Organtransplantation
Ein unfassbares Geschenk

Milte -

Vor neun Jahren wurde Dr. Carl Möller eine Niere transplantiert. Über das Leben davor und das danach berichtet er im Gespräch mit den WN.

Dienstag, 02.10.2018, 10:28 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 02.10.2018, 10:28 Uhr
Hat wieder gut lachen: Dank des Spenderorgans hat Dr. Carl Möller Lebenskraft zurückgewonnen.
Hat wieder gut lachen: Dank des Spenderorgans hat Dr. Carl Möller Lebenskraft zurückgewonnen. Foto: Joke Brocker

Genetisch bedingte Zystennieren. Als der Nephrologe bei ihm vor etwa zehn Jahren diese lebensbedrohliche Erbkrankheit diagnostizierte und prognostizierte, dass er spätestens mit Ende 70 ein Fall für die Dialyse sein werde, war das für Dr. Carl Möller ein „traumatischer Schock“.

Der Theologe und Psychoanalytiker steckte damals mitten in den Vorbereitungen eines gewaltigen Projektes: Als Begründer eines Initiativkreises, aus dem später der Verein zur Förderung des Klosters Vinnenberg hervorging, hatte er sich der Mammutaufgabe gestellt, das 750 Jahre alte Klostergemäuer zu einem Ort der Spiritualität und kontemplativen Ruhe umzubauen. Gleichsam als Einzelkämpfer. Nun drohte die Krankheit, unter der schon die Mutter und zwei Tanten des damals 56-Jährigen litten, all diese Pläne zunichte zu machen. Zu allem Überfluss nahm sie, anders als vom Arzt vorausgesagt, einen rasanten Verlauf. Plötzlich setzte eine beschleunigte Zystenbildung ein. Möller litt unter erhöhtem Blutdruck und Kurzatmigkeit. Jede Treppe geriet für den Schwerkranken zu einer Herausforderung. Dem Freundeskreis blieb das nicht verborgen.

Weihnachten 2008 erreichte Möller der Brief einer guten Bekannten. Sie schrieb, wie sehr ihr und ihrer Familie der Wiederaufbau des Klosters am Herzen liege, der durch Spenden finanziert werden sollte. Geld könne sie nicht spenden, wohl aber eine Niere, damit der Freund den Wiederaufbau des Klosters vorantreiben könne. Die notwendigen Voruntersuchungen habe sie bereits gemacht „Ich habe wohl eine Stunde lang geheult. Ich war völlig durcheinander“, erinnert sich Möller. „Das zeugte von einer ungeheuren Zuneigung. Was für ein unfassbares Geschenk!“ Intensive Gespräche, die Möller mit Psychologen-Kollegen, aber auch mit der potenziellen Spenderin führte, gaben schließlich den Ausschlag, das überaus großherzige Angebot anzunehmen. „Auch, um das Projekt in Vinnenberg zur Vollendung bringen zu können“, wie Möller sagt.

Ein Nephrologieprofessor beriet Spenderin wie Empfänger, zeigte ihnen alle Risiken auf. „Es sind existenzielle Risiken“, weiß der Geistliche, der sich persönlich auf die Suche nach einer Klinik machte, zu deren Ärzten er Vertrauen aufbauen konnte. Die Wahl fiel schließlich auf eine Klinik in Bochum: „Dort hatte ich ein gutes Gefühl.“ Auch in Herne, wo er 14 Tage lang auf die Operation vorbereitet wurde – weil die Spenderin eine andere Blutgruppe hat, mussten die Antikörper in einem aufwendigen Verfahren aus seinem Blut gefiltert werden und ihre Neubildung mit Hilfe von Medikamenten unterbunden werden – habe er sich bestens aufgehoben gefühlt. Allerdings hatte der Patient auch viel Zeit zum Grübeln. Die Spenderin, weiß er, hatte weniger Angst. „Sie hat von Anfang an eine große innerliche Entschlossenheit gezeigt. Aber der Empfänger ist in einer anderen Position. Ich sagte mir, ich tue, was ich kann. Und ich war auf alles vorbereitet. Ich hatte mein Testament gemacht, die Patientenverfügung, sogar Tod und Beerdigung vorbereitet. Da gab es keine Tabus. Aber ich hatte auch ein klares Ziel. Bei Familien geht es darum, sein Leben für die Kinder oder für den Ehepartner zu erhalten. Es geht um existenzielle Dinge. Bei mir war es das Kloster Vinnenberg. Ich wollte das Begonnene vollenden.“ Natürlich habe er in dieser Situation auch in seinem Glauben Halt gefunden. Geholfen habe aber auch der Zuspruch guter Freunde und der Familie der Spenderin. Deren Nichten und Neffen sprächen bisweilen augenzwinkernd von ihrem „Organ-Onkel“.

An den Tag der Operation, den 27. Mai 2009, hat Carl Möller nicht viele Erinnerungen. Die OP meint er, habe wohl sechs Stunden gedauert. Danach habe er sich in einem Aufwachraum, später in einem kleinen Zimmer mit angeschlossenem Intensivbereich befunden. Dass alle um ihn herum so behutsam und zugewandt waren, habe ihm gut getan. Und dass am Abend sogar der Oberarzt aus Herne vorbeischaute und sich über gute Ergebnisse freute. Nein, von Pflegenotstand sei damals nichts zu spüren gewesen.

Natürlich, erzählt Möller, sei er nach der Operation geschwächt gewesen: „Ich musste wieder laufen lernen. „Gleichwohl sei er „richtig glücklich“ gewesen, wieder eine Lebensperspektive zu haben. Und er habe die Erkenntnisse der Wissenschaft und Medizin zu schätzen gelernt. Umso betroffener machen ihn daher die Berichte über Organtransplantationsskandale, die der allgemeinen Bereitschaft zur Organspende gewiss nicht förderlich sind. „Wir sollten uns auf die vielen hervorragenden Ärzte, die es gibt, konzentrieren“, findet Möller, der die Widerspruchslösung, von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vor dem Hintergrund der erneut auf einen Tiefstwert gefallenen Zahl der Organspenden ins Gespräch gebracht, nicht kommentieren möchte.

Er halte das Modell des mündigen Patienten für wesentlich, „um sich Vertrauen zu erarbeiten und zu bekommen.“ „Ich setze stark auf Aufklärung, auf eine große Offenheit im Umgang mit dieser Art von Erkrankungen, um selber entscheiden zu können.“ Christlich orientierte Krankenhäuser wären nach Ansicht des Theologen gut beraten, „eine Ethik aufzubauen, auf die man vertrauen kann.“ Nur wenn man sich als konfessionelles Krankenhaus in Bereichen, in denen Ethik eine große Rolle spielt, klar positioniere – und kontrollieren lasse – gewinne man Vertrauen zurück: „Dann bekommt auch die Frage nach der Spendenbereitschaft eine andere Relevanz.“

Dass er trotz Spenderniere nie mehr richtig gesund wird, ist dem 66-Jährigen bewusst. Obwohl er sich weitaus gesünder fühlt als vor der Transplantation, muss Möller alle vier Wochen Kontrolltermine beim Nephrologen wahrnehmen und bis an sein Lebensende Immunsuppressiva schlucken, die die Abstoßung des Spenderorgans unterdrücken sollen, aber auch starke Nebenwirkungen haben.

„Diese Verantwortung für meinen Körper und die gesunde Niere“, sagt er, „übernehme ich gerne. Ich habe gelernt, mit der Krankheit zu leben, sie zu akzeptieren und in mein Leben zu integrieren.“

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