Die Ära der Kultkneipe geht zu Ende
„Ralle“ und sein Ed‘s nehmen Abschied

Warendorf -

Ralf Friedrich ist eigentlich kein besonders sentimentaler Typ. Und doch wird „Ralle“, wie er überall genannt wird, in diesen Tagen wohl die ein oder andere Träne verdrücken. Der Kneipier muss sich zum 31. Dezember von seinem Mr. Ed‘s verabschieden.

Mittwoch, 26.12.2018, 18:00 Uhr
Bald gehen im Mr. Ed‘s, einer der beliebtesten Kneipen, die Lichter faus.
Ralf "Ralle" Friedrich ist eine Warendorfer Kultfigur. Zum 31. Dezember muss der 52-jährige Kneipier sich von seinem Ed's verabschieden. Foto: Jonas Wiening

Es war der 28. August dieses Jahres als das Aus besiegelt wurde. Über zwei Jahre haben Ralf „ Ralle “ Friedrich und man kann sagen, fast ganz Warendorf, für die Kultkneipe gekämpft – und am Ende doch verloren. Nachbarn hatten sich über den anhaltenden nächtlichen Lärm beschwert, zogen vor Gericht und bekamen - zumindest in Teilen – Recht. Das Ed‘s hätte diverse Auflagen wie frühe Schlusszeiten auferlegt bekommen. Nicht machbar. So war für Ralf Friedrich mit diesem Gerichtsentscheid sofort klar, dass er dicht machen muss.

Groll auf die Stadtverwaltung

Ralle ist kein Typ der lange trauert, der sich, zu Hause einschließt oder oft sentimental wird. Trotzdem wird er wehmütig, wenn er an das alles denkt. Schließlich arbeitet er seit 2011 im Mr. Ed‘s, seit 2014 als „Chef“. Und doch schwingt auch viel Wut mit, wenn er jetzt an das alles denkt. Wut auf die Nachbarn, klar. Aber auch auf die Verwaltung. Baudirektor Peter Pesch habe ihm, auch in privaten Gesprächen, viel Hoffnung gemacht, dass eine erforderliche bauliche Nutzungsänderung, bewilligt wird. Das sei aber nicht passiert. „Und ich habe bis heute immer noch keine offizielle Rückmeldung“, ist Ralle wütend. Auch auf Bürgermeister Axel Linke ist der 52-Jährige Kneipier nicht gut zu sprechen.

„Der hat das werbetechnisch versucht, für sich zu nutzen und sich immer ins Bild gedrängt, wenn es darum ging, wer für den Erhalt des Mr. Ed‘s ist.“ Getan habe der Bürgermeister aber nichts. „Es ist nie zum persönlichen Gespräch gekommen. Und zu meinem Antrag beim Bauamt hieß es immer, er würde sich zu laufenden Verfahren nicht äußern“, sagt Ralf Friedrich, der die Stadt als „feige“ bezeichnet. Eigentlich möchte er darüber auch nicht mehr reden, aber: „Es sollen ruhig alle wissen, wie mich die Stadt hängen gelassen hat!“

Ralf „Ralle“ Friedrich und sein Mr. Ed‘s

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  • Ralf „Ralle“ Friedrich – eine Warendorfer Kultfigur.

    Foto: privat
  • Vermieter Alfons Buddenkotte hat dem besiegelten Aus des Ed‘s aus Protest die Fassade „vernageln“ lassen. Noch steht immer nicht fest, was mit der Immobilie nach dem 1. Januar 2019 passiert.

    Foto: Jonas Wiening
  • R.I.P Mr. Eds. Dieser Grabstein und die vielen Fotos in der Kultkneipe zeigen die Trauer der Menschen.

    Foto: Jonas Wiening
  • Vor 2014 war das Mr. Ed‘s noch auf der anderen Straßenseite, dort wo jetzt die „Alte Frieda“ beheimatet ist, angesiedelt.

    Foto: Vornhusen
  • Karneval war auch im Ed‘s immer ein großes Ding.

    Foto: privat
  • Das Mr. Ed‘s galt als „die letzte Tankstelle vor dem Heimweg“.

    Foto: Edler
  • Vor wenigen Wochen ist versucht worden ins Mr. Ed‘s einzubrechen.

    Foto: Verschiedene
  • „Die Chefs der Warendorfer Glasfirma sind auch Kunden des Ed‘s. Die haben mir direkt eine neue Scheibe eingebaut. Das war super“, freut sich Ralle.

    Foto: Verschiedene
  • Seit 1992 ist Ralle Gastronom mit Leib und Seele.

    Foto: privat
  • Bürgermeister Axel Linke nahm hier eine Liste mit über 1000 Unterschriften für die Kultkneipe von Mit-Initiator Christian Havelt entgegen. Gebracht hat es nichts. Ralle ist nicht gut zu sprechen auf Bürgermeister Axel Linke, Baudirektor Peter Pesch und die Stadtverwaltung.

    Foto: Michèle Waßmann
  • Das Ed‘s wird (fast) allen Warendorfern fehlen.

    Foto: Jonas Wiening
  • Bis zum 31. Dezember zapfen Ralle und sein Team noch. Danach ist Schluss.

    Foto: Jonas Wiening
  • Ralf Friedrich hat schon seit einiger Zeit einen neuen Job als Disponent bei einem Personaldienstleister in Beckum.

    Foto: Jonas Wiening
  • Viel Live-Musik – ein Markenzeichen der Kultkneipe.

    Foto: Marion Bulla
  • In Warendorf kennt eigentlich jeder Ralle.

