Cabaret im Theater am Wall
Inszenierung mit politischer Botschaft

Warendorf -

Eine mitreißende Inszenierung des weltberühmten Musicals „Cabaret“ präsentierte das Landestheater Marburg jetzt im Theater am Wall. Das Es blieb nicht bei bloßer Unterhaltung während dieses Ausflugs in das Berlin der 20er-Jahre, die Regisseurin ließ die Akteure auf der Bühne auch eine politische Botschaft transportieren.

Mittwoch, 08.05.2019, 18:38 Uhr aktualisiert: 15.05.2019, 17:00 Uhr
Die KitKat-Girls in ihren Strapsen und Corsagen zeigten die frivole Seite des Berliner Nachtlebens, da durften sich auch zwei Männer in diesem Outfit dazugesellen.
Die KitKat-Girls in ihren Strapsen und Corsagen zeigten die frivole Seite des Berliner Nachtlebens, da durften sich auch zwei Männer in diesem Outfit dazugesellen. Foto: Axel Engels

Für viele Musicalliebhaber, die sich „Cabaret“ mit dem Landestheater Marbug nicht entgehen lassen wollten, wurde der bunte Ausflug in das Berlin der 20er-Jahre zu einem mitreißenden Erlebnis.

Das Kultmusical aus dem Jahr 1966 hatte mit diesem bestens aufeinander abgestimmten Ensemble aber auch alles, was man sich für eine grandiose Aufführung wünschen kann. Neben den liebevoll bis ins kleinste Detail stimmigen Kostümen und Requisiten hatte Christian Keul als musikalischer Leiter die Musik für das „kleine“ aber feine Orchester arrangiert. Die Stimmen konnten sich bei den weltbekannten Songs wie „Welcome“, „Two Ladies“ und „Tomorrow belongs to me“ bestens entfalten. Mit Ben Knop als Conférencier, Christian Simon als Clifford Bradshaw , Camil Moraiu als Ern Ludwig und Jorien Gradewitz als Sally Bowles erlebte man Schauspieler, die auch stimmlich den Rollen durchaus gerecht wurden.

Gemeinsam besuchte man den farbenfroh glitzernden „KitKatClub“, erlebte dort einen für das Treiben im goldenen Berliner Zeitalter typischen Tanz auf dem Vulkan. Dieses Musical war nicht nur reine Unterhaltung. Die Regisseurin Carola Unser schaffte es, den heute noch aktuellen politischen Ansatz von Rassismus und Antisemitismus sensibel einfließen zu lassen. In der pulsierenden weltoffenen Stadt Berlin sind die braunen Agitatoren in Zeiten der Wirtschaftskrise unterwegs, gewinnen immer mehr Macht.

Das überschattet auch die Beziehung des jungen amerikanischen Schriftstellers Clifford Bradshaw mit der Nachtclubsängerin Sally Bowles, deren Glück eben nicht von langer Dauer ist. Wenn dann die roten Lichter des „KitKatClub“ leuchteten, die Tänzerinnen sich zur allseits bekannten Musik zwischen Ragtime und Jazz in amourösen Choreographien bewegten und der Conférencier lächelnd die große Treppe zum Bühnenboden herab schritt, war das Vergnügen der Besucher komplett.

Die KitKat-Girls in ihren Strapsen und Corsagen zeigten die frivole Seite des Berliner Nachtlebens, da durften ruhig auch zwei Männer in diesem Outfit sich dazugesellen. Temporeich und überaus witzig ging es in diesem Etablissement zu, und das wurde einfach köstlich auf die Bühne des Theaters am Wall gebracht.

Wenn sich die Schatten der politischen Unruhen auf das lebensfrohe Treiben im Club herabsenkten, machte Regisseurin Carola Unser dies mit einem gleichsam alles trennenden Schnitt. Die bedrückende Stimmung wirkte so noch intensiver, gleichsam als Abgesang an die freiheitliche und lebensfrohe Gesellschaft. Dann ändern sich sogar die Wertvorstellungen. Die Hure Fräulein Kost, süffisant von Victoria Schmidt gespielt, sah ihre Arbeit an dem Matrosen Daniel Sempf dann sogar als vaterländische Pflichterfüllung.

Die beiden Liebespaare – der Schriftsteller Clifford Bradshaw und die Nachtclubsängerin Sally Bowles sowie die Vermieterin Fräulein Schneider und der jüdische Obsthändler Schulz – scheitern schließlich. Denn Unverständnis und Sprachlosigkeit sowie Angst vor den nationalsozialistischen Machenschaften sind wohl stärker.

Diese Inszenierung war sehr vielschichtig angelegt, kreiste aber immer um die aktuellen Bezüge. Da fühlte man sich bei dem jederzeit spürbaren Ansatz „Wehret den Anfängen“ stark an das Lied „Sei wachsam“ von Reinhard Mey erinnert.

Die Zeiten mögen sich geändert haben, sich zurücklehnen darf man aber nicht. Dies als Botschaft eines in anderen, gewohnten Produktionen oftmals rein unterhaltsam angelegten Musicals war schon etwas Besonderes.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6597953?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F35766%2F
Nachrichten-Ticker