sich Zeit für gut durchdachte Entscheidungen zu verschaffen. Dafür muss der Patient sich allerdings medizinisch in einer stabilen Situation befinden und gut symptomkontrolliert sein, also nicht an Schmerzen, Atemnot oder anderen Übeln leiden.

„Wir müssen schauen, was würde dieser Mensch in dieser Situation für sich wollen“, formuliert es Walburga Micke. In einer solchen Situation haben Patienten, wenn sie noch dazu in der Lage sind, aber auch Angehörige, Ärzte, Pflegepersonal und andere Mitarbeiter im Josephs Hospital die Möglichkeit, das Ethik-Komitee mit einzubeziehen. Dabei geht es zielführend darum, eine gut begründete Entscheidung im Sinne des Patienten zu finden, die auch von möglichst allen Beteiligten getragen werden kann. Oftmals reicht dazu ein Erstgespräch in Form eines Einzelgespräches aus. Aber auch eine erweiterte Fallbesprechung mit zwei geschulten Moderatoren aus dem Ethik-Komitee ist möglich. Micke macht klar: „Wir versuchen die Angehörigen und das Behandlungsteam im Entscheidungsprozess zu unterstützen und zu stärken durch das Finden eines gemeinsamen Votums. Dies wird schriftlich niedergelegt. Wichtig ist, dass dies nur eine Empfehlung ist, die Entscheidung bleibt bei dem Stellvertreter des Patienten.“ „Eigentlich habe ich das Ergebnis der Beratungen schon vorher innerlich gewusst, die Fallberatung hat mich jetzt darin bestätigt“, diese stellvertretende Aussage einer Angehörigen hören die Vertreter des Ethik-Komitees oft von Ratsuchenden. Im Rahmen der Beratung durch das Ethik-Komitee wird nüchtern analysiert: Welche Handlungsoptionen gibt es? Welchen Nutzen, welche Nebenwirkungen haben sie? Welche Nachhaltigkeit versprechen diese Optionen? Gerechtigkeit, Autonomie und Würde im Hinblick auf den Patienten bekommen in diesem Rahmen eine ganz besondere Stellung. Die Entscheidung ist im Sinne des Patienten zu treffen, auch wenn das im Einzelfall heißen kann, dass man den Dingen ihren Lauf lassen muss. „Eine Beatmung abzustellen ist natürlich zunächst schwieriger als sie gar nicht erst zu beginnen, kann aber im Sinne des Patienten letztlich auch mal geboten sein“, kommentiert Walburga Micke und stellt aber auch dazu klar: „Ein Patient oder sein Stellvertreter darf nichts einfordern, was medizinisch aus fachlicher Sicht nicht korrekt ist.“

Letztlich sei das Ethik-Komitee eine Service-Leistung, die ein Krankenhaus bieten sollte, obwohl diese Leistungen leider nicht über die Krankenversicherung abrechenbar sind. Bezahlt werden die Ethik-Arbeit und die Fortbildungen aus einem krankenhauseigenen Topf. Eine Investition, die sich aber nach Mickes Meinung auszahlt, denn Patienten, Angehörige ,Mitarbeiter und Ärzte profitieren davon. Letztlich aber bleibe es ein freiwilliges Angebot und so sagt Micke:

„Der Patient bleibt selbstbestimmt bis zum letzten Atemzug.“

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5415186?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F35766%2F
Stadtverwaltung muss nachsitzen
196,83 zusätzliche Stellen hat die Verwaltung für 2019 von der Politik gefordert. 
Nachrichten-Ticker