Interview mit Purple Schulz
„Meine Sehnsucht nach der Wahrheit ist geblieben“

Warendorf -

Alles begann mit einem Auftritt von Wolf Maahn im Theater am Wall. Die WN-Kritik geriet irgendwie in die Hände von Purple Schulz. Und dem gefiel auch der Auftrittsort besonders gut für sein neues Programm. Das Happy End der Geschichte: Purple Schulz tritt am 3. November im Theater am Wall auf. WN-Mitarbeiter Peter Sauer hatte Gelegenheit, ihn vorab zu interviewen.

Sonntag, 28.10.2018, 15:08 Uhr aktualisiert: 29.10.2018, 15:14 Uhr
Der Musiker Purple Schulz (62) ist am 3. November mit seinem neuen Programm im Theater am Wall zu erleben. Bekannt wurde er einst mit Songs wie „Verliebte Jungs“, „Sehnsucht“ oder „Kleine Seen“.
Der Musiker Purple Schulz (62) ist am 3. November mit seinem neuen Programm im Theater am Wall zu erleben. Bekannt wurde er einst mit Songs wie „Verliebte Jungs“, „Sehnsucht“ oder „Kleine Seen“.

1984 auf dem Höhepunkt der NDW veröffentlichten Sie mit „Sehnsucht“ und dem Aufschrei „Ich will raus“ einen Pop-Klassiker mit Singer-Songwriter-Qualität. 23 Wochen in den deutschen Charts bis auf Platz 6 und die „ Goldene Europa “. War das auch ein Türöffner?

Purple Schulz : Auf jeden Fall. Und gut daran war, dass „Sehnsucht“ ein absolut ungewöhnlicher Song für die Charts war und er in all den Jahren für mich nichts an seiner Magie verloren hat. Für mich ist dieser Song heute noch immer ein Höhepunkt im Programm.

Wie hat sich Ihre „Sehnsucht“ in den vergangenen knapp 35 Jahren verändert?

Purple Schulz: Ich hatte mehrere Sehnsüchte. Zum einen die Sehnsucht nach Familie, Geborgenheit und Solidarität, zum anderen aber auch immer eine Sehnsucht nach Wahrheit. Wir Kinder der Fünfziger und Sechziger hatten immer ein Problem mit unseren Vätern, weil in deren Biografie die Zeit des Faschismus oft tabuisiert war. Diese Männer sprachen einfach nicht über das, was sie in dieser Zeit erlebt hatten. Meine Sehnsucht nach Familie und Geborgenheit hat sich erfüllt: ich habe eine wunderbare Frau, drei Kinder und vier Enkel. Meine Sehnsucht nach der Wahrheit hingegen ist geblieben und der Motor, der mich antreibt, weiter Songs zu schreiben.

Ende 2015 erschien Ihr Buch „Sehnsucht bleibt“. Worum geht es darin?

Purple Schulz: Ich versuche in meinem Buch der Frage nachzugehen, was 60 Jahre Deutschland mit mir gemacht haben. Und was ich in diesen 60 Jahren mit Deutschland gemacht habe. Es ist voller erstaunlicher, erschütternder, lustiger und manchmal auch todtrauriger Geschichten, die alle tatsächlich passiert sind. Und was mir wichtig war: ich stelle dort einige meiner wichtigsten Songtexte in ihren historischen Kontext. Und das sind nicht unbedingt die, die jeder aus dem Radio kennt (lacht).

Mit „Verliebte Jungs“ und „Kleine Seen“ schufen Sie Evergreens, die auch heute noch im Radio laufen. Wie erklären sie sich den zeitlosen Erfolg dieser beiden Songs?

Purple Schulz: Ich denke, dass sie immer am wenigsten polarisiert haben. Wobei man das von „Verliebte Jungs“ vor dem Hintergrund der MeToo-Debatte heute nicht mehr sagen kann (lacht).

Würden die Tantiemen der alten Hits eigentlich zum Überleben reichen?

