50 Jahre Grundschule Milte
Ein Glücksfall für die Schule

Milte -

Die gute Seele der Wilhelm-Achtermann-Schule, die gerade 50 Jahre alt geworden ist, ist ihr Hausmeister. Ludger Ketteler ist aber noch viel mehr, unter anderem Schulbusfahrer. Ab und zu bewegt er sich mit den Grundschülern auf Abwegen. Zum Beispiel, wenn auf dem „Hexenweg“ wieder einmal die Hexe geärgert werden soll.

Freitag, 03.05.2019, 17:49 Uhr
50 Jahre Grundschule Milte: Ein Glücksfall für die Schule
Foto: Joke Brocker

„Ich habe die Ferien und dann noch zusätzlich 30 Tage Urlaub“, pflegt Ludger Ketteler zu scherzen, wenn ihn Freunde mal wieder um seinen Job als Hausmeister der Wilhelm-Achtermann-Schule beneiden. Das sei natürlich Quatsch, gibt er zu. Trotzdem: Den Wechsel von der Werkstatt in die Schule hat der gelernte Tischler nie bereut. Die Hausmeister-Loge mit freiem Blick auf den Schulhof sei „der beste Platz“, findet der 59-Jährige. Immer öfter sitzt er hier, um „Papierkram“ zu erledigen: „Das wird immer mehr. Der Stromverbrauch muss gemessen werden, Brandschutztüren müssen regelmäßig geprüft, die Rauchmelder getestet werden. Und das muss alles dokumentiert werden.“

Als Ketteler vor 18 Jahren den Hausmeister-Posten in seiner alten Grundschule antrat – er gehörte zu jenen Kindern, die vor 50 Jahren, ihre Stühlchen schleppend, von der alten Volksschule, dem heutigen Pfarrheim, über die Dorfstraße in das neue Grundschul-Gebäude an der Schulstraße umzogen – war das noch anders. Die Stadt Warendorf hatte eine zeitlich befristete Vertretung für den erkrankten Hausmeister Matthias Austermann gesucht. Und weil in der Tischlerwerkstatt Lienkamp, die ihn nach der Ausbildung übernommen hatte, in den Wintermonaten konjunkturbedingt weniger zu tun war, hatte Ketteler sich beworben. Als sich nach einem halben Jahr abzeichnete, dass der eigentliche Stelleninhaber nicht zurückkehren würde, wurde aus dem Job auf Zeit für Ludger Ketteler eine Festanstellung.

Zu den Aufgaben des Hausmeisters in Milte gehören nicht nur Reparaturarbeiten im und am Schulgebäude oder die Müll- und Laubentsorgung im Außenbereich, bei der die OGS-Kinder dem Hausmeister gerne zur Hand gehen. Wenn im Werkunterricht Laubsäge-Arbeiten angesagt sind, greifen die Lehrerinnen gerne auf den Fachmann zurück. Und Ketteler, der Spaß am Werkeln und überdies ein großes Herz für die Kinder hat, lässt sich nicht lange bitten. Prompt bescheinigten die Lehrerinnen dem „Glücksfall“ und „Schatz“ im Zuge einer offiziellen Qualitätsanalyse, in der die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter abgefragt wurde, eine „supertolle“ Arbeit: „Kaum gesagt, schon gemacht“.

Viele Stunden des Tages sitzt der Schulhausmeister am Steuer des Schulbullis, den er „ Paula “ getauft hat. In Erinnerung an Paula Gedigk, die bis ins hohe Alter in dem gleichnamigen ehemaligen Behelfsheim auf dem Schulhof gelebt hat und die Raumpflegerin regelmäßig beim Putzen der Schule unterstützte. 22 000 Kilometer im Jahr legt Ketteler mit seiner „Paula“ zurück, wenn er die Kinder morgens aus den Bauerschaften abholt und am Mittag wieder nach Hause fährt. Von 11.20 Uhr bis 13.30 Uhr sei er dann quasi nonstop unterwegs.

Logisch, dass Ketteler, der den Bulli nur in den Ferien und an den beiden Schützenfesttagen nicht durch das 36 Quadratkilometer große Gebiet steuert und jüngst in einer NRW-weiten Radio-Aktion zum besten Schulbusfahrer des Landes ernannt wurde, etliche Abkürzungsstrecken kennt. Wenn er seinen kleinen Passagieren eine Freude machen möchte, fährt er ihnen zuliebe das „Hexenpättken“ zwischen Vosskötter und Hülsmann in Hörste. Sobald das Haus der vermeintlichen Hexe in Sicht kommt, ein kleines Holzhäuschen auf halber Strecke, in dem Brennholz lagert, ist es im Bus mucksmäuschenstill. In Höhe des Häuschens wird zweimal gehupt und dann rasch Gas gegeben, um der ob der Ruhestörung wahrscheinlich fluchenden Hexe zu entkommen. „Ein bisschen Herzklopfen haben die Kinder da schon“, erzählt Ketteler schmunzelnd. Gelegentlich muss der Schulbusfahrer mit seinen jungen Passagieren aber auch ein ernstes Wörtchen reden. Als Marile, die inzwischen längst eine weiterführende Schule besucht, während der Busfahrt auf ihn einschimpfte, stoppte er den Bus und fragte: „Marile, was habe ich dir getan, dass du mich so beschimpfst?“ Am nächsten Tag bekam Ketteler ein selbst gemaltes Entschuldigungs-Schulbus-Bild von Marile, das er, genau wie dass Zeugnis, mit dem ihm ein Schüler einen „zu flotten Fahrstil“ attestierte, bis heute in einer Schatzkiste aufbewahrt. Marile, die wie etliche andere Ehemalige an freien Schultagen gelegentlich in der Grundschule – und dann auch im Büro des Hausmeisters auftaucht – hat er versprochen, dass sie das Bild zu ihrer Hochzeit zurückbekomme.

Mit Ablenkungsmanövern musste der dreifache Vater – seine jüngste Tochter ist mittlerweile 20 Jahre alt – arbeiten, als er Kindergartenkinder von Milte nach Müssingen fuhr. Um weinende Kinder, die am liebsten bei Mama und Papa geblieben wären, abzulenken, wurde auf dem Weg nach Müssingen in Höhe des Hofes Schmiehusen ein Zwischenstopp zum Esel gucken eingelegt. Danach waren die Tränen in aller Regel versiegt.

Wenn „Paula“, die mittlerweile 160 000 Kilometer auf dem Buckel hat, im nächsten Jahr in den offiziellen Ruhestand rollt, wird es ein neues Auto für den Hausmeister und Schulbusfahrer geben. Das würde er dann gerne „Otto“ nennen. In Erinnerung an Otto Knorr, „meinen besten Arbeitskollegen bei Lienkamp.“ Entschieden sei aber noch nichts, sagt Ketteler. Das letzte Wort hätten die Kinder.

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