    Foto: privat
  • Die Küche im Ed‘s ist der Raucher- und Partyraum.

    Foto: privat
  • Ralle will trotz seiner neuen Arbeit in Beckum, Warendorf treu bleiben und weiter in der Emsstadt wohnen.

    Foto: privat
  • Dieses Schild verbinden viele sofort mit dem Ed‘s.

    Foto: Jonas Wiening
  • Ralle und „seine“ Frauen: Die Ed‘s-Mitarbeiterin lieben ihren Chef!

    Foto: privat
  • Bald wird wohl der Schriftzug verschwinden....

    Foto: Jörg Pastoor
  • ...und die Lichter der Kultkneipe gehen endgültig aus.

    Foto: Jörg Pastoor

Viel Unterstützung für Ralle

Hängen gelassen wurde Ralle von seinen vielen Gästen und den anderen Bürgern der Stadt definitiv nicht. Unterschriftenaktionen, Proteste und ganz viel Zuspruch – Ralle und sein Mr Ed‘s erlebten in den letzten zwei Jahren eine Welle der Solidarität. „Das war einfach schön zu wissen und zu sehen, wie die Leute hinter einem stehen.“ Nicht nur bei den Warendorfern war die Rockabilly-Kneipe äußerst beliebt. „Unsere Stammgäste kamen aus dem ganzen Kreis“, berichtet Jörg Tecklenborg, jahrelang fest angestellter Mitarbeiter des Ed‘s.

Legendäre Partys und Konzerte wurden gefeiert. In der Kneipe auf der Emsstraße fühlten sich die Menschen heimisch. Selbst unter der Woche war das Mr. Ed‘s oft voll besetzt.

Ralle ist loyal, auf ihn ist Verlass. Und er ist planlos – natürlich im positiven Sinn.

Jörg Tecklenborg über Ralle als "Chef"

Das alles wird nach der Abschiedsparty am 31. Dezember Geschichte sein. Für Ralle wird das nicht existenzbedrohend sein. Er habe zwar einen „hohen fünfstelligen Betrag“ an Gerichtskosten zu tragen gehabt, aber vorausschauend gedacht. „Vor zwei Jahren schon kamen bei mir Zweifel auf“, berichtet der gelernte Kupferschmied. „Als dann ein Jobangebot meines ehemaligen Chefs kam, habe ich sofort zugeschlagen.“

Seitdem arbeitet Ralle Friedrich als Disponent beim Personaldienstleister „HBS Industriedienste“ in Beckum. „Anstrengender, aber guter Job. mit einem geilen Team“, meint Ralle, der trotzdem nicht ausschließt, irgendwann noch einmal zurück in die Gastronomie zu gehen. „Schließlich war ich immer Gastronom mit Leib und Seele.“

Seit 1992 in der Gastronomie

1992 eröffnete Ralf Friedrich, gebürtiger Beckumer, mit seiner damaligen Frau eine Pommesbude in Westkirchen. „Vom Kupferschmied zum Frittenschmied“, lacht Ralle, der später für zwei Jahre auch in Freckenhorst eine Imbissbude betrieb. „Noch heute werde ich ja auch oft liebevoll Pommes-Ralle genannt.“

Doch 2011 verliebte sich leidenschaftliche Musikfan – in das Mr. Ed‘s. Dort jobbte er zunächst nebenbei, später wurde er von der damaligen Betreiberin Miriam „Miri“ Oertker fest eingestellt. 2014 stand ein großer Umbruch an. Miri hat keine Lust mehr auf Gastronomie. Aus dem Laden, wo damals das Mr. Ed‘s war, wurde die „Alte Frieda“, das Ed‘s zog auf die andere Straßenseite, wo zuvor Miriam Oertkers zweiter Laden, das „Café Carbar“ (zuvor Hinz und Kunz) beheimatet war. Ralle wagte den Sprung in die Selbstständigkeit und übernahm.

Die Erfolgsgeschichte des Ed‘s nahm seinen Lauf. Die Musikkneipe war beliebter Anlaufpunkt – für alle Generationen. Ralle wurde zu einem der Gesichter der Stadt. Hunderte Gäste bezeichnen ihn als „guten Kumpel“. Der gute Kumpel wird Bestand haben, das Ed‘s nicht. „Leider“ - ist sich ganz Warendorf, mit Ausnahme von wenigen Nachbarn, einig.

Ralf „Ralle“ Friedrich, von seinem ehemaligen Mitarbeiter Jörg Tecklenborg als „loyal und planlos – im positiven Sinne“ beschrieben, verabschiedet sich nun also. Nicht still und leise – das ist nicht die Art des tätowierten Autoliebhaber – sondern mit einer lauten Abschiedsparty an Silvester. Und da wird dann wohl auch die ein oder andere Träne kullern – nicht nur bei Ralle.

Versteigerung des Inventars

Für Donnerstag, den 27. und Freitag, den 28. Dezember hat Ralf „Ralle“ Friedrich kurzfristig eine Versteigerung des Mr. Ed‘s Inventars angesetzt. Interessierte können jeweils ab 17.15 Uhr diverse Dekorationen und Erinnerungsstücke der Kultkneipe ersteigern. Blechschilder, Elektroteile, Geweihe, eine Schaufensterpuppe, eine aufblasbare Salitosflasche, ein Klavier, Beleuchtungsartikel, ein Kontrabass, eine E-Gitarre, ein Saxophon, verschiedene Tafeln und vieles mehr, kommen unter den Hammer!

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