Purple Schulz: Heute kann kein Künstler mehr von Tantiemen leben. Darum sind wir Künstler auch ständig unterwegs. Ich gebe heute mehr Konzerte im Jahr als in den Achtzigern. Und das ist genau das, was ich will. Ich brauche den Kontakt zum Publikum. Charts interessieren mich nicht, und wenn man sich die aktuellen Charts ansieht, ist das mit Sicherheit nicht das Umfeld, in dem ich mich sehen möchte.

Spielen Sie auf der aktuellen Tour mehr diese alten oder eher neue Lieder?

Purple Schulz: Natürlich sind einige Hits auch Teil meines Programms, ich muss mich derer ja auch nicht schämen. Aber der Schwerpunkt liegt auf den neuen Songs, denn die sind mir wichtig. Und da ist meine Erfahrung in den letzten Jahren, dass mein Publikum die Geschichten meiner neuen Songs aufsaugt wie ein Schwamm und völlig erstaunt ist über das, was sie während meines Konzerts erleben.

Was kann Musik auch 2018 bewirken?

Purple Schulz: Musik kann vieles bewirken, wie ich das jeden Abend in meinen Konzerten erlebe. Sie kann neue Perspektiven öffnen, Tabuthemen in die Diskussion bringen. Und sie kann Anstöße geben, über festgefahrene Meinungen noch einmal nachzudenken. Ich kann es ermöglichen, Tränen fließen zu lassen, die längst mal hätten geweint werden müssen. Und ich kann Menschen zum Lachen bringen, was das größte Geschenk ist.

Ihr neues Album heißt „Der Sing des Lebens“ und beinhaltet neben neuen Songs auch ein Update von „Sehnsucht“. Warum?

Purple Schulz: Ich wollte den Song ins neue Jahrtausend retten, weil die Produktion doch sehr in den Achtzigern verhaftet ist. Ich wollte dem Text gerecht werden, denn er ist nach wie vor hochaktuell.

Ein Qualitätsmerkmal Ihrer neuen Songs ist der konkrete aktuelle Kontext zum gesellschaftlichen Alltag in Deutschland. In „Das ist die Zeit“ nehmen Sie Bezug auf den Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin am 19. Dezember 2016. Warum?

Purple Schulz: Weil Kunst und Musik immer auch die Zeit reflektieren, in der sie entstehen. Der Text ist tatsächlich am Tag des Attentats geschrieben worden. Uns ging es um die Frage, wie wir als Gesellschaft mit diesem Terror umgehen. Lassen wir es zu, dass nationalistische Kräfte in diesem Land ihn für ihre Zwecke instrumentalisieren? Oder wollen wir eine Gesellschaft und eine Politik, die für unsere Werte, wie sie im Grundgesetz verankert sind, einsteht? Dazu brauchen wir den ständigen Dialog. In unserer heute so zerrissenen Gesellschaft ist es im Moment aber alles andere als einfach, vernünftig miteinander zu reden.

Warum widmen Sie den Song „Du bist da“ allen Rettungssanitätern?

Purple Schulz: Der Song ist für diejenigen, die unsere Gesellschaft zusammenhalten und dafür alles andere als gerecht entlohnt werden: Hospizmitarbeiter, Hebammen, Pflegekräfte, Grundschullehrerinnen, Erzieherinnen und, und, und. Unser Land würde kollabieren, wenn sie ihre Arbeit niederlegten. Mir ging es um eine Würdigung dieser Menschen, die ihren Job mit dem Herzen machen und dabei täglich die Versäumnisse der Politik ausbaden müssen.

Sie sind jetzt 62 Jahre jung und Mitglied im Kuratorium der Deutschen Alzheimer Stiftung. Warum ist Ihnen dieses Engagement wichtig?

