WN-Hausbesuch bei Weltenbummler und Malermeister Richard Tenbrock
Deutsche Wandervögel in der Blauen Grotte

Warendorf -

Die Westfälischen Nachrichten kommen zu Ihnen nach Hause. WN-Redakteur Joachim Edler hat sich vorgenommen, 33 Hausbesuche in diesem Jahr zu machen. Immer im Mittelpunkt: der Mensch. Der vierte Hausbesuch fand bei Malermeister und Weltenbummler Richard Tenbrock am Springbernbaum in Warendorf statt.

Freitag, 19.04.2019, 06:00 Uhr
Richard Tenbrock in seinem Wohnhaus am Springbernbaum in Warendorf. Von seinen vielen Reisen, die er unternahm, zeugen die Fotos in den Alben und etliche abgelaufene Reisepässe.
Richard Tenbrock in seinem Wohnhaus am Springbernbaum in Warendorf. Von seinen vielen Reisen, die er unternahm, zeugen die Fotos in den Alben und etliche abgelaufene Reisepässe. Foto: Joachim Edler

Stadtlohn, 11. März 1945: Richard Tenbrock ist zwölf Jahre jung, als die Stadt von den Alliierten bombardiert wird. Sieben Meter von ihm entfernt schlägt eine Bombe ein. Er sucht Deckung hinter einer Mauer, die Druckwelle fegt über ihn hinweg, ein Splitter trifft ihn am Kopf. Der Junge überlebt. Ein Stück Stadtlohner Geschichte, die Richard Tenbrock sieben Jahre später für seine Heimatstadt niederschreibt.

Szenenwechsel: Richard Tenbrock sitzt an seinem Esstisch im Wohnhaus am Springbernbaum in Warendorf – und er hat viel zu erzählen. Von seinen Lehrjahren, seiner Wanderschaft, seinen Reisen und seinem sozialen Engagement. Am Amazonas sei er gewesen – nicht von ungefähr. Als ein Pater in der St. Josef Kirche für den Hausbau für arme Menschen warb, und ihn abends beim Abendessen überzeugte, spendete Richard Tenbrock 3000 D-Mark für den Bau einer solchen Hütte. „Da es das Leben all die Jahre gut mit mir gemeint hat, möchte ich der Gesellschaft etwas zurückgeben.“ Der 86-Jährige ist sichtlich bewegt, als er eine Kladde öffnet und auf die kleinen und großen Hilfsprojekte zeigt, die er still und ohne seinen Namen zu nennen unterstützt hat.

Geboren am 7. Februar 1933 in Stadtlohn, als sechstes Kind von neun Geschwistern. Fünf Mädchen und vier Jungs. „Während meine fünf Schwestern noch leben und alle um die 90 und älter sind, habe ich meine drei Brüder überlebt.“

Richard Tenbrock wird in eine Maler-Dynastie hineingeboren. Sein Vater, sein Urgroßvater und Ur-Ur-Großvater hatten einen Malerbetrieb. Er selbst steigt auch in den Beruf ein, wie seine drei Brüder. Doch die 150-jährige Maler-Dynastie, die sein Sohn Arnd Tenbrock seit 1999 fortsetzt, wird wohl aussterben. „Meine Enkelkinder haben andere Interessen, keiner von ihnen möchte Maler werden.“

Wie sein Sohn Arnd bei ihm gelernt hat, ging Richard Tenbrock bei seinem Vater Josef in die Lehre. Das war 1947. Drei Jahre später Gesellenprüfung, ein Jahr als Geselle in Coesfeld gearbeitet – dann trieb es den jungen Handwerksburschen in die weite Welt hinaus. Stadtlohn war ihm zu eng geworden. Gemeinsam mit Bruder Walter ging es auf Wanderschaft, die Walz. Fünf spannende und erlebnisreiche Jahre, die Richard Tenbrock nie missen möchte. „Ich bin ein Weltenbummler“, lacht er. Von seinen vielen Reisen zeugen die Fotos in den Alben und etliche abgelaufene Reisepässe. Erste Station seiner Walz war Breuning im Schwarzwald, es folgten Tannheim, Donaueschingen, Waldshut. „Wenn wir kein Geld mehr hatten, haben wir als Maler gearbeitet, meistens Häuserfassaden gestrichen. Übernachtet in Kolpinghäusern oder unter freiem Himmel; wir schoben uns dann Heuballen zusammen. In der Schweiz haben wir drei Monate an einem Stück gearbeitet und so unsere Italienreise finanziert.“

Zeitlich hatten sich die Tenbrock-Brüder kein Limit gesetzt, sie wollten sich ohne Zwang treiben lassen. Mailand, Mille Miglia, Rimini, Pescara, Apennin, Abruzzen, Rom – teils zu Fuß, teils per Anhalter im Auto. Deutsche Wandervögel in Italien. Ein Viehtransporter nahm die Maler-Gesellen mit nach Rom. Die Ladung: zwei Bullen. „Wir machten die ganze Nacht kein Auge zu – vor Angst.“ Ein Besuch der Blauen Grotte war Pflichtprogramm. Nach Capri ging es mit dem Gemüsefrachter, der im Hafen von Salerno lag. „Unsere Freude wurde etwas getrübt. Wir hatten kein Geld mehr für den Eintritt. Umgerechnet fünf Mark pro Person. Bevor die Touristen kamen und die Kasse öffnete, sind wir um fünf Uhr in der Früh in die Blaue Grotte geschwommen.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6552740?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F35766%2F
Liveblog: So hat Europa gewählt
Europawahl: Liveblog: So hat Europa gewählt
Nachrichten-Ticker