Prof. Dr. Paul Leidinger interpretiert Recherchen der Stadt anders
„Weder Emshafen noch Schifffahrt“

Warendorf -

Prof. Dr. Paul Leidinger, ehemaliger Vorsitzender des Kreisheimatvereins, widerlegt die Recherchen der Stadt, wonach Warendorf früher einen Emshafen und eine Ems-Handelsschifffahrt gehabt haben soll. Leidinger spricht von einem verspäteten Aprilscherz: „Eine Emsschifffahrt im Oberlauf des Flusses bis Greven war weder damals noch heute möglich und fand daher auch nicht statt.“

Dienstag, 16.04.2019, 18:00 Uhr
Kein Schiff, sondern eine Pünte: Laut Paul Leidinger handelte es sich bei den Booten auf der Ems um Last- und Transport-Kähne, die – den Quellen gemäß – zu Wartungs- und Sicherungsarbeiten der früheren Stadtmauer Warendorfs und der tragenden Holzpfeiler der Stadtbrücken eingesetzt werden konnte
Kein Schiff, sondern eine Pünte: Laut Paul Leidinger handelte es sich bei den Booten auf der Ems um Last- und Transport-Kähne, die – den Quellen gemäß – zu Wartungs- und Sicherungsarbeiten der früheren Stadtmauer Warendorfs und der tragenden Holzpfeiler der Stadtbrücken eingesetzt werden konnte Foto: Stadt Warendorf

„Eine Emsschifffahrt im Oberlauf des Flusses bis Greven war weder damals noch heute möglich und fand daher auch nicht statt“, meldet sich jetzt Prof. Dr. Paul Leidinger im Vorfeld des in Warendorf am 18. und 19. Mai stattfindenden Hansetages zu Wort. Der ehemaliger Vorsitzender des Kreisheimatvereins widerlegt die Recherchen der Stadt, wonach Warendorf früher einen Emshafen und eine Ems-Handelsschifffahrt gehabt haben soll. Leidinger spricht von einem „verspäteten Aprilscherz“. Man dürfe das heutige Bild der seit den 1930er Jahren im Oberlauf östlich von Münster weitgehend kanalisierten Ems nicht auf die frühere bestehenden Flussverhältnisse übertragen, die durch die Renaturierung des Flusses im Bereich Einen seit kurzem weitgehend wieder hergestellt sind. Und er führt weiter aus: „Die als Quelle angeführten, vom ersten Kreisarchivar Siegfried Schmieder (1939-2010) in elf Bänden herausgegebenen „Ratsprotokolle und Kämmerei-Rechnungen der Stadt Warendorf“ für die Jahre 1573-1790 (der abschließende Band 12 für die Jahre bis 1803 ist noch in Arbeit) liefern dazu keinen Beleg, vielmehr zuverlässige Gegenbeweise.“

In den vorliegenden elf Bänden, auf insgesamt circa 10 000 Seiten, so Leidinger, seien etwa 300 Belegstellen zum Begriff „Schiff“ zu finden, darunter jedoch keine zum Begriff „Ems-Schifffahrt“ oder „Emshafen“. Der Begriff „Hafen“ komme gar nicht vor.

Gehe man die circa 300 Belegstellen „Schiff“ durch, so gewinne man einen eindeutigen Eindruck: „Es handelt sich bei dem städtischen Schiff um eine Pünte, Niederdeutsch „punte“, ein Fähr- und Transportschiff, das an beiden Enden offen ist.“ Ein Last- und Transport-Kahn, der – den Quellen gemäß – zu Wartungs- und Sicherungsarbeiten der früheren Stadtmauer Warendorfs und der tragenden Holzpfeiler der Stadtbrücken eingesetzt werden konnte.

Durch die jährlich mehrfach eintretenden Überschwemmungen der Ems seien eine permanente Wartung der Brücken und der Stadtmauer notwendig gewesen. Die Sanierungsarbeiten erfolgten von den Stadtgräben aus, um an die Fundamente sowohl der Brücken (Ems-, Osttor-, Freckenhorster – und Münster-Brücke) als auch Stadtmauern heranzukommen. Steine, Geröll, Lehm und Sand dienten zur Stabilisierung. Materialien und Werkzeuge wurden in den Booten transportiert. Die relativ engen Stadtgräben wie auch die engen Abstände der Brückenpfeiler setzten dabei der Größe der Last- und Arbeitskähne enge Grenzen, so Leidinger. „Da die Gräben an der Südseite der Stadt (vom Osttor bis zum Münstertor) nicht besonders tief waren, war hier der Pflanzenbewuchs regelmäßig zu beschneiden. Für diese Arbeiten gab es in der Regel zwei Schiffe, einen kleineren Kahn, der auf dem Graben am Freckenhorster Tor stationiert war, und ein größeres Boot, das auf der Ems seinen Liegeplatz am Emstor hatte, im 18. Jahrhundert dann zunehmend auf dem Mühlenkolk unterhalb der Emsmühle, so dass es in den Quellen auch einmal als „Kolk-Schiff“ bezeichnet worden sei.

Laut Quellen sei eine Nutzung der Ems westlich des Mühlenkolks in Richtung Telgte für einen Bootsverkehr gar nicht infrage gekommen, „vielmehr wurde das Warendorfer Boot einmal von Telgte angefordert, das Telgter einmal von Warendorf, wobei der Transport über Land mit einem zweispännigen Pferdefuhrwerk bewältigt wurde. Dagegen konnte das Emsboot in östlicher Richtung durch den Stau des Flusses an der Warendorfer Emsmühle bis Haus Werl, wo eine Munitionswerkstätte war, fahren und weiter über den Hof Everwand bis in Sassenberger Gebiet.“

Mit der nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763) 1764 erteilten Genehmigung des bischöflichen Landesherrn zum Abbruch der Stadtmauern fanden auch die genannten Stadt-„Schiffe“ ihr Ende.

Erfolgreicher als die Schifffahrt auf der Ems, so Leidinger, sei die Holzflößerei gewesen. „Sie war zu Zeiten der jährlich eintretenden Hochwasser des Flusses mit der Überschwemmung des breiten Emstales und teils auch der angrenzenden Ackerfluren möglich und wurde tatsächlich auch ausgeübt. So wurden in den Warendorfer Stadtwaldungen „Mierenbrinck“ und „Fredde“ wachsende Bäume seit dem Ende des 18. Jahrhundert bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts regelmäßig durch Flößerei den Schiffsbauwerften in Papenburg an der Ems über den Fluss zugeflößt. „ Das sei der zeitgenössischen Familienchronik der Warendorfer Bürgerfamilie Wilcken zu entnehmen. Die Familie habe sich ab 1870 von Bremen aus dem frühen Ölimport aus Baku am Kaspischen Meer zugewandt.

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