Purple Schulz: Seit ich erlebt habe, wie sich mein Vater mit seiner Demenz schon vor seinem Tod von uns verabschiedet hatte, ist mir das ein großes Bedürfnis gewesen. Das Video zu meinem Song „Fragezeichen“ wird heute Angehörigen gezeigt, um sie dafür zu sensibilisieren, was in den von Demenz und Alzheimer Betroffenen vor sich geht. Und auch Pflegeschülerinnen dient es als Schulungsmaterial. Kongresse werden auch mit diesem Video eröffnet. Das macht uns glücklich, denn genau das wollten wir: mit einem Song etwas in Bewegung bringen. Denn damals war das ein Thema, über das kaum gesprochen wurde.

Seit 32 Jahren steht Ihre Frau Eri an Ihrer Seite, nicht nur als Managerin, sondern sie schreibt auch mit Ihnen die Texte. Ein ungewöhnliche Allianz im Popbusiness. Wie haben Sie ihre Frau kennengelernt?

Purple Schulz: Das war 1986 nach einem Konzert in der Frankfurter Batschkapp. Ich hab gewusst: Da sitzt mein Sechser im Lotto, und dann hab ich einfach nicht lockergelassen (lacht).

Ihre aktuelle Tour haben Sie in einer psychiatrischen Einrichtung begonnen. Warum?

Purple Schulz: Ich beginne jedes Jahr meine Tournee am Aschermittwoch in der Psychiatrie in Köln-Merheim. Weil die Zahl der Bekloppten dort so herrlich überschaubar ist, im Gegensatz zu draußen.

Am 3. November führt Sie Ihre Tour nach Warendorf. Haben Sie zuvor schon mal von Warendorf gehört, oder es schon mal besucht?

Purple Schulz: Mein Herausgeber sitzt in Münster. Und als einer, der zu Hause von Pferden umgeben ist, ist mir Warendorf natürlich ein Begriff.

Wie kam es eigentlich zum Warendorfer Gig?

Purple Schulz: Meine Frau hatte Anfang des Jahres eine Besprechung von Wolf Maahns Konzert im Theater am Wall gelesen. Wir haben uns daraufhin das Theater angeschaut und gleich darin verliebt. Es sind immer besondere Locations, die wir uns für unsere Konzerte aussuchen. Darunter sind neben schönen Theatern auch Kinos, Kirchen, Bergwerke und einmal auch ein Friedhof mit fast 2000 Zuschauern. Das war natürlich ein sehr bewegender Abend. Ich liebe es, wenn ein Spielort schon einen gewissen „Spirit“ hat, denn das erleichtert es mir, wenn ich mein Publikum mitnehme auf diese Reise durchs Leben, wie es wirklich ist.

Was mich noch interessiert: Geboren wurden Sie als Rüdiger Schulz am 25. September 1956 in Köln. Warum heißen Sie heute Purple Schulz?

Purple Schulz: Ich bekam den Spitznamen von den Verkäufern in einem Kölner Orgelgeschäft. Als 13-Jähriger ging ich denen fast täglich auf den Wecker, weil ich mich dort immer an die dickste Hammondorgel gesetzt und „Child in Time“ von Deep Purple gespielt habe. Seit dieser Zeit trage ich diesen Spitznamen und jeder nennt mich so.

Wie sehr prägt Deep Purple Ihr eigenes musikalisches Wirken?

Purple Schulz: Überhaupt nicht. Ich habe keine einzige CD von Deep Purple (lacht).

Was sind mit 62 noch Ihre Wünsche und Träume an das Leben und die Welt?

Purple Schulz: Ich bin erst mal total glücklich, dass ich immer noch auf der Bühne stehe, was ich meinem Schatz zu verdanken habe. Und mein Wunsch ist, dass ich mit ihr noch viele Songs schreibe und auf die Bühne bringe. So anstrengend das Tourleben manchmal sein kann, ist es doch für mich der schönste Beruf der Welt, weil mir das Publikum sofort zeigt, was es empfindet. Manchmal ist es sogar so, dass es vor lauter Ergriffenheit den Applaus vergisst. Dieser kurze Moment der Stille hat etwas Magisches. Dann weiß ich, dass ich ins Herz getroffen habe.

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